Erderwärmung

Klimawandel in Deutschland trifft vor allem Allergiker hart

Bundestag beschließt Klima-Paket

So will das Parlament die Klimaziele bis 2030 noch erreichen.

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Die Deutschen spüren die Folgen der Erderwärmung bereits – von der Nordsee bis zu den Alpen. Experten warnen: Das ist erst der Anfang.

Berlin. Es ist deutlich wärmer geworden in Deutschland seit 1881. Um rund 1,5 Grad ist die Durchschnittstemperatur angestiegen, allein in den vergangenen fünf Jahren um 0,3 Grad. Das erklärte Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) am Dienstag in Berlin.

Auf rund 270 Seiten hat die Bundesregierung zusammengetragen, welche Folgen das für Bauern und Städter, Allergiker, Küstenbewohner und Autofahrer hat. „Es ist nicht auszudenken, was es bedeuten würde, wenn sich das in dieser Geschwindigkeit wirklich fortsetzen würde“, sagte Schulze. Ihre Antwort? „Viel mehr Klimaschutz, und zwar weltweit.“

Ein Report der Vereinten Nationen (UN) – ebenfalls am Dienstag vorgestellt – zeigt: Wenn die Weltbevölkerung so weiterlebt wie bisher, droht die Temperatur bis zum Ende des Jahrhunderts um 3,4 bis 3,9 Grad zu steigen. Sie wolle dafür kämpfen, dass die EU vorangehe und ihre Klimaschutz-Ziele verschärfe, sagte Schulze. Das erhöhe auch die Lebensqualität, wenn man sich klar mache, was ein ungebremster Klimawandel bedeute.

Selbst wenn es gelingt, die globale Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen, wie es das Pariser Klimaabkommen vorsieht, wird sich das Klima und damit auch das Wetter weiter verändern.

Klimawandel in Deutschland – die wichtigsten Daten:

  • Der Jahresdurchschnitt der Lufttemperatur ist im Flächenmittel von Deutschland von 1881 bis 2018 um 1,5 Grad Celsius angestiegen – und damit stärker, als dies weltweit der Fall ist. Global ist es in dieser Zeit im Schnitt rund ein Grad wärmer geworden.
  • Die Zahl der heißen Tage mit 30 Grad und mehr nimmt zu: Seit 1951 von etwa drei pro Jahr auf derzeit rund zehn. Mehr als zehn gab es vor 1994 nie, 2018 waren es mehr als 20. Die Sommer 2003, 2018 und 2019 waren jeweils die wärmsten seit Beginn der Aufzeichnungen.
  • Seit 1881 hat die durchschnittliche jährliche Niederschlagsmenge um 8,7 Prozent zugenommen. Es gibt Tendenzen zu mehr Starkregen in den letzten 65 Jahren. Allerdings lässt die Datenlage dazu noch keine statistisch gesicherten Aussagen zu.

Tobias Fuchs vom Deutschen Wetterdienst (DWD) stellt schon jetzt fest: „Der Klimawandel hat Deutschland im Griff.“ Dürren, Hitzewellen und Starkregen dürften zunehmen, sagt der Meteorologe. Ohne massiven Klimaschutz müsse man mit einem weiteren Temperaturanstieg von 3,1 bis 4,7 Grad in Deutschland bis Ende des Jahrhunderts rechnen. Immerhin sagt er: „Eine konsequente Umsetzung von Klimaschutz-Maßnahmen kann den weiteren Anstieg auf etwa 0,9 bis 1,6 Grad bremsen.“

Die Autoren des Regierungsberichts, an dem Bundes- und Landesbehörden, Universitäten und Fachverbände mitgearbeitet haben, räumen ein: Nicht immer sei klar, welchen Anteil der Klimawandel an einzelnen Veränderungen habe. Es spielten verschiedene Faktoren zusammen. Dennoch: Trends seien klar erkennbar. Was sich verändert – eine Aufstellung:

  • Gesundheit: Insbesondere Ältere, Kranke und Kinder leiden unter „Hitzestress“. In Jahren mit vielen Hitzetagen sterben mehr Menschen als statistisch normal wäre: Im Hitzejahr 2003 gab es etwa 7500 Todesfälle mehr. Das Klima beeinflusst, wann und welche Pollen fliegen. Diese machen Allergikern das Leben schwer. Die Ausbreitung Pflanze Beifuß-Ambrosie wird laut dem Regierungsbericht „in erheblichem Maße auch mit dem Klimawandel in Verbindung gebracht“. Ähnliches gilt für Stechmücken, Zecken und Krankheitserreger. Die Asiatische Tigermücke etwa könne über 20 unterschiedliche Viren übertragen. Funde von Eiern und Mücken im Oberrheingebiet hätten „deutlich zugenommen“, schreiben die Experten.

Wasser: Die Grundwasserstände sinken häufiger unter die Monatsdurchschnittswerte, vor allem im Nordosten Deutschlands. Die Flüsse führen weniger Wasser – das ist an 80 Pegeln im Sommer deutlich zu messen. Seen werden wärmer, mit Folgen für Flora und Fauna. Am größten deutschen See, dem Bodensee, stieg die Temperatur zwischen 1971 und 2017 von März bis Oktober um rund zwei Grad an. Auch Nord- und Ostsee erwärmen sich. Die Meeresspiegel steigen, damit auch die Gefahr von Sturmfluten. Zudem erodieren Küsten, vor allem Sandstrände.

Städte: Städte gelten als „Wärmeinseln“, es ist deutlich heißer als auf dem Land. Starkregen kann in bebauten Regionen schlecht ablaufen, immer wieder laufen Gullys über, weil die Kanalisation das Wasser nicht so schnell aufnehmen kann. Der Bericht empfiehlt, Grünflächen als „kühlende Oasen“ einzurichten, Häuser gut zu isolieren und Fassaden und Dächern zu bepflanzen.

Verkehr: Hoch- und Niedrigwasser auf Flüssen erschweren den Schiffsverkehr oder machen ihn unmöglich. 2018 transportierten Binnenschiffe 11,1 Prozent weniger Ladung als im Vorjahr. Für Autofahrer werden die „winterlichen Gefahren“ laut dem Bericht künftig eher abnehmen. Im Frühjahr, Sommer und Herbst könnte es aber durch Hitze und Starkregen häufiger zu Unfällen kommen.

Arbeit: Hitze senkt die Leistungsfähigkeit. Studien gehen laut dem Regierungsbericht in Mitteleuropa von einer sinkenden Produktivität von drei bis zwölf Prozent an. Bis zu drei Millionen Menschen arbeiten demnach zumindest zeitweise im Freien. Sie erbringen geschätzt „10 bis 15 Prozent der Wertschöpfung der Volkswirtschaft“. Betroffen sind Landwirtschaft, Baubranche, Industrie und Dienstleistungen.

Landwirtschaft: Die Bauern leiden besonders unter dem Klimawandel, wenn die Dürre die Ernte vertrocknen lässt oder das Futter knapp wird. Wenn Obstbäume früher blühen, kann es Spätfrostschäden geben. Aber: Die Erwärmung kann sich auch positiv auswirken – die Vegetationsperioden werde länger.

Wälder: Manche Baumarten ertragen Dürre und Hitze nicht. Die Fichte etwa stehe unter Druck, schreiben die Autoren. Insekten wie Borkenkäfer und Krankheitserreger könnten sich ausbreiten. Außerdem nimmt die Waldbrandgefahr zu, da es in den Sommermonaten wärmer und trockener wird.

(dpa/max)