Reisen

Wie der Massentourismus Städte und Strände kollabieren lässt

Der Strand von Magaluf in der Bucht von Palma auf Mallorca. Die Balearen-Insel hat mittlerweile auf den „Overtourism“ reagiert und die Preise erhöht.

Der Strand von Magaluf in der Bucht von Palma auf Mallorca. Die Balearen-Insel hat mittlerweile auf den „Overtourism“ reagiert und die Preise erhöht.

Foto: imago stock&people / imago/Westend61

Tourismusforscher Wolfgang Strasdas über das Phänomen des Massentourismus: Städte kollabieren – und Erholung ist nicht mehr möglich.

Berlin. An diesem Sommertag ging nichts mehr in Luzern: Es war ein Touristenaufmarsch, wie ihn die Schweiz noch nie gesehen hatte: Im Minutentakt stoppten die Busse der XXL-Reisegruppe. 12.000 Chinesen liefen durch die Gassen, verteilten sich in Bistros und stürmten die Ausflugsdampfer. Die Gäste waren bestens gelaunt. Hatte ihnen ihr Chef doch diese Reise zur Belohnung für ihre gute Arbeit geschenkt.

Solche Megatrips liegen im Trend, sagt Tourismusforscher Wolfgang Strasdas von der Universität Eberswalde. Ein Trend mit Folgen: Städte stünden vor dem Kollaps. Schon wegen des Toiletten- und Müllproblems. So viele Abfalleimer gebe es gar nicht, wie benötigt würden. Wer Ruhe sucht? Pech gehabt. Heute sei es an klassischen Urlaubsorten so voll, dass die Erholung komplett auf der Strecke bleibe.

„Overtourism“ nervt die Einheimischen

Um vier Prozent nimmt der weltweite Tourismus zu, so Strasdas. „Schwellenländer sind zu den bedeutenden Quellenmärkten für Tourismus geworden. China liegt inzwischen auf Platz eins.“ Einer ihrer Lieblingsorte ist das österreichische Hallstadt. Eine halbe Million Besucher aus Fernost zieht es jährlich in die 800-Seelen-Gemeinde. So etwas verändert einen Ort. Ein Souvenirladen reiht sich an den anderen. Die Einheimischen klagen über immer höhere Preise in den Supermärkten.

Doch nicht nur Chinesen lieben die Berge oder das Brandenburger Tor oder den Eiffelturm. Das Zuviel an Touristen – Experten sprechen von „Overtourism“ – ist ein länderübergreifendes Phänomen. „Paris versucht jetzt, die Touristen von den Hotspots wegzulocken“, so Strasdas. Das Resultat: Jetzt sei es auch an den Rändern von Paris rappelvoll. Wo einmal Ruhe herrschte, nervten Partytouristen die Menschen. Was tun?

Ein Weg, der den Tourismusforscher überzeugt, ist der, den Mallorca geht. Verknappung der Kapazitäten. Und die Preise erhöhen. „Es werden keine Lizenzen mehr für neue Hotels vergeben, und die Zahl der Mietwagen wird begrenzt.“ Schon ist auf der Insel die Rede vom „Einbruch der Gästezahlen“. Manche Hoteliers sprechen davon, dass die Hälfte der Leute wegbleibt, weil es ihnen zu teuer geworden sei. Dass die Gäste noch mehr ausbleiben, ist nicht zu befürchten. Der Wunsch von Umweltorganisationen, die Flughafenkapazitäten einzuschränken, gestaltet sich schwierig.

Nicht nur Pauschalurlauber stören Einheimische

Die Balearen locken die Massen: Fast 17 Millionen Urlauber wollten sich im vergangenen Jahr dort erholen. Ein Rekord. Und trotz des Rummels ja auch eine gute Nachricht: Die Tourismusbranche ist für etwa die Hälfte des erwirtschafteten Bruttosozialprodukts zuständig. Auch dank der Kreuzfahrtschiffe, die auf einen Schlag 5000 Menschen ausspucken und auf Shoppingtour schicken. Der Wunsch der Bürgerinitiativen von Mallorca: nur noch ein Megaschiff pro Hafen statt fünf.

Vorzeigedörfern wie dem abgelegenen Valldemossa hilft das auch nicht. Der Ort auf Mallorca gilt als Dorf mit den höchsten Touristenzahlen pro Einwohner weltweit. Auf 2000 Einheimische kommen jedes Jahr eine Million Besucher – meist Pauschalreisende. Die hätten zwar einen schlechten Ruf, aber die anderen, die Individualreisenden, seien keinesfalls besser, so Strasdas. „Auf der Suche nach dem Authentischen wollen sie wie die Einheimischen leben“ und gehen denen dabei meist auf die Nerven. „Besser, es konzen­triert sich in Resorts“, da könnten sie nicht so viel kaputt machen.

Individualreisende sehe man häufig mit Rucksäcken durch die Gegend ziehen. „Und unter den Backpackern sind immer Pensionäre. Sie sind reiseerfahren – und sie haben genügend Geld“, so Strasdas. Im Geld sieht er übrigens den Schlüssel zur Abkehr vom Overtourism: „Reisen muss teurer werden.“ Alles andere helfe nicht.