Auswandern

Eine Aussteigerin erzählt, was ihr Afrika beigebracht hat

Erst in Afrika hat die ehemalige Journalistin innere Stille gefunden

Erst in Afrika hat die ehemalige Journalistin innere Stille gefunden

Foto: Gesa NeitzeL

Gesa Neitzel hat sich im afrikanischen Busch zur Rangerin ausbilden lassen. In ihrem neuen Buch erzählt sie, wie sie das verändert hat.

Berlin. Nachts ist es unglaublich still in der Savanne. Ein Zustand, den man aus Städten gar nicht mehr kennt – und selbst auf dem Land nur noch selten erlebt. Bis auf das Rascheln der Blätter und verheißungsvolles Knacken von Stöcken in den Büschen ist es völlig ruhig.

Diese Momente teilt Gesa Neitzel mit ihren Safari-Teilnehmern am liebsten, wenn sie mit ihnen durch den afrikanischen Busch streift. Viele Menschen, die diese Ruhe zum ersten Mal erleben, sind jedoch überwältigt.

Sie fangen an etwas zu erzählen, nur um ihr zu entkommen. Dabei ist sie etwas sehr Seltenes und deshalb Wertvolles, findet Neitzel. In diesen Momenten ermutigt die Rangerin ihre Abenteurer dazu, sie nicht abzuschütteln, sondern stattdessen in sie einzutauchen und ihr nachzuspüren. Denn die Stille der Wildnis, so Neitzel, ist niemals peinlich.

Alles hinter sich lassen und noch einmal neu anfangen. Was viele sich nur in ihren kühnsten Träumen

vorstellen, hat Gesa Neitzel getan. Nach fünf Jahren als Redakteurin in der Berliner Musikfernsehszene mit Konzerten, schillernden Partys und Prominenten kehrt die 32-Jährige dieser stressigen Welt den Rücken und reist nach Südafrika in den Busch um sich zur Rangerin ausbilden zu lassen.

Seitdem hat sie in zahlreichen Ländern Afrikas gelebt und bietet jetzt gemeinsam mit ihrem Partner Frank private Safaris an. In ihrem neuen Buch „The Wonderful Wild“ lädt die Spiegel-Bestsellerautorin ihre Leser dazu ein, an einer Reise in das eigene Selbst teilzunehmen. In der Wildnis lernt sie, im Moment zu leben und sich wieder darauf zu besinnen, was wirklich wichtig ist.

Gesa Neitzels „The Wonderful Wild“: Der innere Kritiker und die Achtsamkeit

Die eigene Angst zu überwinden und endlich den entscheidenden Schritt zu gehen, der glücklich macht, ist die schwierigste Aufgabe der man sich stellen kann. Vor allem, weil „unser innerer Kritiker“, wie Neitzel ihn nennt, versuchen wird, uns davon abzuhalten. Der Kritiker ist eine eindringliche Stimme im Kopf, die einem stets zuflüstere, dass man nicht gut genug sein wird, dass das eigene Vorhaben zu waghalsig sei und dass man doch lieber da bleiben sollte, wo es gerade am sichersten ist.

In den afrikanischen Busch zu gehen widerstrebte Neitzels innerem Kritiker deshalb besonders. Ist das nicht gefährlich? Und die ganzen wilden Tiere! Neitzel fand jedoch heraus, dass die Natur nicht gefährlich ist. Im Gegenteil, sie befreit. Denn sich in der Wildnis zwischen Tieren zu bewegen sei unserem Körper viel näher als der Großstadtdschungel. „Wenn man hier in Berlin an einem Tisch mit weißen Tischdecken sitzt, kann man sich nicht vorstellen, wie geschult unsere Instinkte und der Körper noch darauf sind, sich in der Wildnis zu bewegen.“

Das Stichwort ist Achtsamkeit, oder auf Englisch „mindfulness“. Gemeint ist ein Geisteszustand, in dem der Mensch im Moment lebt, hellwach ist und sich nicht von Gedanken und Emotionen ablenken lässt. Achtsamkeit ist in den letzten Jahren vor allem in den Metropolen zu einem echten Trend geworden. Sie soll dabei helfen, den immer schneller werdenden, hochdigitalisierten Alltag besser zu meistern. In ihrem Buch beschreibt Neitzel, die jüngst auch mit Markus Lanz über ihr Auswandern sprach, jedoch eine andere Art von Achtsamkeit.

Der afrikanische Busch, in dem es weder Internet, Breaking News noch endlos klingelnde Telefone gibt, hat Neitzel dabei geholfen, achtsamer zu sein. Aber auch wenn man nicht das große Abenteuer plant, schreibt Neitzel, kann man viele Kleinigkeiten in seinem Leben verändern, die schließlich glücklich machen.

„Damals habe ich beim Spazierengehen immer laute Musik gehört und mich abgeschirmt von dem, was um mich herum passiert“, erinnert sie sich. „Wenn ich jetzt in Deutschland bin um als Autorin zu arbeiten bin ich aufmerksamer. Jetzt lebe ich mehr im Moment.“

In ihrem Buch beschreibt sie, dass Achtsamkeit der mentale Urzustand ist, in dem sich der Körper am wohlsten fühlt. „Früher mussten die Menschen achtsam sein um zu überleben. Deshalb fühlt es sich besser an achtsam und aufmerksam zu sein als den ganzen Abend passiv auf der Couch zu liegen und Fernsehen zu gucken.“

Mit der Natur im Einklang

Neitzels zweites Buch – schon 2017 hatte sie als ihr Leben als Rangerin berichtet – ist nicht nur eine kritische Auseinandersetzung mit sich selbst und der hektischen, modernen Welt. Es ist auch eine Hommage an die Natur und was wir von ihr lernen können. „Ich glaube wir vergessen zu oft, dass wir als Menschen auch nur Tiere sind, und dass wir eins sind mit der Natur“, sagt Neitzel. „Erst im afrikanischen Busch habe ich erkannt, wie sehr wir als Menschen die Natur brauchen.“

Voller Leidenschaft und Witz erzählt Neitzel von den Eigenarten der Affen, der Löwen und der verspielten Baby-Elefanten, die sie auf ihren Safaris hautnah erleben darf. „Bei den Affen gibt es genauso wie bei uns die aufmüpfigen Teenager, die Frauen, die sich gegenseitig das Fell machen und den alten weisen Affen, der wie ein Großvater gemütlich auf einem Baumstamm sitzt.“ Besonders beeindruckt haben sie die Wildhunde. „Ein Rudel Wildhunde ist sehr sozial. Da werden weder alte noch kranke Tiere zurückgelassen. Da können wir Menschen uns definitiv etwas abgucken.“

Initiativen wie „Fridays for Future“ fühlt Neitzel sich besonders verbunden. Auch, weil sie weiß, wie die Natur unter dem Klimawandel leidet. „Um den Klimawandel einzudämmen, muss sich jetzt etwas ändern. Und das können wir nur zusammen schaffen.“ Wie toll man als Team zusammenarbeiten kann, hat Neitzel von den allerkleinsten Lebewesen in Afrika gelernt, den Termiten:

„Die einzelne Termite ist zwar winzig klein, aber die Termitenhügel ragen meterweit in die Höhe“, sagt Neitzel. „Wenn wir als Menschen auch anfangen würden uns nicht nur als Individuum, sondern als Teil eines großen Ökosystem zu verstehen, der wir ja sind, würde es unserem Planeten viel besser gehen.“