Magersucht

Warum es so schwer ist, sich von der Magersucht zu befreien

Lea Gericke war zwölf Jahre magersüchtig. In ihrem Buch „Ana Dismissed — Meine Kampfansage an die Magersucht“ erzählt sie über ihren Qualen, ihre Scham und den Selbsthass.

Lea Gericke war zwölf Jahre magersüchtig. In ihrem Buch „Ana Dismissed — Meine Kampfansage an die Magersucht“ erzählt sie über ihren Qualen, ihre Scham und den Selbsthass.

Foto: axentis.de / G.J.Lopata

Wie wird man magersüchtig? Lea Gericke berichtet schonungslos, wie sich alles nur noch um ihr Gewicht drehte und ihr Hass wuchs.

Berlin. Dieses Wort, es klang einfach nur brutal in ihren Ohren. „Ausziehen!“ Es waren die Worte der behandelnden Ärztin. Ihre Mutter hatte nicht locker gelassen. Hatte darauf bestanden, dass die Tochter endlich zur Ärztin geht. Und dann dieses Wort. „Ausziehen“. Sie schaut nach unten, Blick auf den Boden, ist den Tränen nah. Halbnackt steht sie da, inmitten des Raumes und schämt sich.

Sie hat keine entwickelten Brüste, alles an ihr ist knochig, eckig, spitz. Sie ist dünn. So wollte sie immer sein. Denn einen Leitspruch gab es in ihrem Leben: „Dünner gleich glücklich.“ Es war der Irrtum, der sie fast das Leben gekostet hat.

Lea Gericke: „Die Magersucht war mein größter Fehler“

Am Tiefpunkt ihrer Krankheit hatten die Ärzte Lea Gericke aufgegeben. Austherapiert – so lautete die niederschmetternde Bilanz nach zwölf Jahren Magersucht, nach unzähligen Klinikaufenthalten und Therapiestunden. „Die Magersucht war mein größter Fehler. Sie hat mein Leben diktiert und mich entmündigt“, sagt Lea Gericke (31).

War es die Pubertät? Waren es Magermodels, die sie schön fand? Ach, alles viel zu einfach. Es gab keinen wirklichen Auslöser von außen. Es habe alles mehr mit ihrem Selbstwertgefühl zu tun gehabt: „Mich hat nichts wirklich ausgezeichnet. Ich war immer Durchschnitt.“

Ein Grundgefühl hatte sie, von dem sie sich unbedingt lösen wollte. Dieses Grundgefühl hieß: „So wie ich bin, bin ich nicht gut.“ Wenn sie anders aussieht, wird sie gut sein, dachte sie. „Ich hatte es im Griff“, sagt Gericke. Der Satz, den sie sich wie ein Mantra vorsprach, kommt heute fast ironisch von ihren Lippen: „Dünner geht immer.“

Sie aß so gut wie nichts und schlief im Stehen – um Energie zu verbrauchen

Lea Gericke hat ein sehr bewegendes Buch über ihre Leidensgeschichte geschrieben (Schwarzkopf & Schwarzkopf). Es heißt „Ana Dismissed“ in Anspielung auf die Pro-Ana-Bewegung („Anorexia“ – Magersucht) und Dismissed (Wegtreten!). Es ist ein aufrüttelndes Buch, das von der täglichen Qual, der Scham und dem Hass gegenüber sich selbst erzählt. Das Gewicht ist das Thema ihres Lebens. Wieviel sie genau wog, bevor die Essstörung auftrat, weiß sie nicht. Es gab keine Personenwaage zuhause. Irgendwann kaufte sich eine und versteckte sie in ihrem Zimmer. Wieviel sie heute wiegt? „Gewicht ist etwas sehr Intimes“, sagt sie.

Sie sei nie dick gewesen. Doch das reichte ihr nicht. Jedes Kilo, das weg war, war ein Erfolgserlebnis. Sie aß so gut wie nichts. Und bewegte sich exzessiv, machte Sport und hatte ihre kleinen Tricks: Sie stand statt zu sitzen. Und wenn sie saß, ließ sie die Füße über dem Boden schweben und spannte die Bauchmuskeln an. „Das kostet mehr Energie.“

Nachts lag sie nicht, sie stand, neben dem Bett. „Alle 15 Minuten habe ich zehn Kniebeugen gemacht.“ Alles heimlich. Gemerkt hat es keiner. Bald hatte sie die 40-Kilo-Marke erreicht. Erbrochen hat sie nie. Sie leidet nicht unter Ess-und Brechsucht (Bulimie). Ab 40 Kilo wurde es kritisch. Sie wusste das. Aber sie ließ es zu. Längst schon war die Krankheit zur Sucht geworden.

Ihre Eltern hatte es lange nicht glauben wollen. Lea trug eben weite Kleidung. Lea sagte, sie ernähre sich eben gesund und nagte an Karotten. Und als sie es merkten, kamen Sätze wie „iss doch einfach ein bisschen mehr“. Je lauter die Eltern mahnten, desto „ratloser und verzweifelter“ wurde die Tochter. Gemeinsame Mahlzeiten wurden zur Tortur. Weil das Essen sie anekelte und weil sie sich unter extremer Kontrolle fühlte.

Ein glückliches Kind aus einer „Bilderbuchfamilie“

Sie hatte sich verändert: Damals, als Erstklässlerin war sie die „fröhliche unbekümmerte Schülerin“. Sie war das Herzstück einer „Bilderbuchfamilie“. Mit Eltern, die klug waren, akademische Berufe hatten und abends aus Kinderbüchern vorlasen. Es war eine „perfekte heile Welt“, schreibt sie. Wie konnte diese Welt derartige Risse erhalten? Sie liebte diese Welt, die Sicherheit, doch es gab auch andere Gefühle: „Sie hasst es, wenn ihre Eltern in den Urlaub fahren und sie zwingen mitzukommen. Sie will ihren kulturellen Horizont nicht erweitern und will auch keinen fremden Städte und Länder bereisen. Sie will auf dem Reiterhof sein“, heißt es in dem Buch.

Damit man sie in Ruhe ließ, wurde sie zur Leistungsträgerin. Super Noten in der Schule – wer wollte ihr da noch an den Kragen? Doch irgendwo in ihr aber war eine tiefe Verunsicherung. Und eine Angst, etwas nicht zu schaffen. Ihr riesiger Wunsch ist es, auf ein Reit-Internat zu gehen. „Aber es ist ein geheimer Traum“, schreibt sie. Wieder und wieder die Selbstzweifel: Was nur, wenn sie nie eine gute Reiterin wird? Und die anderen sie überflügeln?

Popsänger wie Britney Spears in knappem Outfit – Lea fühlte sich nur noch hässlich

Statt aufs Reit-Internat geht sie auf eine Privatschule. Und ist die Neue. Die, die im Abseits steht. Sie fühlt sich fremd, wie ein Niemand. Eine, die auffällt, weil sie nicht die angesagten Klamotten trägt. „Auf der neuen Schule trägt man Markenkleidung, erbringt eher durchschnittliche Leistungen.“ Doch Lea hat keinen Eastpack-Rucksack, keine Markenpullover.

Trotzdem versuchen die Mitschüler, Lea zu integrieren. Doch sie will nicht dazugehören – oder vielleicht doch? Sie schämt sich für ihren alten Rucksack, aber auch der neue macht es nicht besser. Sie hat Schwierigkeiten, sich in der Welt der anderen einzufinden. Das „Herumlungern auf Parkbänken“, die „schludrige Sprache“. Lea wird einsam. Kontakt hat sie nur zu den Lehrern der Pausenaufsicht. Über ihre Gefühle aber redet sie mit keinem, schreibt sie. Sie zieht sich zurück auf den Reiterhof und in ihre eigene Welt.

Mit zwölf etwa ist es da, das Gefühl, zu dick zu sein. Popsänger wie Britney Spears lächeln in knappen Hüfthosen von Covern ihrer CDs. So schön, so selbstsicher wäre sie gern. Doch sie sei ja nichts Besonderes. Sie sei nicht hübsch genug und zu dick. Mit exzessiver Leistung will sie die Bilanz aufpolieren. Also wird sie zur Einser-Schülerin. Die Lehrer loben sie, doch die Anerkennung der Eltern bleibt aus. Die heile Welt ist nicht mehr heil: Ihr zwei Jahre jüngerer Bruder bleibt sitzen. Sie rutscht in die Essstörung ab.

Dann kommt der Tiefpunkt. Sie ist mit 27 Kilogramm dem Tod näher als dem Leben

Sie wollte dünner und dünner sein. Sie wusste jederzeit, dass es schlecht ist, aber sie tat es trotzdem. Zig Therapien hat sie gemacht – den Eltern zuliebe. Sie selbst wollte schon auch raus aus dem Teufelskreis. Doch auch wieder nicht. Sie, die sich nicht zugetraut hatte, eine Diät wirklich durchzuziehen, war beeindruckt, wie sie ihre gesamte Erscheinung durch wenig Essen, viel Bewegung und Reitsport verändern konnte. Eine höchst gefährlicher Selbstoptimierungsversuch.

Doch dann ist der Tiefpunkt da. Sie wiegt nur noch 27,1 Kilo. Hat ein BMI von 9,9 – 20 bis 25 gilt als normal. Bereits bei einem BMI von unter 20 sprechen Ärzte von Untergewicht. 27,1 Kilo – das ist eindeutig grenzwertig: Der Tod ist näher als das Leben. Sie kommt in die Klinik. Wird per Sonde zwangsernährt. Sie überlebt. Doch jetzt muss sie wieder leben lernen. Schon der tägliche Gang zur Waage ist eine Art Teufelskreis. „Es darf nicht mehr geworden sein, es darf nicht weniger geworden sein.“ Ist das noch Leben, das sie führt, fragt sie sich. Sie vegetiert doch nur noch. Suizidgedanken? Nicht konkret. Aber sollte sie nicht mehr aufwachen – wen kümmert es. Dass sie es geschafft hat, aus diesem tiefen Tal herauszukommen, ist ein Wunder.

Nach den vielen Therapien auf einmal die Hoffnung durch Hypnose

Was hat sie alles für Therapien hinter sich. Nichts hat wirklich langfristig geholfen. Sie gilt als „beratungsresistent und krankheitsuneinsichtig“. Die Klinik nimmt sie nicht mehr auf, auch aus der betreuten WG fliegt sie raus. Die Verzweiflung wächst weiter. Die Eltern? Ebenfalls hilflos und verzweifelt. Sie nimmt Anti-Depressiva, ihr Gewicht liegt bei 37 Kilo. Sie fühlt sich hässlich, nichts an ihr sei mehr liebenswürdig. Ihr Selbstbewusstsein ist ganz tief unten.

Sie verkriecht sich. Sie isst immer dasselbe. Eine Art Zwang, für den sie sich hasst. Sie ist am Boden, aber sie ist stark – sie macht weiter – und willigt ein, eine Hypnosetherapie zu machen. Es war ein Teil ihrer Rettung. Es habe ihr geholfen, die gesunde Seite in ihr zu stärken. Ihren Blick auf den Körper zu verändern, ihn nicht als Feind und als hässlich zu sehen.

Doch nach der Hypnosetherapie „bäumt sich die Magersucht ein letztes Mal mit aller Kraft auf“. Wieder muss sie in die Klinik. Sie leidet, auch unter Mit-Patientinnen. Eine alte Frau, zeit ihres Lebens magersüchtig, habe sie extrem abgestoßen. Ein spitzes, hageres Gesicht wie ein Totenschädel.

Haarausfall, Osteoporose, frei liegende Zahnhälse

Gericke hat ihrem Körper Schlimmstes zugemutet, indem sie ihn an die Grenze geführt hat. Die Folgen zeigten sich zeitweise an ihrem Körper. Sie litt unter Haarausfall und unter Osteoporose. Ihre Zahnhälse lagen frei. „Das Schlimmste war aber die Flaumbehaarung im Gesicht.“ Eine Reaktion, des Körpers, sich zu schützen. Aber so auffällig, dass sie sich wie eine Aussätzige gefühlt habe. Die Haut war so trocken, dass sie riss und blutete.

Erst als sie anfängt auf Rat einer Therapeutin, eine kleine Tätigkeit anzunehmen, geht es wirklich bergauf. Der Jobs soll ihr das Gefühl der Selbstständigkeit zurückgeben. Eigentlich hasst sie es, bevormundet zu werden. Aber der Erfolg öffnet sie für den zweiten Schritt: Kontakt zu Gleichaltrigen zu suchen. Und dann belegt sie einen Tanzkurs an der TU Berlin. Standard/Latein für Anfänger. „Die Musik. Das Tanzen, das von Mal zu Mal besser klappt“, und die Menschen um sie herum – sie fühlt sich wieder lebendig.

Sie isst – aber es gibt kein Sättigungsgefühl

Gericke weiß viel über sich und über die Krankheit. Sie weiß, dass die Magersucht immer wieder zurückkommen kann. Und weiß, dass sie regelmäßig essen muss. Sie tut es auch. Aber nicht wirklich mit Appetit. „Ich kann nichts mit Genuss essen“, sagt sie. Auch ein Sättigungsgefühl verspüre sie nicht. Aber es geht ihr ja gut. Auch wenn sie nicht so viele enge Kontakte hat. Aber sie hat ja einen Hund, er ist ein treuer Begleiter. Und, ganz wichtig für sie: Sie arbeitet leidenschaftlich in einer Berliner Selbsthilfegruppe für Menschen mit Essstörungen, die bei der Selbsthilfestelle SEKIS angesiedelt ist. „Jeder darf erzählen, muss aber nicht. Es gibt keine Zwänge, nur einen geschützten Raum, in dem dich jeder versteht.“

Hintergrund zur Magersucht:

Essstörungen wie Magersucht (Anorexie) sind eine häufige psychische Erkrankung. Unbehandelt können sie chronisch verlaufen und sogar tödlich enden. Je nach Schweregrad ist eine ambulante oder stationäre Therapie erforderlich. Wurden im Jahr 2000 noch 5363 erkrankte Personen registriert, waren es 2015 schon 8079 Fälle – so die Statistik. Die Gründe für die Erkrankung sind vielfältig: So begünstigen einerseits gesellschaftliche Faktoren, wie etwa Schlankheitsideal in westlichen Ländern, die Entstehung der Magersucht. In diesem Zusammenhang geraten regelmäßig auch im Fernsehen ausgestrahlte Model-Casting-Shows in die Kritik. Andererseits spielt als auch eine genetische Prädisposition eine Rolle.

Durchschnittlich leiden etwa fünf von 100.000 Personen in den westeuropäischen Ländern an Magersucht; bei jungen Frauen liegt dieser Anteil jedoch viel höher. Vor dem Alter von sieben bis acht Jahren ist die Anorexie selten, ab dem Alter von zehn Jahren nimmt die Häufigkeit zu. Am häufigsten sind Jugendliche im Alter zwischen 16 und 18 Jahren betroffen. Mehr als 90 % der Patienten sind junge Frauen, aber auch ältere Frauen können betroffen sein. Grundsätzlich erkranken Frauen 10-mal so häufig wie Männer an Magersucht. Weiterführende Informationen bietet das Bundesgesundheitsministerium auf seiner Webseite an.

Neben Essstörungen, bei denen Patienten zu wenig essen, gibt es auch das Gegenteil. Wenn Essen zur Sucht wird: Das Phänomen „Binge-Eating“.