Feminismus

Sophie Passmann spricht über ihr Buch „Alte weiße Männer“

Auf ein Wort mit Sophie Passmann

Sophie Passmann ist Moderatorin, Autorin, und Instagram-Phänomen. Ein Gespräch über Feminismus, Humor und ihren Rettungsplan für die SPD.
Marit Langschwager

auf ein wort mit sophie passmann

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Wer hat Angst vorm „alten weißen Mann“? Sophie Passmann ganz sicher nicht. Für ihr Buch hat sie sich mit elitären Männern getroffen.

Köln.  Der Feminismus nervt, stört und ist unbequem – und das ist gut so. In persona ist das Sophie Passmann, 25 Jahre alt, Radiomoderatorin, Kolumnistin und seit wenigen Tagen zweifache Buchautorin. In „Alte weiße Männer. Ein Schlichtungsversuch“ geht sie der Frage nach, wer oder was sich hinter diesem hochdebattierten Begriff eigentlich verbirgt.

Um das herauszufinden, hat sie sich mit vielen Männern unterhalten, darunter Kai Diekmann, Marcel Reif, Kevin Kühnert und ihr eigener Vater. Im Interview mit Theresa Langwald spricht sie über Privilegien-Blindheit, einen Rainer Langhans in Rage und klärt die Frage, ob auch eine Frau ein „alter weißer Mann“ sein kann.

Sophie, das Cover deines Buchs ist rosafarben, eine schwarze Krawatte ist darauf zu sehen. Wer soll es lesen: junge bunte Feministinnen oder alte weiße Männer?

Sophie Passmann: Beide. Es ist für Feministinnen oder junge Frauen, die sich an Weihnachten mit dem etwas sexistischen Onkel unterhalten müssen und sich dafür wappnen wollen. Es ist aber auch für „alte weiße Männer“ oder Männer, die Angst haben, solche zu werden. Ich schreibe ja subjektiv über diese Treffen und gebe damit Männern die Möglichkeit, nachzuvollziehen, wieso sich manche Situationen unangenehm anfühlen, wieso manche Verhaltensweisen, die sie an den Tag legen, bei anderen anders ankommen als sie denken.

Wer oder was ist der „alte weiße Mann“?

Passmann: Es gibt da keine passende Ein-Satz-Definition und kein Schwarz-Weiß. Am Ende ist es immer eine innere Haltung. Ein paar Charakterzüge tauchen allerdings immer wieder auf: joviales Verhalten der Welt gegenüber, Belächeln des feministischen Diskurses, Priviliegien-Blindheit. Weiße Männer sind die einzige Personengruppe in dieser Gesellschaft, die keine Nachteile wegen ihres Geschlechts und ihrer Hautfarbe hat. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie privilegienblind sind, ist relativ groß. Die eigenen Privilegien zu reflektieren, macht ja nie Spaß. Ich zum Beispiel muss auch viel Energie aufbringen, um zu reflektieren, dass ich als weißer Mensch in einer rassistischen Gesellschaft rassistisch agiere – ob ich es möchte oder nicht. Und Männern macht das dann doppelt so wenig Spaß, aber sie haben halt auch die doppelte Verantwortung, weil sie das doppelte Privileg haben.

Kann auch eine Frau ein „alter weißer Mann“ sein? Wer fällt dir da ein?

Passmann: Alles in der AfD-Fraktion ist „alter weißer Mann“. Prinzipiell kann jeder Typ Mensch solche Charaktereigenschaften haben. Auch eine Frau kann jovial und arrogant sein und den Fortschritt belächeln. Was aber eine Frau nie haben wird, ist das Privileg, ein Mann zu sein. Und nur, weil eine Frau antifeministisch argumentiert, heißt das nicht, dass sie nicht auch von Sexismus betroffen ist. Sie reflektiert es vielleicht nicht oder sie ist der Meinung, dass sie den nicht braucht, aber das ändert nichts an ihrer Benachteiligung.

Was sind das für Privilegien, die die Männer haben?

Passmann: Da kann man sich vom Alltäglichen hoch ins Strukturelle arbeiten. Männer sind immer noch eine Art Überkategorie des Menschen, sie haben weniger Einschränkungen. Eher wird es Frauen beigebracht, nachts nicht rauszugehen, als Männern, keine Vergewaltiger zu werden. Im Berufsleben gibt es Männernetzwerke und im Strukturellen haben wir einen Gesetzgeber, der sich weigert, gewisse strukturelle Benachteiligungen beispielsweise mit Quoten und Gesetzen auszuhebeln.

Was sollte eine Frau tun, wenn sie sich in einer sexistischen Alltagssituation befindet?

Passmann: Ich möchte eigentlich eine Welt, in der es weniger Handlungsanweisungen für Frauen gibt. Fürs Erste reicht es schon, zu überlegen, warum man sich unwohl gefühlt hat und warum man vielleicht nichts gesagt hat. Entweder liegt es daran, dass man Angst davor hat, diesen Menschen zu verlieren. Dann muss man sich fragen: Warum will ich denn überhaupt jemanden in meinem Leben haben, der offensichtlich sexistisch ist und mich als Frau weniger ernst nimmt als sich als Mann? Oder es liegt daran, dass man nicht als unfreundlich oder unbeliebt gelten möchte. Das ist wieder ein total interessantes, auch frauenfeindliches Klischee, dass Frauen immer harmlos und lieb sein müssen. Wenn Frauen darüber hinweg kommen, merken sie auf einmal, wie angenehm es ist, nicht zu jedem freundlich sein zu müssen.

Zurück zum Buch. Du hast etwa mit Kai Diekmann, Robert Habeck oder Marcel Reif gesprochen. Welches Gespräch (von allen) hat dich am meisten geärgert?

Passmann: Geärgert hat mich am meisten Rainer Langhans. Weil ich nicht mit der Art und Weise gerechnet habe, wie er argumentiert. Und vor allem nicht damit, wie er sich in böse Rage redet, so als würde ich ihn als Feministin intellektuell beleidigen und unterfordern. Das hat irgendwann ein Ausmaß angenommen, dass er dachte, jetzt muss er mal auf den Tisch hauen und sagen: „Das geht alles so nicht, das ist ja alles völlig bekloppt“.

Bei welchem Treffen hast du für dich am meisten rausgezogen?

Passmann: Bei dem mit meinem Vater, vor allem emotional. Mit seinen Eltern unterhält man sich ja selten lange über ernste Themen in einem Rahmen, in dem mal nichts anderes besprochen wird. Das bringt einem wahnsinnig viel und ich hab ja auch das Glück, dass mein Vater sich ganz gut geschlagen hat.

Viele unserer Leser sind 50+, weiß und männlich.

Passmann: Wie bei jeder Zeitung.

Was möchtest du ihm gerne sagen?

Passmann: Allererster Impuls: „Bitte lächeln, weil ihr seht hübscher aus damit.“ Das bekommen nämlich junge Frauen gerne zu hören. Und dann den Impuls, sich beim Lesen des Titels zu ärgern und sofort die Zeitung zuzuschlagen, kurz unterdrücken – deswegen Lächeln – denn es ist natürlich mit einem Augenzwinkern gemeint. Mein Buch ist ja kein gefährlicher Angriff auf einen Mann. Es ist tatsächlich ein Gesprächsangebot. Dadurch, dass ich dieses Feindbild bespreche, gebe ich anderen die Möglichkeit, angenehmere Menschen zu werden. Das Buch ist keine Vorverurteilung, kein „Ihr seid sowieso die Bösen, ihr könnt nur verlieren“ – ganz im Gegenteil: Eigentlich können Männer ja froh sein, dass Frauen noch mit ihnen sprechen wollen.

Feminismus hat in großen Teilen der Gesellschaft einen schlechten Ruf. Warum haben so viele Menschen ein Problem damit?

Passmann: Weil ein ganz großes frauenfeindliches Klischee unsere Gesellschaft beherrscht: Frauen, die die von Männern gemachte Welt stören, machen das, weil sie bei Männern keinen Erfolg haben, humorlos sind und hysterisch. Die Argumentation ist ja immer: Mit den Frauen stimmt was nicht. Frauen, die sich beschweren, sind der Fehler im System. Das System hat doch jahrzehntelang gut funktioniert, warum nerven die jetzt auf einmal? Mittlerweile bin ich aber einer heißen Sache auf der Spur: Ich glaube, das Klischee ist falsch.

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Dieser Text erschien zuerst auf www.waz.de.