Forschung

Sexmuffel sind unter jungen US-Amerikanern auf dem Vormarsch

Junge Menschen in den USA haben laut neuen Untersuchungen seltener Sex als die Generationen vor ihnen.

Junge Menschen in den USA haben laut neuen Untersuchungen seltener Sex als die Generationen vor ihnen.

Foto: imago stock&people

Es gibt in den USA laut Forschern immer mehr Menschen ohne sexuelle Kontakte. Vor allem junge Männer lassen sich Zeit mit der Liebe.

Washington.  Es ist nicht lange her, da wurde die Allverfügbarkeit kostenloser Internet-Pornografie und Sexverabredungs-Apps auf dem Mobiltelefon wie Tinder als Indiz dafür genommen, dass junge Amerikaner mehrheitlich der „Generation Abschleppen“ angehören. Das Gegenteil – „Generation Lustlos“ – scheint näher bei der Wahrheit zu liegen.

Aktuelle Auswertungen regelmäßiger Sozialstudien haben ergeben, dass der Anteil junger Menschen der Altersschicht 18 bis 29, die überhaupt keine sexuellen Kontakte haben, im vergangenen Jahr mit 23 Prozent einen neuen Höchststand erreicht hat. Die Sexmuffel sind eindeutig auf dem Vormarsch. Zehn Jahre zuvor bekannten sich nur acht Prozent zur Abwesenheit körperlicher Intimität.

28 Prozent der jungen Männer wollen 2018 keinen Sex gehabt haben

Wer in die Tiefen der General Social Survey steigt, die seit 1972 erhoben wird und für die regelmäßig 27.000 Probanden befragt werden, stellt fest, dass vor allem das männliche Geschlecht (18 bis 29) eine erstaunliche Trägheit im Schlafzimmer kennzeichnet. 28 Prozent gaben an, in 2018 gar keinen Sex gehabt zu haben – dreimal mehr als 2008.

Bei jungen Frauen dieser Altersgruppe lag der No-Sex-Anteil bei 18 Prozent. Zum Vergleich: Im Liebesleben der 30- bis 39-Jährigen berichteten nur sieben Prozent von einer physischen Ganzjahres-Flaute. Im Alterssegment 50 bis 59 lag dieser Wert bei 13 Prozent.

Die Zahlen folgen einem Trend, den Wissenschaftler in den USA seit Längerem von der Highschool über die Universitäten bis in die Startphase des Berufslebens beobachten und inzwischen mit der „Großen amerikanischen Sex-Dürre“ beschreiben. Bereits vor drei Jahren ergab eine Untersuchung der Florida Atlantic University, dass gerade die Millennials, die kurz vor der Jahrtausendwende geboren wurden, weniger Sexpartner haben als ältere Semester.

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Ähnlich abstinent waren junge Menschen seit den 1920ern nicht mehr

Während die Babyboomer, die Jahrgänge 1945 bis 1965, im Alter zwischen 18 und 24 Jahren im Schnitt auf elf Sexpartner kamen, gaben die jungen Erwachsenen von heute für die gleiche Altersspanne acht Sexkontakte an. Im Fachblatt „Archive des Sexualverhaltens“ stellten die Autoren fest, dass man schon bis in die Zeit der Weltwirtschaftskrise um 1920 zurückgehen muss, um in den USA eine Generation ausfindig zu machen, die noch abstinenter war.

Dabei fiel auf: Staatlich geförderte Enthaltsamkeit, wie sie die Regierung Bush noch Mitte der 2000er-Jahre mit dem millionenschweren „abstinence only“-Programm bei Jugendlichen herbeierziehen wollte, spielt kaum mehr eine Rolle.

Die Erzählung, dass Sex vor und außerhalb der Ehe schädlich sei für Körper und Geist und allein der Verzicht sicheren Schutz gegen ungewollte Schwangerschaften und Geschlechtskrankheiten biete, verfange allenfalls noch in extrem religiösen Kreisen, sagen Forscher.

Teenager lassen sich bei vielen Themen mehr Zeit

Auf der Suche nach Gründen für die Sex-Rezession landen Fragesteller in den Vereinigten Staaten früher oder später bei Jean M. Twenge. Die Psychologie-Professorin an der San Diego State University in Kalifornien hat 2018 in ihrem viel beachteten Buch „iGen“ unter anderem die sozialen Medien als Ursache für die Enthaltsamkeit ausgemacht.

Twenges Tenor: Eine Generation, die mit Facebook, Instagram, Twitter und anderen sozialen Medien auf Knopfdruck weltweit binnen Sekunden Kontakte herstellen kann, geht weniger vor die Tür, um in der realen Welt mit anderen in Berührung zu kommen. Kontaktunfreundlich mache sich auch der Umstand bemerkbar, dass junge Menschen, hier vor allem junge Männer, heute viele länger im „Hotel Mama“ eingecheckt bleiben. Im Elternhaus alt gewordene Kinder seien tendenziell weniger sexuell aktiv als Früh-Ausgezogene. Was verständlich ist: Das Risiko eines väter­lichen oder mütterlichen Klopfens an der Kinderzimmertür sei nun mal kein Aphrodisiakum.

Sexverzicht fügt sich laut Twenge in ein generell verändertes Bild bei Jugendlichen. Untersuchungen, die zwischen 1976 and 2016 die Daten von acht Millionen Amerikanern zwischen 13 und 19 Jahren sezierten, ergaben einen Trend, den man so beschreiben kann: Teenager lassen sich heute überall viel mehr Zeit. Ob es das Alkoholtrinken, einen Job, einen festen Partner oder die erste eigene Wohnung angeht – Jugendliche in den 1970er-, 80er- und 90er-Jahren waren im Schnitt früher aktiv.