Gerichtsurteil

Ehemalige Kinderprostituierte wird in den USA begnadigt

 Cyntoia Brown ist freigesprochen worden und ist ab Sommer auf freiem Fuß.

Cyntoia Brown ist freigesprochen worden und ist ab Sommer auf freiem Fuß.

Foto: dpa Picture-Alliance / Lacy Atkins / picture alliance/AP Photo

2004 tötete die Ex-Kinderprostituierte Cyntoia Brown ihren Freier. 51 Jahre sollte sie im Gefängnis bleiben. Jetz kommt es anders.

Washington.  Der 7. August wird für Cyntoia Brown wie ein zweiter Geburtstag sein. Auf den Tag genau vor 15 Jahren jagte die ehemalige Kinderprostituierte dem 43-jährigen Immobilienmakler Johnny Allen, einem Freier, in Nashville eine Kugel in den Kopf.

Dafür wurde die damals 16-jährige Afro-Amerikanerin von einem Gericht im Bundesstaat Tennessee zu einer Haftstrafe verurteilt, die ihre Freilassung frühestens nach 51 Jahren möglich gemacht hätte, sprich 2055.

Ab Sommer auf freiem Fuß

Der scheidende Gouverneur des Bundesstaates, der Republikaner Bill Haslam, hat der jungen Frau jetzt mit einer spektakulären Begnadigung eine neue Lebensperspektive eröffnet. Mit 31 Jahren (statt mit 67) kann Brown das Gefängnis im Sommer verlassen.

Sie muss sich zehn Jahre lang strengen Bewährungsregeln unterwerfen, psychologische Beratung wahrnehmen, eine feste Beschäftigung eingehen und einige Dutzend Stunden Sozialdienst mit gefährdeten Jugendlichen verrichten.

Haslam begründete sein Entscheidung mit der nachhaltigen Wandlung der Frau, die sich im Strafvollzug tadellos präsentiert habe, und einem Jury-Urteil, das seinerzeit zu „harsch“ ausgefallen sei.

#meToo-Debatte beförderte neue Sichtweise auf den Fall

Brown holte hinter Gittern die Highschool nach, liegt in den letzten Zügen ihres College-Abschlusses und hat bereits Arbeitsangebote. Als die Anwälte ihr die Botschaft überbrachten, führte sie einen Freudentanz auf und bedankte sich unter Tränen bei ihren Unterstützern: „Ich werde alles machen, was ich kann, um euer Vertrauen in mich zu rechtfertigen.“

Die Wendung im Leben von Cyntoia Brown geht, wie so oft im amerikanischen Strafvollzug, auf eine Verquickung günstiger Umstände zurück. Zum einen hat die #meToo-Debatte um Missbrauch und sexuelle Nötigung befördert, dass „die Ausgangsposition der jungen Frau in einem neuen Licht betrachtet wurde“, sagen damalige Prozessbeobachter“.

Gericht hatte ursprünglich niedere Absicht und Tatvorsatz festgestellt

Brown wurde als Kind einer Alkoholikerin geboren. Ihre Kindheit war von Missbrauch und Drogen geprägt. Im Alter von zwei Jahren wurde sie zur Adoption freigegeben. Bei den Ersatz-Eltern trat sie als Teenager die Flucht an, kam mit einem acht Jahre älteren Zuhälter in Kontakt (Spitzname: „Kehlenschlitzer“), der sie vergewaltigte und auf den Strich schickte.

Die fatale Begegnung mit dem Freier Johnny Allen im August 2004 endete tödlich, als der Mann während des Sex-Aktes plötzlich neben das Bett gegriffen haben, was bei Cyntoia Brown akute Angst auslöste. Sie holte eine Pistole aus der Tasche und schoss.

Weil die 16-Jährige das Portemonnaie des Opfers mitnahm, attestierte das Gericht niedere Absicht und Tatvorsatz. Und nicht Selbstverteidigung mit Todesfolge. Noch Jahre später pochte der damalige Richter Jeff Burks darauf, dass sich Brown lediglich als Sex-Sklavin geriert habe.

Mediale Aufmerksamkeit nach Film über ihre Geschichte

Ein Bild, das zum ersten Mal ins Wanken geriet, als der Filmemacher Daniel H. Birman 2011 die Dokumentation „Me Facing Life: Cyntoia’s Story“ vorlegte. 2016 wurde die Ausstrahlung des sehenswerten Porträts wiederholt, in dem Brown sagt, dass „Schläge, Würgen und Vergewaltigungen“ zu seit früher Jugend zu ihrem Alltag gehörten.

Prominente und soziale Medien wurden aufmerksam. Der hashtag #FreeCyntoaiBrown (Lasst Cynthia Brown frei) wurde geboren und eine Petition, die Haftverkürzung forderte, in kurzer Zeit über 100 000 Mal unterzeichnet.

Prominente setzten sich für Brown ein

Pop-Diva Rihanna setzt sich für Brown ein und kritisierte die lange Haftstrafe. Ebenso Basketballstar LeBron James, die Schauspielerin Amy Schumer und das Szene-Model Cara Delevingne.

Auch Kim Kardashian, die sich bei Präsident Donald Trump im vergangenen Sommer erfolgreich für die Begnadigung der seit 1996 wegen Kokainbesitz und Geldwäsche inhaftierten Schwarzen Alice Johnson (63) eingesetzt hatte, legte ihren Promi-Status in die Waagschale.

„Es bricht einem das Herz, wenn man sieht, dass ein Mädchen sexuelle Ausbeutung erlebt - und dann, wenn sie den Mut hat, sich zu wehren, eine lebenslängliche Strafe erhält“, schrieb sie ihren knapp 59 Millionen Twitter-Anhängern.

Arnold Schwarzenegger begnadigte 2011 Kinderprostituierte

Dass Gouverneur Bill Haslam Brown jetzt erlöste, erinnert an einen frappierend ähnlichen Fall, mit dem Arnold Schwarzenegger zu tun hatte. An seinem vorletzten Tag als Gouverneur von Kalifornien ordnete er 2011 die Begnadigung von Sara Kruzan an.

Sie hatte 1994 im Alter von 16 Jahren ihren ehemaligen Zuhälter überfallen und getötet. Dafür bekam sie zunächst eine lebenslängliche Haftstrafe ohne die Möglichkeit, jemals wieder in Freiheit zu kommen. Schwarzenegger bezeichnete das Strafmaß als übertrieben und reduzierte es. Kruzan wurde 2013 nach 19 Jahren Gefängnis entlassen.

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