Diplomaten-Sohn

Nach 33 Jahren in US-Haft: Deutscher Jens Söring kommt frei

Der deutsche Staatsbürger Jens Söring, hier auf einer Aufnahme aus der SWR-Dokumentation „Das Versprechen“, saß seit 1986 in den USA im Gefängnis.

Der deutsche Staatsbürger Jens Söring, hier auf einer Aufnahme aus der SWR-Dokumentation „Das Versprechen“, saß seit 1986 in den USA im Gefängnis.

Foto: ard/swr / SWR/Filmperspektive GmbH

Jens Söring saß 33 Jahre wegen Doppelmordes in Haft, davon 29 in den USA. Seit Jahren sagt er: „Ich bin unschuldig.“ Nun kommt er frei.

Washington. 14 Mal hatte Jens Söring um vorzeitige Freilassung auf Bewährung aus der Haft in den USA und Überstellung in die Heimat gebeten und wusste dabei prominente Fürsprecher bis hin zu Bundeskanzlerin Angela Merkel an seiner Seite. 14 Mal, zuletzt noch im vergangenen Januar, kam die Ablehnung. Trotzdem gab Söring die Hoffnung nie auf. Nach 33 Jahren, sechs Monaten und 25 Tagen war er beim 15. Versuch am Ziel: Amerikas bekanntester deutscher Langzeit-Häftling verlässt das US-Gefängnis.

Im Jahr 1985 war Söring wegen eines bestialischen Doppelmordes zu zweimal lebenslänglich verurteilt worden, beteuerte aber stets, die Tat nicht begangen zur haben. Auch seine damalige Partnerin Elizabeth Haysom kommt frei. Sie war zu 90 Jahren Haft verurteilt worden.

Jens Söring hatte Doppelmord zunächst gestanden

Am Montag hatte der Bewährungs- und Begnadigungsausschuss des US-Bundesstaates Virginia die vorzeitige Haftentlassung Sörings auf Bewährung entschieden. Die Entscheidung, den 53-Jährigen freizulassen, sei „überraschend“, schrieb die „Washington Post“. Der brutale Doppelmord hatte jahrzehntelang in den USA und auch international Aufmerksamkeit auf sich gezogen.

Söring, Sohn eines Diplomaten, hatte die Morde zunächst gestanden, später aber das Geständnis widerrufen. Er habe die wahre Täterin, seine Freundin, vor der Todesstrafe bewahren wollen und darum die Schuld auf sich genommen, hatte Söring erklärt – in der Annahme, ein deutscher Diplomatensohn genieße Immunität. Fehleinschätzung. Söring wurde in US-Medien als „german monster“ tituliert und trotz vieler Verfahrensfehler und Ungereimtheiten verurteilt.

USA: Deutscher begnadigt – Das muss man wissen:

  • Nach mehr als 33 Jahren wird ein Deutscher in den USA aus der Haft entlassen
  • Er wurde 1985 wegen Doppelmordes zu zwei Mal lebenslänglich verurteilt
  • Auch Angela Merkel unterstützte ihn
  • Jetzt wird seine Abschiebung nach Deutschland vorbereitet

Jens Söring darf Gefängnis verlassen

Gouverneur Ralph Northam bestätigte den Beschluss des Bewährungs- und Begnadigungsausschusses. Der Demokrat betonte aber, dass damit nicht die von Söring geforderte Anerkenntnis seiner Unschuld einhergehe.

Im Gegenteil. Adrianne Bennett, die Vorsitzende des Ausschusses, erklärte, dass Sörings Unschuldsbeteuerungen „unbegründet” seien. Die Entlassung sei aber angesichts der abgesessenen Haftstrafe und der Beurteilung, dass Söring keine Gefahr für die Öffentlichkeit darstelle, vertretbar. Außerdem sei die Haftverkürzung für die Steuerzahler Virginias ein „enormer Kostenvorteil”.

Häftling Nr. 1161655 darf also die Justizvollzugsanstalt „Buckingham Correctional Center” in Dillwyn verlassen. Er wird an die Einwanderungsbehörde ICE übergeben, die seine Abschiebung nach Deutschland organisiert.

Nach Informationen unserer Redaktion wurden die Details bereits im September zwischen Vertretern von ICE und der deutschen Botschaft in Washington erörtert. Söring soll demnach in Washington eine Lufthansa-Maschine besteigen, neun Stunden später werden mitreisende ICE-Beamte den 53-Jährigen voraussichtlich in Frankfurt den deutschen Behörden übergeben.

Danach wäre Jens Söring ein freier Mann.

Doppelmord 1985: Polizei beschreibt Tatort als „Schlachthof“

Rückblende: 30. März 1985. An diesem Tag werden der aus Kanada stammende Stahl-Baron Derek Haysom (72) und seine Frau Nancy (55) in ihrem Wochenendhaus in Lynchburg/Virginia ermordet aufgefunden. Den Tatort beschreiben Kriminalbeamte als „Schlachthof”. Die Tatwaffe, ein Messer, wird nie gefunden. Fingerabdrücke, Zeugen? Beides Fehlanzeige.

Nach einigen Wochen ziehen Jens Söring, 18 Jahre alt, Begabten-Stipendiat an der Universität von Charlottesville, Sohn des deutschen Konsuls in Detroit, und seine Freundin Elizabeth Haysom (20), heroinabhängig, den Verdacht auf sich. Mögliches Motiv: Die Beziehung habe den alten Herrschaften von Elisabeth nicht gepasst.

Söring gesteht die Tat, obwohl der Vernehmungsbeamte massive Zweifel zu Protokoll gibt. Unmittelbar danach flieht das junge Paar nach England, lebt dort unter falschen Namen. Bis ein Scheckbetrug sie 1986 auffliegen lässt.

1990, der Fall beschäftigt inzwischen mehrere Regierungen, werden Söring und Haysom an die USA ausgeliefert. Söring zieht sein Geständnis zurück. Er habe die wahre Täterin, seine Freundin, vor der Todesstrafe bewahren wollen, erklärt er nun, und darum die Schuld auf sich genommen. In der falschen Annahme, ein deutscher Diplomatensohn genieße Immunität.

Im gleichen Jahr kommt es in der Kleinstadt Bedford/Virginia zum Prozess. Söring geht als „german monster“ landesweit durch die Medien. Haysom sagt aus, sie habe ihren Freund angestiftet. Die Staatsanwaltschaft rechnet dem jungen Mann mit der großen Hornbrille einen „blutigen Sockenabdruck“ zu.

Jens Söring beteuerte jahrzehntelang: „Ich bin unschuldig“

Trotz etlicher Verfahrensfehler – Richter William Sweeney erklärt den Angeklagten vor Prozessbeginn in einem Interview de facto für schuldig – wird Söring zu zweimal lebenslänglich verurteilt. Sein letzter Satz in Freiheit lautet: „Ich bin unschuldig.“ Elizabeth Haysom bekommt in einem separaten Verfahren wegen Beihilfe 90 Jahre Gefängnis.

In der Haft bildet sich Söring wie besessen fort. Mit Liegestützen und Klimmzügen trainiert er seinen schmächtigen Körper. Per Hand schreibt er, Computer sind noch verboten, ein Buch nach dem anderen, sucht die Öffentlichkeit und bemüht sich mit allen Mitteln um Begnadigung. Oder wenigstens die Abschiebung nach Deutschland. Kanzlerin Merkel lernt seinen Fall ebenso kennen wie Präsident Obama.

Über 50 Bundestagsabgeordnete setzen sich für ihn ein, darunter ist früh der heutige Beauftragte der Bundesregierung für die deutsch-amerikanischen Beziehungen, der CDU-Parlamentarier Peter Beyer aus Nordrhein-Westfalen. Er hatte Söring zuletzt im Juli im Gefängnis besucht. „Er war geistig und körperlich in bester Verfassung und mehr als jemals zuvor geprägt von großer Hoffnung”, sagte Beyer am Dienstag unserer Redaktion. Beyer begrüßt die Entscheidung der US-Behörden ausdrücklich (“endlich!“), hält die Schuldfrage aber weiter für ungeklärt. In Deutschland bildete sich zudem ein Freundeskreis für Söring. Auf Facebook findet er Tausende Abonnenten.

Fortschritte in der Kriminalistik halfen Söring – scheinbar. 2009 legte die Gerichtsmedizin Virginias ein Gutachten über 42 am Tatort gefundene DNA-Spuren vor. Nicht eine konnte Söring zugeordnet werden. Ein Zeuge tauchte auf, der Elizabeth Haysom mit einem anderen Mann kurz nach der Tat gesehen haben will.

Politikwechsel in Virginia verhindert Begnadigung im Jahr 2010

2010 scheint der Durchbruch möglich. Vor Ende seiner Amtszeit lässt sich der demokratische Gouverneur von Virginia, Timothy M. Kaine, der später als „Vize” mit Hillary Clinton im 2016er-Wahlkampf gegen Donald Trump unterliegen sollte, auf ein hinter den Kulissen ausverhandeltes Geschäft ein:

Söring wird nach Deutschland überstellt, muss dort noch mindestens zwei Jahren einsitzen, bis die deutsche Justiz neu über ihn befinden kann. Aber ein Politikwechsel in Virginia kommt dazwischen. Söring wird zum Spielball. Bob McDonnell, der republikanische Nachfolger von Kaine, weiß um die unverändert hohe öffentliche Betroffenheit über den Mord an den Haysoms und entscheidet: Söring bleibt hinter Gittern.

Doku „Das Versprechen“ rollt Jens Sörings Fall auf

Es vergehen gut sechs Jahre, bis neue Hoffnung aufkeimt. Blutproben vom Tatort werden im gerichtsmedizinischen Institut von Virginia erneut abgeglichen. Resultat laut Untersuchungsleiterin Shelley Edler: Söring muss als Urheber der Blutspuren definitiv ausgeschlossen werden.

2016 kommt auch der Film „Das Versprechen“ von Marcus Vetter und Karin Steinberger in die Kinos. Im Sommer 2018 wird der Film auch im deutschen Fernsehen ausgestrahlt. Die Journalisten legen in der Dokumentation die vielen blinden Flecken im Fall Söring frei und berichten über den Verdacht, dass Elizabeth Haysom ihre Eltern mit Hilfe eines inzwischen verstorbenen Drogen-Dealers getötet haben könnte.

Steve Rosenfield, Sörings Anwalt, sagt damals dieser Redaktion, dass „ein Killer am Tatort war, der nicht Jens gewesen sein kann“. Trotzdem widersetzt sich Virginias damaliger Gouverneur Terry McAuliffe, ein Demokrat, der Begnadigung.

Jens Sörings Freilassung löst auch Kritik aus

Die überraschende Kehrtwende der Institutionen in Virginia hat erwartungsgemäß Protest ausgelöst. Ben Cline, republikanischer Kongressabgeordneter in Washington aus der Region des Tatortes, zeigte sich „schockiert und erschüttert” über die Freilassung von Söring und Haysom. „Das ist eine Beleidigung für die Opfer und das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit.”

Kontrapunkt: Sheriff Chip Harding, der Ende des Jahres nach 50 Jahren Polizeidienst in Charlottesville in den Ruhestand geht, und den Fall Söring und seine Schwächen minutiös analysiert hat und von Sörings Unschuld überzeugt ist, sagte am Montag in einem Interview: „Ich bin begeistert.”

Wann Söring in die Bundesrepublik abgeschoben wird, steht noch nicht fest. Nur so viel: Ein vorläufiger Reisepass liegt in der deutschen Botschaft bereit.