Newsblog

Tödlicher Stoß in Frankfurt: Wie kommt es zu solchen Taten?

Kind vor ICE gestoßen: Rechte Parolen und Streit bei Andacht
Beschreibung anzeigen

Am Frankfurter Hauptbahnhof hat ein Mann einen Jungen ins Gleisbett gestoßen. Das Kind starb. Die neuen Entwicklungen im Newsblog.

Frankfurt/Main. Ein Mann stößt in Frankfurt eine Frau und ihren Sohn auf Bahngleise, während ein Zug einfährt, versucht es bei einer anderen Frau – der Junge stirbt, die beiden Frauen überleben. Er kannte keine von ihnen. Es ist ein Fall, der viele ratlos zurück lässt: Wie kann so etwas passieren?

„Diese Fälle sind extreme Raritäten“, sagte die Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Berliner Charité, Isabella Heuser, der Deutschen Presse-Agentur. Verallgemeinerungen seien schwierig: „Weil es so selten ist, kann man eigentlich keine Regel aufstellen.“

Es ist ähnlich wie bei dem Fall vom Wochenende, als ein 17-Jähriger einen Sechsjährigen in London von einer Museumsplattform stieß – offenbar ohne Motiv. „Aus einzelnen Fällen aus der Vergangenheit wisse man, dass die Täter an einer Psychose erkrankt waren und in akutem Wahn handelten, sagte die Psychiaterin. Sie fühlen sich zum Beispiel verfolgt.“

Allerdings: Es seit falsch, Menschen mit gewissen Leiden wie Schizophrenie und Paranoia zu tickenden Zeitbomben zu stilisieren. Grundsätzlich sei bei den Taten denkbar, dass es unter dem Einfluss bestimmter Drogen zu sinnloser Gewalt gegen Fremde komme, so Heuser. Belege gibt es in den konkreten Fällen dafür bisher nicht.

Jungen durch Stoß vor ICE getötet – das Wichtigste in Kürze:

  • Ein Mann hat am 29. Juli eine Mutter und ihren Sohn (8) im Hauptbahnhof Frankfurt vor einen einfahrenden ICE gestoßen
  • Die Mutter konnte sich retten, das Kind starb
  • Ein Mann, der eritreische Staatsbürgerschaft besitzt, sitzt als dringend tatverdächtig in U-Haft – Vorwurf: Mord und zweifacher versuchter Mord
  • Die Staatsanwaltschaft forderte ein psychiatrisches Gutachten über ihn an
  • Der Tatverdächtige lebte in der Schweiz – seit mehr als zehn Jahren
  • Er war auf der Flucht, nachdem er in der Schweiz eine Frau attackiert hatte
  • Er hatte zuvor seine Frau und die drei Kinder in einem Haus eingesperrt
  • In der Debatte um Sicherheit an Bahnhöfen gibt es nun viele Forderungen
  • Die Bundespolizei will nun an großen Bahnhöfen mehr Präsenz zeigen

Montag: Verdächtiger soll unter Paranoia gelitten haben

16.30 Uhr: Die Bahn sieht sich offenbar in der Pflicht, nach dem Tod eines Achtjährigen das eigene Sicherheitskonzept zu überprüfen. Ein Mann aus Eritrea soll das Kind mit dessen Mutter vor einen einfahrenden ICE gestoßen haben. Nur die Frau hatte sich retten können.

Das Unternehmen hat eine neue Projektgruppe ins Leben gerufen. „Es geht darum, dauerhaft vernünftige Lösungen für mehr Sicherheit zu finden“, sagte ein Bahn-Sprecher am Montag in Berlin. „Was wir jetzt nicht brauchen, ist vorschneller Aktionismus.“

Bereits am Montag habe es ein Treffen mit der Bundespolizei gegeben, weitere Gespräche mit Bahnexperten und Sicherheitsleuten sollen folgen. Zuvor hatte die „Bild-Zeitung“ berichtet.

10.43 Uhr: Der Tod eines Achtjährigen am Frankfurter Bahnhof hat eine bundesweite Debatte ausgelöst über Sicherheit und Sicherheitsempfinden in der Öffentlichkeit. Ein 40 Jahre alter Mann wird beschuldigt, einen acht Jahre alten Jungen und seine Mutter vor einen ICE gestoßen zu haben. Die Mutter konnte sich retten, der Junge nicht, er wurde getötet. Der verdächtige Eritreer sitzt seit Donnerstag in Untersuchungshaft.

Der „Spiegel“ berichtet unter Berufung auf einen Bekannten des Beschuldigten, dass dieser zuletzt offenbar unter Wahnvorstellungen gelitten habe. In dem „Spiegel“-Artikel wird der Freund, ebenfalls Eritreer, wie folgt zitiert: „Einmal habe ich ihn ins Fitnessstudio mitgenommen, und sofort zeigte er auf andere Gäste, die über ihn reden würden.“

Wegen dieser Paranoia habe er ihn zum Arzt geschickt. Auch nach einem Vorfall in dem Wohnhaus des Beschuldigten in der Schweiz habe sich der nun Inhaftierte an seinen Bekannten gewandt. Er müsse flüchten, sagte er. Der Bekannte des Verdächtigen hielt das abermals für eine Wahnvorstellung, allerdings suchte die Polizei da bereits wirklich nach ihm. Er flüchtete nach Deutschland.

Der Beschuldigte wird zeitnah psychiatrisch untersucht, wie Oberstaatsanwältin Nadja Niesen unserer Redaktion bestätigte.

6 Uhr: In London erschüttert ein anderer Fall eines offenbar absolut zusammenhanglosen Gewaltverbrechens das Land – ein 17-Jähriger soll ein Kind von einer Aussichtsplattform geworfen haben, es stürzte viele Meter, blieb lebensgefährlich verletzt liegen.

Sonntag: Höcke nutzt Bahnhofsattacke für Forderungen zur Flüchtlingspolitik

20.35 Uhr: Thüringens AfD-Chef Björn Höcke hat mit Blick auf die tödliche Attacke am Frankfurter Hauptbahnhof eine schärfere Abschiebepolitik gefordert. „Der Mord in Frankfurt war kein Einzelfall, das ist die Folge eines – und das mag jetzt etwas zynisch klingen – menschengemachten Klimawandels“, sagte Höcke am Sonntag beim Wahlkampfauftakt der AfD-Jugend Junge Alternative (JA) in Cottbus.

„Ich spreche vom gesellschaftlichen Klimawandel in diesem Land, das sich vor aller unser Augen seit dem 4. September 2015 abspielt.“ Er bezog sich auf den Tag, als Kanzlerin Angela Merkel (CDU) die Entscheidung traf, für mehrere Tausend Flüchtlinge die Grenzen nach Deutschland zu öffnen.

Samstag: Münchner U-Bahn testet Bahnsteigtüren

08.37 Uhr: Nach der tödlichen Attacke am Frankfurter Hauptbahnhof wird wieder stark über Sicherheit an Bahnhöfen diskutiert. In München soll nun ein U-Bahnhof mit Bahnsteigtüren ausgestattet werden. Dadurch soll der U-Bahnverkehr sicherer und pünktlicher gemacht werden. Sie grenzen den Bahnsteig vom Gleisraum ab und öffnen sich erst, wenn ein Zug im Bahnhof steht.

In einem Pilotprojekt im U-Bahnhof Olympiazentrum sollen derartige Bahnsteigtüren von 2023 an zunächst an einem Gleis getestet werden, sagte der Betriebsleiter der U-Bahn, Michael Frieß, am Freitag. Die Münchner Pläne zu den Bahnsteigtüren gab es bereits vorher.

Freitag: Seehofer will Grenzkontrollen – Spendenkampagne läuft gut an

14.48 Uhr: Derzeit kursiert bei Facebook und WhatsApp ein Foto, das angeblich das Opfer zeigt. Auf dem Bild steht ein Text. Es handele sich um den Achtjährigen, der von einem ICE überrollt wurde. Eine Fälschung – das Bild ist bereits mehrere Jahre alt. Das belegt Mimikama, ein Verein, der sich gegen Betrug und Fälscungen im Internet einsetzt. Der Faktencheck des Vereins zeigt, dass mit dem Foto zum Beispiel 2015 für Haarschnitte geworben wurde.

„Es wird mit dem Bild eines Kindes die Tat verbildlicht, das Opfer bekommt ein Gesicht, die Wut auf den Täter wird damit noch intensiver“, erklärt Mimikama die mutmaßliche Intention der Fälschung. Im Text heißt es auch, der mutmaßliche Täter habe keine Aufenthaltserlaubnis gehabt – dies ist falsch, er hat einer sogenannte Niederlassungserlaubnis in der Schweiz, darf dort leben und arbeiten.

12.25 Uhr: Der mutmaßliche Täter hatte in der Schweiz eine Frau attackiert, es wurde nach ihm gefahndet. Trotzdem gelang es ihm, nach Deutschland zu kommen. Als Konsequenz will Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) laut „Spiegel“ Grenzkontrollen verschärfen. „Ich werde alles in die Wege leiten, um intelligente Kontrollen an der Grenze vorzunehmen“, sagte Seehofer.

7.13 Uhr: Die Spendenkampagne für die Mutter des gestorbenen Achtjährigen hat die Erwartungen des Initiators bereits weit übertroffen. Statt der anvisierten 15.000 Euro liegt der gesammelte Geldbetrag bereits bei mehr als 45.000 Euro.

Wie genau das Geld aus der Kampagne genutzt werden kann, stehe noch nicht fest, sagte Initiator Michael Kötter. „Sobald ich Kontakt habe, bespreche ich mit ihr (der Mutter, Anm. d. Red.), wofür sie das Geld einsetzen möchte.“

Donnerstag: Bundespolizei will an großen Bahnhöfen mehr Präsenz zeigen

18.34 Uhr: Ein Experte soll ein psychiatrisches Gutachten über den Tatverdächtigen erstellen. Es sei ein Sachverständiger beauftragt worden, der mit dem 40-Jährigen entsprechende Gespräche führe, sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft am Donnerstag.

17.33 Uhr: Die Bundespolizei will mehr Präsenz auf stark genutzten Bahnhöfen zeigen. Ziel sei es, den Schutz vor Gewaltstraftaten auf dem Gebiet der Bahnanlagen mit verstärkter und sichtbarer Präsenz der Bundespolizei weiter zu erhöhen, teilte die Bundespolizei am Donnerstag mit.

„Unter Zurückstellung anderer bundespolizeilicher Aufgaben habe ich im Rahmen vorhandener Ressourcen und Lageerkenntnisse Präsenzerhöhungen an Schwerpunktbahnhöfen angeordnet, unter anderem auch am Hauptbahnhof Frankfurt“, erklärte der Präsident des Bundespolizeipräsidiums, Dieter Romann. Zahlen zu den Einsatzkräften nannte er nicht.

13.14 Uhr: Es wird für längere Zeit sein Zuhause sein: Der Tatverdächtige ist in der Justizvollzugsanstalt Frankfurt am Main I im Norden der Stadt untergebracht. Hier muss er auf das Ende der Ermittlungen gegen ihn – zweifacher Mordversuch, Mord – warten. Und auf einen dann wahrscheinlichen Prozess.

Die Ermittlungen laufen laut Oberstaatsanwältin Nadja Niesen noch eine Weile: Viele Zeugen müssen befragt, ein Gutachten erstellt werden. Denn: Der Beschuldigte gilt als psychisch krank. In der JVA soll er in einer Zelle untergebracht sein, die keine Verletzungsrisiken birgt, zudem auch nichts enthält, was als Waffe missbraucht werden könnte.

Häftlinge, die sich oder andere gefährden könnten, werden in der Regel in diesen besonders ausgestatteten Zellen untergebracht – die gepolstert sind, oft auch bessere Beobachtungsmöglichkeiten für die Wärter bieten. Das Gefängnis wurde 2011 eröffnet, hat 564 Haftplätze und rund 300 Mitarbeiter. Es ist umgeben von 15 Meter hohen Stahlbetonmauern.

12.58 Uhr: An mehreren Orte in Deutschland nutzen Neonazis und rechte den Vorfall für sich aus. Am Mittwoch demonstrierten rund Hundert Rechte am Hauptbahnhof in Essen, wie die „WAZ“ (Bezahlangebot) berichtet. Am Hauptbahnhof Hamburg machte ein Unbekannter Durchsagen per Megafon, dass Menschen weiter von Bahnsteigkanten wegtreten und ihre Kinder festhalten sollten. Dem seien rassistische Äußerungen gefolgt. Das bestätigte die Polizei dem „Hamburger Abendblatt“ (Bezahlangebot).

11.01 Uhr: Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) hatte das Thema Videoüberwachung belebt, dafür aber umgehend heftige Kritik bekommen. Die Grünen halten eine der aktuellen Forderungen für unrealistisch. Die SPD verweist auf eine gute Überwachung an Bahnhöfen und fordert, auf andere Verbesserungsmöglichkeiten für die Sicherheit zu fokussieren. Wichtig seien auch mehr Polizisten, sagte SPD-Vize-Fraktionschefin Eva Högl.

Opinary – Brauchen wir in Deutschland mehr Polizisten?

Die Linken sperrten sich nicht gegen eine personelle Verstärkung der Polizei, sagte der Fraktionsvize André Hahn dem RND. „Allerdings finde ich es befremdlich, dass die Ankündigungen des Bundesinnenministers wieder einmal erst nach einem so tragischen Ereignis erfolgen.“

7.15 Uhr: Die Grünen halten die Ankündigung von Innenminister Horst Seehofer (CSU), dort mehr Polizei einzusetzen, für unrealistisch. „Die Personalsituation bei der Bundespolizei ist trotz höherer Einstellungszahlen sehr angespannt“, sagte die innenpolitische Sprecherin Irene Mihalic unserer Redaktion. „Daher muss man sich schon fragen, wo das zusätzliche Personal für mehr Präsenz an den Bahnhöfen eigentlich herkommen soll.“ Mihalic antwortete auch auf die Forderung nach mehr Videoüberwachung an Gleisen – mit Ablehnung.

Weil es „kaum andere Orte gibt, an denen mehr Kameras hängen“, sagte sie. Seehofer müsse aufpassen, keine Sicherheitsversprechen zu machen, die er am Ende nicht halten könne.

5.28 Uhr: „Er zeichnete sich durch einen starken Durchhaltewillen und eine super Arbeitsmoral aus“, sagte Laetitia Hardegger vom Schweizer Arbeiterhilfswerks dem „Tages-Anzeiger“ über den Beschuldigten. Im Jahresbericht des Arbeitshilfswerks 2017 wurde der Geflüchtete als positives Beispiel für die Arbeit des Hilfswerks präsentiert.

„Er ist wirklich engagiert und zuverlässig. Seine Freude war groß, als wir ihm eine Festanstellung angeboten haben.“ Der Eritreer selbst sagte, dass er gern in der Schweiz lebt. „Mir gefällt, dass hier jeder Hilfe bekommt, egal ob er arm oder reich ist. Und jeder kann essen, und die Existenz ist gesichert. Und die Schulbildung finde ich auch sehr gut. Hier ist die erste Welt.“

Dann muss etwas geschehen sein – vergangene Woche, als er seine Frau und sein Kind einsperrte, eine Nachbarin bedrohte. Dann bei der Flucht nach Deutschland, die offenbar mit dem Todesdrama von Frankfurt endete. Die Oberstaatsanwältin Frankfurts sagte unserer Redaktion, er werde nun begutachtet – vielleicht gibt das mehr Aufschlüsse.

Mittwoch: Kind stirbt auf Gleis – Verdächtiger schweigt zum Motiv

20.37 Uhr: Der Tatverdächtige hat bisher zu den Hintergründen der Tat geschwiegen. „Er hat nichts zu einem möglichen Motiv gesagt oder dazu, warum er nach Frankfurt gekommen ist“, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft am Mittwoch. So sind die Ermittler vorerst auf Zeugenaussagen und andere Quellen angewiesen.

Bis Mittwochnachmittag seien 34 Hinweise von Zeugen bei der Polizei eingegangen hieß es. So hätten einige Zeugen beispielsweise Videomaterial zur Verfügung gestellt.

16.17 Uhr: Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels, bewegt mit einem emotionalen Posting bei Facebook Tausende. Sie war Augenzeugin – und teilweise schockiert über die Reaktionen am Gleis.

15.37 Uhr: Ein gefälschtes Statement des Bundesministers für Gesundheit kursiert derzeit im Internet – darin priorisiert Jens Spahn (CDU) angeblich den Kampf gegen Masern gegenüber der Tat von Frankfurt. Dazu äußerte er sich jetzt auf Twitter – und betont, dass es sich um eine Fälschung handele.

„Der entsetzliche Tod eines Kindes wird so für Stimmungsmache und Fake-News genutzt“, schreibt Spahn. „Das ist besonders perfide und plump.“

14.52 Uhr: Bundesjustizministerin Christine Lambrecht hat zurückhaltend auf die Forderung von Innenminister Horst Seehofer (CSU) reagiert, nach der tödlichen Attacke von Frankfurt die Videoüberwachung in Bahnhöfen auszuweiten.

Videoüberwachung gibt es bereits an vielen Bahnhöfen. Wir sollten jetzt über alle Schritte reden, die die Sicherheit wirklich erhöhen“, sagte die SPD-Politikerin unserer Redaktion. Für die Millionen Bahnfahrer in Deutschland müsse der Staat für die größtmögliche Sicherheit sorgen, fügte sie hinzu. „Dafür ist Polizeipräsenz besonders wichtig.“

Lambrecht betonte: „Nach dem schrecklichen Mord an dem kleinen Jungen ist nichts wichtiger als Menschlichkeit und Mitgefühl.“ Sie betonte: „Die perfiden Versuche von Vertretern der AfD, die Tat zu instrumentalisieren, zeigten das wahre Gesicht dieser Partei – und werden keinen Erfolg haben.“

13.46 Uhr: Die Deutsche Bahn soll nach Ansicht eines Traumaexperten eine Hilfsgruppe für die Augenzeugen der tödlichen Attacke am Frankfurter Hauptbahnhof einrichten. „Mit solchen Nachbearbeitungsgruppen haben wir gute Erfahrungen gemacht“, sagte Psychotherapeut Georg Pieper, der auch Angehörige und Betroffene der ICE-Katastrophe von Eschede 1998 betreut hat.

Die unmittelbar in einen derartigen Zwischenfall Hineingezogenen könnten sich dort – natürlich freiwillig – sortieren, austauschen und ein Stück besser von dem Vorfall distanzieren, um Traumafolgestörungen zu verhindern. „Die Deutsche Bahn sollte sich auch nicht vorwerfen lassen, sie habe da nichts getan“, sagte Pieper.

Kind vor ICE gestoßen- Rechte Parolen und Streit bei Andacht

12.17 Uhr: Der Vizepräsident des Bundestages, Wolfgang Kubicki (FDP), hat Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) für seine Forderung scharf kritisiert, als Konsequenz aus der tödlichen Attacke von Frankfurt die Videoüberwachung in Bahnhöfen auszuweiten.

„Auch Horst Seehofer weiß eigentlich, dass die Ausweitung der Videoüberwachung in Bahnhöfen solche schrecklichen Taten überhaupt nicht verhindern kann“, sagte Kubicki unserer Redaktion. In einer freien Gesellschaft müsse man akzeptieren, dass es niemals absolute Sicherheit geben könne. „Wer einen gegenteiligen Eindruck zu vermitteln versucht, muss sich vorwerfen lassen, dass er diese Taten für politische Landgewinne nutzen will“, betonte Kubicki.

Versäumnisse sieht Kubicki dagegen auf Schweizer Seite. „Im vorliegenden Fall wäre es – noch dazu im Schengen-Raum – vielleicht angemessen gewesen, hätten die Behörden in der Schweiz die deutschen Behörden unterrichtet, dass sie nach dem Täter fahnden“, sagte er.

11.28 Uhr: Der Haftbefehl gegen den Verdächtigen wurde erlassen. Die Sprecherin der Staatsanwaltschaft Frankfurt erklärte unserer Redaktion den weiteren Ablauf. Es würden nun zuerst die Zeugen vernommen. „Es sind viele Zeugen, das ist zeitintensiv“, erklärte Oberstaatsanwältin Nadja Niesen.

Bis zu einer Anklage – bestätigt sich die Annahme, der Eritreer aus der Schweiz sei der Täter – wird es auch deshalb noch dauern, weil der 40-Jährige auch begutachtet werden muss. Offenbar hat er psychische Probleme, soll in Therapie gewesen sein. „Eine Anklage kann erst erhoben werden, wenn alle Ermittlungen abgeschlossen sind“, so die Oberstaatsanwältin.

10.35 Uhr: Die „Bild“ berichtet unter Berufung auf eine Bekannte der Familie, dass die Mutter und ihr Sohn sich auf den Weg in den Sommerurlaub befunden hätten. Andere Familienmitglieder, unter anderem die Schwester des nun toten Jungen, seien mit dem Auto gereist, das Duo wollte von Frankfurt aus mit dem Zug an den Zielort.

9.13 Uhr: Warum flüchten Menschen aus Eritrea? Das Land in Afrika wird von einem extrem repressiven Regime regiert. Amnesty International Schweiz erklärt, es gibt keine Verfassung und keine unabhängige Justiz. Dafür müssen Menschen „Nationaldienst“ ableisten. Offiziell 18 Monate. In Wahrheit oft viel länger – Zwangsarbeit mit menschenverachtender Entlohnung, die kaum zum Leben reicht.

Wohlhabende kaufen sich frei. Ein Fünftel der fünf Millionen Eritreer lebt laut Amnesty in anderen Ländern – 26.000 in der Schweiz.

Diese Google-Karte zeigt, wo Eritrea auf dem afrikanischen Kontinent liegt.

8.16 Uhr: Angesichts der rechten und rechtsextremen Vereinnahmung des Unglückes zu politischen Zwecken ruft Carsten Baumann zur Besinnung. „Wildes Spekulieren hilft nicht weiter“, sagte der Leiter der ökumenisch geführten Bahnhofsmission. Die Tat werde von einigen Menschen nun in den sozialen Medien genutzt, um die Spaltung der Gesellschaft weiter voranzutreiben. Der Junge sei tot. Ob der Täter Zuwanderer sei oder nicht, spiele keine Rolle, betonte Baumann. Es bleibe eine „sinnlose Katastrophe“.

5.25 Uhr: Die Mutter des getöteten Jungen wird nach Expertenansicht Jahre benötigen, um das Trauma therapeutisch bearbeiten zu können. „Dieses Schicksal ist enorm schwer zu verarbeiten“, sagte Amelie Thobaben, Mitglied des Bundesvorstandes der Deutschen Psychotherapeuten-Vereinigung, der Deutschen Presse-Agentur.

Die Ereignisse von Gleis sieben seien „ganz besonders unfassbar“, weil sie von Menschenhand ausgelöst wurden und nicht etwa durch eine Naturkatastrophe oder einen Unfall.

Dienstag: Haftbefehl gegen mutmaßlichen Täter

20.17 Uhr: 400 Menschen haben sich auf dem Vorplatz des Frankfurter Hauptbahnhofs zu einer Andacht versammelt, um an den getöteten Jungen zu erinnern. Neben dem Gottesdienst gab es auch zwei Mahnwachen unterschiedlicher politischer Gruppierungen.

„Es gab einige hitzige Diskussionen, aber niemand ist den anderen angegangen“, sagte ein Sprecher der Frankfurter Polizei. Die Andacht selbst sei ruhig verlaufen, hieß es.Mahnwache am Hauptbahnhof Frankfurt

19.44 Uhr: Die feige Attacke in Frankfurt berührt das subjektive Sicherheitsempfinden vieler Bürger, schreibt Jörg Quoos, Chefredakteur der Funke Zentralredaktion, in seinem Kommentar. Die Politik muss reagieren. Es gibt Optionen.

17.01 Uhr: Gegen den mutmaßlichen Täter ist Haftbefehl erlassen worden. Der Mann wurde am Dienstagnachmittag dem Haftrichter vorgeführt und muss nun in Untersuchungshaft, wie die Sprecherin der Frankfurter Staatsanwaltschaft der Deutschen Presse-Agentur sagte. Ihm wird Mord und versuchter Mord in zwei Fällen vorgeworfen.

16.13 Uhr: Der Tatverdächtige soll am Donnerstag seine Ehefrau, seine Kinder (1, 3 und 4 Jahre alt) und eine Nachbarin in zwei Wohnungen im gleichen Haus eingesperrt haben – der Gewaltausbruch des Mannes war für alle Opfer überraschend, man habe ihn noch nie so erlebt, hätten die beiden Frauen ausgesagt. Das erklärte der Chef der Regionalpolizei.

Der stellvertretende Kommandant erklärte auf Nachfrage, warum man aufgrund des Vorfalles nicht intensiver gesucht habe, man habe polizeilich nicht anders reagiert, als bei den etwa einem Dutzend derartiger Fälle, die man in dem Zuständigkeitsbereich erlebe – pro Tag.

Der Tatverdächtige hatte in der Schweiz gelebt – im Kanton Zürich. Der Ort Wädenswill ist auf dieser Google-Maps-Karte gesehen.

16.06 Uhr: Auch die Kantonspolizei Zürich äußert sich bei einer Pressekonferenz zu dem Tatverdächtigen. Bruno Keller, stellvertretender Kommandant, erklärte, dass es bis vergangenen Donnerstag – bis auf ein geringfügiges Verkehrsvergehen – keinerlei polizeilichen Erkenntnisse gab. Am Wohnort des Mannes sei es dann zu Gewalt gekommen, der 40-Jährige sei daraufhin geflüchtet.

Nachdem ein Zusammenhang mit dem Fall in Frankfurt am Montag hergestellt wurde, sei in Zürich sofort einen Stab zusammengestellt worden, der mit den deutschen Behörden eng zusammenarbeite.

Eine Hausdurchsuchung habe keine Hinweise auf eine politische Radikalisierung oder andere ideologische Motivation ergeben. Allerdings habe sich der Mann seit 2019 in psychiatrischer Behandlung gefunden. Er sei seit einigen Tagen krankgeschrieben gewesen.

15.32 Uhr: Innenminister Seehofer sagte bei seiner Pressekonferenz weiter, er akzeptiere bei der Sicherheit der Bevölkerung Kosten nicht als Begründung für fehlende Verbesserungen – es gehe in der Diskussion nicht um „Ideologien und Haushalte“. Dass etwas nicht machbar sei, weil es teuer ist, könne nicht angehen.

Zug-Attacke- Das sagen Seehofer und Bundespolizei zum Tatverdächtigen

15.22 Uhr: Die Tatsache, dass der Verdächtige aus Eritrea stammt, hatte viele Vorurteile geschürt und Hetze von rechts ausgelöst – doch laut Seehofer stellt sich die Frage nach einer Änderung des Aufenthaltsrechts in diesem Fall nicht: Der Mann habe eine Aufenthaltserlaubnis, war seit 2008 offiziell berechtigt, in der Schweiz zu leben und auch zu reisen.

Grundsätzlich müsse die „Werte-Erosion“ zu Konsequenzen führen, sagte der Innenminister. Es habe zuletzt 13 Fälle drastischer Gewalt gegeben, die die derzeitige Politik in Frage stellen. Die Tat in Frankfrut gehöre aber eindeutig nicht dazu, betonte Seehofer.

15.51 Uhr: Auf die Frage, wie man damit umgehe, dass der Mann unbehelligt von der Schweiz nach Deutschland reisen konnte, obwohl nach ihm gefahndet worden war, erklärte Seehofer, dass man dies überprüfen müsse – allerdings nicht, indem man zu so strengen Kontrollen wie früher zurückkehre.

15.14 Uhr: Seehofer erklärte, was das für die Sicherheit an Bahnhöfen bedeutet. Deshalb sei er – trotz Urlaub – in Berlin und habe mit den Chefs der Sicherheitsbehörden gesprochen. Einfach weiter zu machen sei „absolut unmöglich“ gewesen. Mit Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer habe man Spitzengespräche anberaumt, um die Sicherheit an Bahnhöfen in Deutschland zu erhöhen.

15.10 Uhr: Bundespolizei-Chef Dieter Romann sprach bei der Pressekonferenz in Berlin über den mutmaßlichen Täter. 2008 hatte er in der Schweiz Asyl gewährt bekommen, er habe Arbeit gehabt. Er war allerdings in der vergangenen Woche in der Schweiz auffällig geworden: Der 40-Jährige hatte eine Nachbarin mit einem Messer bedroht und sie auch gewürgt. Daraufhin sei er national zur Festnahme ausgeschrieben worden. Er war bereits im Vorfeld auffällig.

15.04 Uhr: Horst Seehofer trat um 15 Uhr vor die Presse. „Ein solches Ereignis macht uns alle fassungslos und trifft uns mitten ins Herz“, sagte der Innenminister. Er drücke noch einmal die Anteilnahme der gesamten Bundesregierung gegenüber der Mutter aus – und lobte die „praktizierte Zivilcourage“ der Passanten, die den Tatverdächtigen bei seiner Flucht aufgehalten haben. Dieter Romann, Chef der Bundespolizei, werde sich zum Täter äußern, kündigte Seehofer an.

13.49 Uhr: Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) will um 15 Uhr über ein Treffen der Chefs der Sicherheitsbehörden informieren. Bei dem Treffen soll es nach dpa-Informationen neben der Attacke am Frankfurter Hauptbahnhof auch um Angriffe und Drohungen gegen Vertreter der Linkspartei gehen, um Bombendrohungen gegen Moscheen sowie den rassistisch motivierten Angriff auf einen Eritreer im hessischen Wächtersbach.

13.11 Uhr: Der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, erklärt unserer Redaktion in der Sicherheitsdebatte: „Wir können keine hundertprozentige Sicherheit herstellen. Wenn sich jemand unauffällig verhält und zur Tat entschlossen ist, dann kann ihn niemand daran hindern.“

Mit mehr Polizisten und intelligenter Videoaufklärung auf den Bahnhöfen könne das Sicherheitsgefühl erhöht werden. Auch könnten auffällige Personen leichter identifiziert werden. Bei vollkommen unauffälligen Tätern greife aber beides nicht.

Auch die Idee, nur Menschen mit gültiger Fahrkarte auf den Bahnsteig zu lassen, biete keine große Sicherheit. Wer zur Tat entschlossen sei, würde sich dann vermutlich einfach eine Karte kaufen. Der Einbau von stabilen Sperren, wie es sie teilweise in anderen Ländern gibt, sei wiederum zu teuer und zu aufwendig. „Das ist alles kurzfristig nicht durchführbar“, sagte Wendt.

12.10 Uhr: Mutmaßungen, der Fall habe etwas mit der Tat im hessischen Wächtersbach zu tun, konnten bisher nicht bestätigt werden. Dort hatte ein Deutscher offenbar aus rassistischen Motiven einen Eritreer mit einem Bauchschuss schwer verletzt und sich anschließend selbst getötet.

Junge vor Zug gestoßen – das sagt die Staatsanwaltschaft

11.05 Uhr: In Frankfurt hat eine Sprecherin der Frankfurter Staatsanwaltschaft, Nadja Niesen, weitere Angaben zu dem verdächtigen Mann aus Eritrea gemacht – er sei 40 Jahre alt, lebte seit 2006 in der Schweiz, hat drei Kinder und eine Ehefrau. Er habe sich bisher nicht eingelassen zu den Vorwürfen.

Die Mutter und ihr Sohn kämen aus dem Hochtaunuskreis. Der Mann habe zudem versucht, eine 78-Jährige auch ins Gleisbett zu stoßen, dies gelang ihm nicht. Die Frau erlitt einen Schock und eine Verletzung an der Schulter.

Auf dieser Google-Karte sehen Sie, wo der Bahnhof in Frankfurt liegt.

Zungunglück in Frankfurt: Kind vor Zug gestoßen – was wir bisher wissen – und was nicht

11.01 Uhr: Anteilnahme nach einer grausamen Tat: Nach der tödlichen Attacke auf einen achtjährigen Jungen soll es am Dienstagabend im Frankfurter Hauptbahnhof eine öffentliche Andacht geben. Das Gedenken soll um 18.30 Uhr in der Nähe von Bahnsteig 7 stattfinden, wo der Junge starb, wie die Frankfurter Bahnhofsmission mitteilte. Dabei seien Vertreter von katholischen und evangelischen Gemeinden in Frankfurt am Main.

10.32 Uhr: Die Polizei bestätigte es auf Twitter: Der mutmaßliche Täter hat bis zuletzt im Kanton Zürich in der Schweiz gelebt. Der Mann mit eritreischer Staatsbürgerschaft war im Besitz einer „Niederlassungsbewilligung“.

8.55 Uhr: Der stellvertretende Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Jörg Radek, warnte vor Nachahmungstätern, aber auch unrealistischen Erwartungen in Sachen Sicherheitskonzepte: Angesichts von 5600 Bahnhöfen und Haltestellen in Deutschland dürfe nicht mit schnellen Lösungen gerechnet werden. „Die sind alle so unterschiedlich strukturiert, dass es schwer sein dürfte, ein Konzept für alle zu entwickeln“, sagt er dem RND. Forderungen nach mehr Personal bezeichnete der GdP-Vize als unseriös.

Kind in Frankfurt vor ICE gestoßen

06.02 Uhr: Aus Sicht der Vorsitzenden der Verkehrsministerkonferenz, Anke Rehlinger (SPD), sind Taten wie in Frankfurt durch Sicherheitsmaßnahmen allerdings nicht zu verhindern. Dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND/Dienstag) sagte die saarländische Verkehrsministerin: „Eine solche Tat offenbart keine Sicherheitslücke, sondern eine Menschlichkeitslücke.“

Montag: Horst Seehofer informiert am Dienstag die Öffentlichkeit

17.07 Uhr: Nach dem Vorfall hat Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) seinen Urlaub unterbrochen. „Angesichts mehrerer schwerwiegender Taten in jüngerer Zeit“ wolle er die Chefs der Sicherheitsbehörden treffen, erklärte der Minister per Mitteilung. Am Dienstag wolle er um 15 Uhr die Ergebnisse auf einer Pressekonferenz vorstellen.

Bei dem Treffen soll es nach dpa-Informationen neben der Attacke am Frankfurter Hauptbahnhof auch um Angriffe und Drohungen gegen Vertreter der Linkspartei gehen, um Bombendrohungen gegen Moscheen sowie den rassistisch motivierten Angriff auf einen Eritreer im hessischen Wächtersbach.

Seehofer sei tief bestürzt über den Vorfall in Frankfurt, teilte er mit. Er wünsche Angehörigen und Freunden des getöteten Jungen Kraft. „Die Hintergründe für das abscheuliche Verbrechen sind derzeit noch unklar. Es ist jetzt die Aufgabe der Ermittlungsbehörden, diese schnellstmöglich und umfassend aufzuklären“, so Seehofer.

Kind in Frankfurt vor ICE gestoßen: Das berichten Zeugen

Eine Augenzeugin, die in dem einfahrenden ICE 592 aus Düsseldorf saß, sagte dem Hessischen Rundfunk (hr), die Leute seien weinend zusammengebrochen. Mehrere Reisende hätten medizinisch versorgt werden müssen. Eine Schaffnerin, die die Tat aus dem Zug heraus mit ansehen musste, habe laut geschrien, berichtete die Frau.

Am Hauptbahnhof sei es zu einem „massiven Polizeieinsatz“ gekommen. Auch auf den Bahnverkehr hatte der Vorfall Auswirkungen. Die Gleise 4 bis 9 wurden nach dem Zwischenfall vorübergehend gesperrt, sagte eine Sprecherin der Deutschen Bahn. Laut Bahn gibt es derzeit keine Prognose, wie lange die Einschränkungen dauern werden.

Der Fall erinnert an einen ganz ähnlichen Fall aus Voerde. Erst vor wenigen Tagen hatte ein Mann eine Frau vor einen Zug gestoßen. Sie starb. Der Verdächtigte hatte zuvor schon ein ganzes Dorf terrorisiert. Gefasst wurde der Täter dank eines couragierten Zeugen (Frau vor Zug gestoßen: Dieser Mann stellte den Verdächtigen ).

(seb/dpa/rtr/joe/cho/les)