Narzissmus

„Ich war ein Narzisst!“ – wenn Selbstliebe krank macht

Daniel Simon kämpfte jahrelang mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Er möchte nun anderen Menschen helfen.

Daniel Simon kämpfte jahrelang mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Er möchte nun anderen Menschen helfen.

Foto: York Augustin

Daniel Simon schwankte zwischen Arroganz und Depression. Für Angehörige war er eine große Belastung – wie er seine Krankheit besiegte.

Lübeck. Jahrelang nannte sich Daniel Simon in der Öffentlichkeit nur Leonard Anders. Das Pseudonym, ein Schutz für sich selbst und seine Familie. Eine Maske, die ihm die Möglichkeit gab, das offen zu sagen, was viele nie äußern würden: „Ich bin ein Narzisst“.

Narzissten gelten als selbstverliebte und arrogante Zeitgenossen, die andere Menschen schlecht behandeln, psychisch aussaugen und missbrauchen und sich dabei selbst immer über alle anderen stellen. Ob am Arbeitsplatz, in der Familie oder im Bekanntenkreis – fast jeder glaubt, einen Narzissten zu (er)kennen. Dabei hat jeder Mensch narzisstische Grundzüge, da sind sich Psychologie und Forschung einig. Eine gesunde Selbstliebe steckt in uns allen.

Ein Leben am Limit – bis zum Suizidversuch

Erst, wenn die extremen Selbstüberzeugungen überhandnehmen, entwickelt ein Mensch eine narzisstische Persönlichkeitsstörung (NPS). Bei Daniel Simon nahmen sie Überhand. Viele Jahre lang. „Ich habe mein Leid und meinen Schmerz nicht verstanden. Meine Wut darüber hat mein Umfeld abbekommen. Wenn etwas in meinem Leben nicht klappte, habe ich mich abgelenkt – mit arrogantem Verhalten, neuen Partnerinnen, Alkohol und waghalsigen Aktionen. Ich habe reflektiert, konnte es aber nicht umsetzen. Ich war unbewusst und verantwortungslos. Für mich waren oft die Umstände oder die anderen schuld.“

Mal springt Daniel Simon von einer Brücke, erst „nur so zum Spaß“, mal balanciert er über eine Eisenbahnbrücke, bis die Polizei ihn in Gewahrsam nimmt: „Wenn der Amtsarzt mich nicht in die Psychiatrie einwies, war Feiertag für mich“.

Mit der Zeit werden die Symptome schlimmer. Bis er sich Hilfe sucht, überlebt der 35-Jährige insgesamt fünf Suizidversuche. „Manchmal war es ein Hilfeschrei, an anderen Tagen wollte ich es einfach nur durchziehen“, erinnert er sich heute. Die Folge: Mehrere Aufenthalte auf der Intensivstation, manchmal sogar ans Krankenbett fixiert und an etliche Geräte angeschlossen.

„Ich habe danach immer gesagt, ich würde das nie wieder tun. Aber wenn der Schmerz kommt, denkt man nicht mehr so weit.“ 2013 folgt dann der Zusammenbruch, der ihn wachrüttelt. „Ich war es leid, auszurasten. Es hat meinen Schmerz nicht gelindert, zusätzlich musste ich mich danach immer mit meinem schlechten Gewissen herumschlagen und mich bei meinem Umfeld entschuldigen. Ich wollte das alles nicht mehr.“

Fünf Jahre Therapie gegen die narzisstische Persönlichkeitsstörung

Daniel Simon sucht sich Hilfe beim Gesundheitsamt, schließt einen Non-Suizid-Vertrag ab und geht freiwillig in eine Klinik. Fünf Jahre intensiver Behandlungen folgen: Trauma- und Schema-Therapien, ergänzt durch verschiedene Techniken, die seine Blockaden lösen sollen. Denn die narzisstische Persönlichkeitsstörung ist tief verwurzelt, oft in der Kindheit.

Transgenerationale Weitergabe heißt das im Fachjargon: Traumata im Mutterbauch und in der Kindheit formen demnach oftmals den Charakter und auch die psychischen Störungen.

Bei ihm war es Missbrauch durch seine Mutter und Mobbing in der Schule. „Es war ein langer Prozess, mein inneres Kind zu verstehen und das alles zu verarbeiten. Aber ich musste Verantwortung für mich und mein Handeln übernehmen.“ Nur wenige Menschen mit NPS finden den Weg zum Arzt, schließlich sind sie die meiste Zeit davon überzeugt, das Richtige zu tun, um ihr idealisiertes Selbstbild aufrecht zu erhalten. Auch deshalb haben Therapien meist keinen, oder nur wenig Erfolg.

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Daniel Simon: „Ich hatte keinen Zugang zu meiner Traurigkeit“

Daniel Simon stößt an seine Grenzen. In der Therapie muss er mit Konfrontationen zurechtkommen: „Ich bin ständig zurückgeworfen worden, musste meine Kindheit reflektieren und mich damit beschäftigen, wieso ich was getan habe.“ Denn Menschen mit NPS können sich nur sehr schwer mit sich selbst verbinden. „Ich hatte keinen Zugang zu meiner Traurigkeit. Ich konnte keine Gefühle zulassen oder mich in mich selbst hineinversetzen. Meine erlernte Strategie war einfacher: Wut. Das habe ich meine Therapeuten auch spüren lassen.“

Doch die geben nicht auf. Mit viel Empathie öffnen sie Daniel Simon schließlich die Augen. „Ich kann mich noch an den Tag erinnern, wo ich meiner Therapeutin endlich sagen konnte: Danke, dass Sie an mich geglaubt haben. Sie haben Recht mit dem, was sie sagen.“

Der 35-Jährige findet zu sich – spricht von Heilung. Klinisch betrachtet hat er keine narzisstische Persönlichkeitsstörung mehr. Er beschließt, ein Buch zu schreiben. In die Öffentlichkeit zu treten. „Der Hass im Internet ist unfassbar, die Stigmatisierungen und Zuschreibungen manchmal nicht auszuhalten. Erst habe ich mich gerechtfertigt und manchen so genau das gegeben, was sie hören wollten. Heutzutage mache ich das nicht mehr. Ich bin zufrieden mit mir selbst.“

2018 erscheint „Ein Narzisst packt aus“, indem er seine Geschichte detailreich erzählt, untermauert mit Meinungen aus der Wissenschaft und Psychologie. Er beginnt eine Ausbildung zum Heilpraktiker für Psychotherapie und bietet Coachings in punkto Lebensberatung und Krisenintervention an, speziell für Menschen in narzisstischen Krisen.

Selbsthilfe für Betroffene und Angehörige

„Ich möchte Menschen helfen, einfach weil ich es kann. Ich wünsche niemandem, durch so etwas gehen zu müssen. Ich habe viel Scheiße erlebt und sah mich selbst als Opfer. Manchmal wurde ich deshalb zum Täter. Erst an mir selbst, dann gegenüber anderen. Doch ich habe den Absprung geschafft. Das alles zu akzeptieren, half mir mich selbst zu finden. Jetzt ziehe ich Kraft daraus, anderen zur Seite zu stehen, ganz gleich ob es Kinder narzisstischer Eltern, Partner von Narzissten oder eben Narzissten selber sind.“

Im Mai dieses Jahres gründete er zusammen mit dem Kieler Heilpraktiker Arne Salisch die „Narzissmus-Selbsthilfe-Deutschland“. „Wir möchten Betroffenen und ihren Angehörigen helfen und versuchen, in jedem Bundesland Selbsthilfegruppen zu initiieren.“

Es gibt bereits geschlossene Gruppen in Dortmund und Gelsenkirchen. Wer Interesse an einer Teilnahme hat, kann sich an verschiedene Stellen wenden, auch die Selbsthilfe-Initiative vermittelt. Im Januar 2020 eröffnet eine weitere Gruppe in Remscheid unter der Schirmherrschaft der Initiative, die mit Informationen und Kontakten zur Verfügung steht. Für Menschen, die keinen Platz in einer Gruppe finden, bietet die Initiative auch Beratungen und Coachings an. Das Zauberwort lautet: Selbstverantwortung. Von Opfern und Tätern. Daniel Simon möchte jetzt nach vorne schauen. Leonard Anders, der Narzisst, ist Vergangenheit.

Mehr Informationen gibt es auf der Internetseite der Selbsthilfe-Initiative.

>>> Ein Arzt erklärt: „Es gibt viel mehr Narzissten, als wir glauben“

Arroganz, Selbstliebe und Egozentrik im Übermaß gelten in unserer Gesellschaft als verpönt. Schnell bekommen Menschen mit diesen Eigenschaften den Stempel „Narzisst“ aufgedrückt. Doch narzisstische Züge sind in unserer Gesellschaft stark verbreitet. Dr. Georg Juckel, ärztlicher Direktor am LWL-Universitätsklinikum der Ruhr-Universität Bochum für Psychiatrie, Psychotherapie und Präventivmedizin beschäftigt sich seit zwei Jahren intensiv mit dem Thema: „Es ist ein größer werdendes Problem unserer Gesellschaft, das ist klar zu beobachten.“

Abseits des normalen und gesunden Narzissmus kann sich auch eine extremere Form herauskristallisieren. Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung (NPS) sind allerdings noch kaum erforscht. „Die Dunkelziffer ist extrem hoch. Es dürften viel mehr Narzissten unter uns leben, als wir annehmen“, so Juckel.

Grundlage zu der Diagnose einer Persönlichkeitsstörung sind insgesamt neun Merkmale. Erst bei fünf zutreffenden Charakteristika wird ein Patient diagnostiziert. Menschen mit einer NPS haben demnach ein übertriebenes Selbstwertgefühl, Fantasien von grenzenlosem Erfolg und die Ansicht, einzigartig zu sein. Sie haben ein ausgeprägtes Verlangen nach Bewunderung, sind oft von Neid durchzogen und nutzen zwischenmenschliche Beziehungen zu ihrem Vorteil aus. Das äußert sich oft in Arroganz und einem Mangel an Einfühlungsvermögen.

Narzissten fehlt eigentlich die Selbstliebe

So ausgeprägt die vollkommene Selbstüberschätzung nach außen hin auch wirken mag, überspielt sie doch nur ein sehr niedriges Selbstwertgefühl. Die Medizin kann nur mutmaßen, wo die Störung entsteht, doch viele Wissenschaftler verorten das Trauma in der Kindheit. Das, was einem Kind vorgelebt wird, begleitet es sein gesamtes Leben.

„Wir gehen davon aus, dass viele Menschen der nachwachsenden Generation Veränderungen durchgemacht haben. Durch Scheidungen oder Patchwork-Familien kann sich eine frühe Identitätsstörung bilden“, so Juckel. „Auch Vernachlässigung und fehlende Liebe sind starke Faktoren.“

Der eigentliche Mangel an Selbstliebe wird dann im Erwachsenenleben überkompensiert. So kommt es oft zu ambivalentem Verhalten, das das Umfeld verwirrt und auch krank machen kann; Mal ist der Betroffene überheblich, manipulativ und entwertend, dann ist er wieder unglücklich, depressiv und voller Selbstzweifel. Diese emotionale Gewalt gegen das Umfeld durch Manipulation und psychischen Missbrauch wird „Gaslighting“ genannt. Das Hin und Her belastet Angehörige und Partner, stürzt aber auch den Menschen mit der Persönlichkeitsstörung in ein tiefes Loch. Die Suizidrate ist dementsprechend hoch. Aufgrund ihrer Selbsteinschätzung suchen die meisten Betroffenen allerdings keinen Arzt auf, weil sie nicht verstehen können, dass sie Hilfe brauchen.

Erfolgreiche Narzissten werden keine Therapie in Anspruch nehmen

Die Einsicht des Betroffenen ist aber die Grundvoraussetzung für eine Therapie – und selbst dann ist die Krankheit kaum behandelbar. „Betroffene kommen meist mit einer tiefen Depression in Therapie, aber erst wenn sie viel Negatives erlebt haben“, sagt der Mediziner. „Erfolgreiche Narzissten werden diesen Weg nicht wählen.“

Der Text ist zu allererst auf waz.de erschienen.