Filmkritik

„The Irishman“: Scorseses Mafiaepos startet auf Netflix

„The Irishman“, Martin Scorseses Mafiaepos, ist ab 27. November auf Netflix zu sehen – mit Joe Pesci als Mafiaboss Bufalino und Robert De Niro als Auftragskiller Frank Sheeran.

„The Irishman“, Martin Scorseses Mafiaepos, ist ab 27. November auf Netflix zu sehen – mit Joe Pesci als Mafiaboss Bufalino und Robert De Niro als Auftragskiller Frank Sheeran.

Foto: Netflix/dpa

Martin Scorsese hat mit „The Irishman“ ein meisterhaftes Mafia-Epos inszeniert. Nach wenigen Wochen im Kino streamt es auf Netflix.

Berlin. Ein Mann ist am Ende seines Lebens angekommen. Frank Sheeran (Robert De Niro) verlebt seine Tage in einem Pflegeheim, manchmal rückt ihm die Schwester die Decke zurecht. Das Pflegeheim ist uns in einer langen, ungeschnittenen Steadycamsequenz zuvor gezeigt worden, dazu war der Do-Wop-Hit „In The Still Of The Night“ aus dem Jahr 1956 zu hören.

Die Szene aus Martin Scorseses jüngstem Werk „The Irishman“, das ab 27. November auf Netflix läuft, ist eine Reminiszenz an eine berühmte Szene aus Scorseses Gangsterepos „Goodfellas“ (1990), in der wir den Erzähler Henry Hill (Ray Liotta) mit seiner Frau Karen (Lorraine Hill) auf ihrem Weg in einen Nachtclub begleiten.

„The Irishman“: Neflix-Epos voller Dämonen der Vergangenheit

Zwischen „The Irishman“ und „Goodfellas“ liegen fast 30 Jahre, und auch wenn der Regisseur derselbe ist, ist doch die Perspektive eine gänzlich andere. Beide erzählen von einer abgeschlossenen Vergangenheit, beide tun das mit dem bei Scorsese häufig verwendeten Stilmittel des Voice­over, des Kommentars aus dem Off. Und beiden ist Trennungsschmerz und Nostalgie eingeschrieben.

Aber während Henry Hill nur das Ende eines aufregenden Lebensabschnitts bedauert, muss Frank Sheeran sich der nicht auflösbaren Frage nach dem Sinn des Ganzen herumplagen. Mit Schuld und den Dämonen der Vergangenheit, die nachts an seinem Bett sitzen.

Frank Sheeran in „The Irishman“ – ein Killer und Leibwächter

Diesen Frank Sheeran hat es wirklich gegeben. Er wurde 1920 in Philadelphia, Pennsylvania, als Sohn eines katholischen Iren und einer schwedischen Mutter geboren. Als US-Soldat war er, wie er später erzählte, im Zweiten Weltkrieg auf Sizilien stationiert, wo er nicht nur die italienische Sprache, sondern auch das Handwerk des Tötens erlernte.

Er kehrte in die USA zurück, schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch und machte irgendwann die Bekanntschaft Russell Bufalinos, Oberhaupt des nach ihm benannten Clans und Mitglied der amerikanischen Cosa Nostra. Sheeran wurde einer seiner wichtigsten Auftragskiller.

Aber nicht nur das. Er wurde auch zum Leibwächter des mächtigen Gewerkschaftsführers Jimmy Hoffa, der mit seinem Zugriff auf den 1960 von ihm mitgegründeten Pensionsfonds eine lukrative Schattenwirtschaft aufbaute, Kontakte zur Cosa Nostra pflegte und am 30. Juli 1975 unter bis heute ungeklärten Umständen einfach verschwand.

Der Ermittler Charles Brandt veröffentliche im Jahr 2004 das Buch „I Heard You Paint Houses“, das auf Gesprächen mit Sheeran basierte. Darin behauptete Sheeran, an der Ermordung Hoffas beteiligt gewesen zu sein – es gab und gibt Zweifel an dieser Darstellung. Dass es dennoch eine gute Geschichte ist, beweist dieser Film.

Eigentlich werden solche Filme nicht mehr gedreht

„The Irishman“ ist – nach „Mean Streets“ (1973), „Goodfellas“ (1990), „Casino“ und „The Departed“ (2006) – das fünfte große Mafiaepos des 76-jährigen Martin Scorsese, wahrscheinlich ist es auch sein letztes. Es ist ein Abgesang auch in dem Sinn, dass solche Filme eigentlich gar nicht mehr gedreht werden: so aufwändige Filme, die sich der Dramaturgieschablone der derzeit erfolgreichen Superheldengeschichten konsequent verweigern, die sich Zeit nehmen für Schweigen und Ratlosigkeit, die auch das Risiko der tiefen Verstörung ihrer Zuschauer eingehen.

Es scheint fast paradox, dass es ausgerechnet der Streamingdienst Netflix ist, der das Projekt ermöglichte und die dafür nötigen 150 Millionen Dollar auf den Tisch legen konnte. Seit 14. November ist „The Irishman“ zwar kurz in ausgewählten Kinos zu sehen – ab dem 27. November dann weltweit für Netflix-Abonnenten, auf überwiegend beklagenswert kleinen Bildschirmen.

Pesci, Pacino, de Niro – ein Festival der Schauspielkunst

Denn wenn ein Film eine große Leinwand braucht, dann dieser. „The Irishman“ ist, neben vielem anderen, ein Fest der Ausstattung, der Kleider und modischen Accessoires, der goldenen Armbanduhren und der dicken Siegelringe, mit den Insignien der Macht also, die in Unterweltkreisen zur Schau gestellt werden. Er ist aber auch ein Fest der Schauspielkunst: Nur einem Regisseur wie Martin Scorsese durfte es noch möglich sein, Größen wie Robert De Niro und Joe Pesci, beide 76 Jahre alt, zusammen mit Al Pacino (79) und Harvey Keitel (80) in einem Film zusammenzubringen – auch wenn dafür erhebliche Überzeugungsarbeit nötig war.

Weil der Film auf verschiedenen Zeitebenen spielt, wurden die Gesichter der Darsteller zum Teil digital verjüngt – eine Technik, der man in mancher Einstellung noch ihre Unausgereiftheit ansieht, mit der man sich aber als Zuschauer doch erstaunlich schnell arrangieren kann. Joe Pesci, der sich eigentlich von der Leinwand zurückgezogen hatte, spielt den Mafiaboss Bufalino mit einer erstaunlichen Zartheit – die explosive Aggression, mit der er in früheren Filmen Angst und Schrecken verbreitete, ist nur noch als Schimmern in seinen Augen zu erahnen.

Keiner hat die Sinnfrage so perfekt gestellt wie Scorsese

Die Rolle des Gewerkschaftsführers Jimmy Hoffa stattet Al Pacino mit einer ansteckenden Energie aus, die sich auch dann noch auf den Zuschauer überträgt, wenn sich Hoffa in einen seiner geliebten Eiscremebecher vertieft. Harvey Keitel muss als Gangsterboss Angelo Bruno nur ein paar Fragen stellen, um die soziale Rangordnung zu verdeutlichen.

Und dann, natürlich, Robert De Niro, der Scorsese über Jahre hinweg mit der Idee in den Ohren lag, das Buch von Charles Brandt zu verfilmen. Sein Frank Sheeran ist ein loyaler Mann, der eigentlich nur das tun möchte, was man ihm sagt. In diesem Begriff von Loyalität liegt das Problem, das Scorsese nebenbei an Sheerans Tochter Dolores (India Ennenga) verdeutlicht, die den Kontakt mit ihrem Vater abbricht und ihn seiner Einsamkeit überlässt.

Und so sitzt er am Ende auf einem Stuhl in seinem Pflegeheim und muss ins Leere starren. Keiner von Scorseses Filmen hat sich der Sinnfrage so radikal ausgeliefert, und in diesem Sinn vollendet das Meisterwerk „The Irishman“ die großen, wunderbaren Mafia-Erzählungen Martin Scorseses.

  • „The Irishman“: Ab Donnerstag, 27. November, auf Netflix und seit 14. November in ausgewählten Kinos