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Helm auf, Rad ab? Das Ministerium und die halbnackten Models

GNTM-Drama: Gewaltattacke und Sexismus-Vorwürfe

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Die Empörung über die sexistische Fahrradhelm-Kampagne des Verkehrsministeriums ist groß. Das dürfte die Beteiligten vor allem freuen.

Berlin. Ich hatte diese Woche den natürlichen Impuls, in dieser Kolumne über die Radhelm-Kampagne des Verkehrsministeriums von Andreas Scheuer (CSU) zu schreiben – über eine groteske Geschmacklosigkeit größer als das Frauentagsgate des Immobilienunternehmens Engel & Völkers vor ein paar Wochen – und das will etwas meinen.

Auf den angesprochenen Werbemotiven räkeln sich leicht bekleidete Models (unter ihnen die 18-jährige Alicia Köhler aus Heidi Klums Sendung ) in Spitzenunterwäsche auf einem Bett. Zuvor hatte sich besagtes Model in der ProSieben-Show bei einem Nacktshooting-Wettbewerb für die Kampagne qualifiziert. Immerhin – könnte man lakonisch sagen – den BH durfte sie für die steuergeldfinanzierte Kampagne dieses Mal anlassen.

GNTM: Ministerium promotet Klum-Show - Werbeagentur mit beunruhigender Ahnung

Dann verlief alles in (vorgesehener) Reihenfolge: Kaum einen Tag nachdem Andreas Scheuer die Kampagne vorgestellt hatte, brach der Shitstorm im Internet los. SPD-Politikerinnen forderten den Stopp (vor allem) der dazugehörigen Plakate, was maximale Präsenz auf allen Nachrichtenportalen zur Folge hatte, ebenso wie Hunderte von Kommentaren von zu Recht empfindlich berührten Menschen, die Sexismus in der Werbung für ein Fossil aus den 50er-Jahren hielten.

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Dazwischen, etwas entrückt, ein paar (männliche) Kommentatoren aus dem Feuilleton und der Politik, die das Ende öffentlich sichtbarer nackter Frauen beweinten, nach der Devise: „Das wird man ja wohl nochmal ausziehen dürfen.“

Wiederum andere Kommentatoren waren um die Ernsthaftigkeit von Regierungspolitikern besorgt, sollte die Empörung vorsätzlich erfolgt sein. So auch Nils Pickert, Chefredakteur der vom Bundesfamilienministerium geförderten Initiative „Pinkstinks“.

Er habe, wie er schreibt, ein paar Fragen: „Verfährt die Koalition jetzt nach dem Prinzip Dr. Jekyll und Mr. Hyde?“ Während das Bundesfamilienministerium Geld ausgebe, um über Aktionen wie „Not Heidi’s Girl“ die Sendung „Germany’s Next Topmodel“ zu kritisieren, gebe das Bundesverkehrsministerium Geld dafür aus, um „Germany’s Next Topmodel“ zu promoten. Dazu schreibt eine Leserin an Minister Scheuer: „,Sex sells‘ diskriminiert die Hälfte der Bevölkerung, der Sie unter Eid geschworen haben, als Bundesminister zu dienen.“

Scholz & Friends: Denn sie wissen, was sie tun

Dem ist nichts hinzuzufügen außer die beunruhigende Ahnung, dass die Werbeagentur Scholz & Friends, eine der größten in Deutschland und international, wohl jede öffentliche Reaktion voraussehen kann. So steht auf der Webseite der Agentur als Erfolgsmeldung zu lesen: „Eine Präventionskampagne oder ein Thema wie Verkehrssicherheit waren bisher noch nie Teil des Erfolgsformats ,Germany’s Next Topmodel’ bei ProSieben.“

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So bleibt nun die Frage, was wohl zuerst kam: das Huhn oder das Ei. Sprich: Verkehrsminister Andreas Scheuer, der Lust hatte, mal mit Heidi Klums Show und dem in München ansässigen Privatsender ProSieben zu arbeiten, oder aber Scholz & Friends, die sich in nächtelangen Brainstormings überlegt haben, wie man den Kunden Verkehrsministerium am stärksten einbinden kann.

Heidi Klum freut sich auch

Und was macht eigentlich Heidi Klum, außer sich vermutlich zu freuen, dass ihre Show mit stabilen rund 1,5 Millionen Zuschauern pro Folge wieder Aufwind hat? Vermutlich gar nichts, genauso wenig wie das Verkehrsministerium (das sich auf Twitter inzwischen auch mit der erreichten Aufmerksamkeit rechtfertigt), ebenso wenig wie die Agentur Scholz & Friends.

Ihnen bleibt der Ruhm, das gegenseitige Schulterklopfen dafür, durch herkömmliche Methoden mal wieder maximale Ergebnisse erzielt zu haben. Henne oder Ei – was sollen wir als Konsumenten zuerst essen? Oder freuen wir uns doch einfach auf den nächsten schlecht kaschierten Versuch unserer Regierung, bei den wichtigsten Protest-Hashtags der Gegenwart einzuhaken.