ESC-Gewinnerin

Netta Barzilai: „Habe gelernt, mit Beschimpfungen umzugehen“

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Netta Barzilai gewann den Eurovision Song Contest und krempelte ihr Leben um. Ihr schlägt viel Respekt entgegen – und auch viel Hass.

Berlin.  Manchmal, wenn die Sängerin Netta Barzilai (25) zu viel Zeit hat, liest sie die neuesten Kommentare unter ihrem letzten Video auf Youtube. Da steht dann: „Danke Netta, Du bist ein Star!“ oder „Der beste Eurovision-Song aller Zeiten!“. Und zwischendurch „Gesponsert von KFC und McDonalds“ oder „Du fettes Schwein“.

Netta hat in einem Jahr gelernt, mit sehr viel Liebe und sehr viel Hass umzugehen. „Diese schrillen Kommentare wird es immer geben“, sagt sie unserer Redaktion, „man lernt, sie stumm zu stellen.“ Sie schmerzen dann nicht mehr so sehr. „Wenn jemand negative Energie verbreiten will, habe ich gelernt, das auszublenden.“

In kurzer Zeit musste die 25 Jahre alte Israelin lernen, mit einer ganze Menge Ruhm umzugehen. Sie gewann im Frühjahr eine Casting-Show in ihrem Heimatland und damit die Chance, ihr Land beim Eurovision Song Contest (ESC) in Lissabon zu vertreten. Seit dem Jahr 1973 ist Israel immer wieder bei dem Gesangwettbewerb dabei. Schon vor dem Wettbewerb war sie die Favoritin für viele.

Kurz sprachlos in der Stunde des Sieges

Doch als sie den Wettbewerb im Mai dann deutlich gewann, wusste sie nicht, was sie auf der Bühne sagen sollte. Fast 200 Millionen Menschen sehen live, wie sie in einem schrillbunten Kostüm für Sekunden sprachlos war. Dann sagte sie: „Danke, dass ihr den Unterschied gewählt habt.“Der „Unterschied“ meint ihren Körper. Immer wieder musste sie als Jugendliche Hänseleien wegen ihrer Leibesfülle ertragen.

Sie hat sich lange zurückgezogen. Diese Beklommenheit merkt man ihr auch an, auf der Bühne in Berlin dieser Tage, wenn sie sich selbst unterbricht. „Könnt ihr da hinten bitte ruhig sein?“, ruft sie ihrem Team zu. „Entschuldigung, ich kann mich schwer konzentrieren. Ich habe ADHS.“ Darauf atmet sie durch und sagt: „Wenn ich meinem Ich von damals einen Rat geben dürfte, dann den: Reiß dich zusammen, die Reise wird holprig.“

Auftritte auf kleinen Bühnen für ein oder zwei Bier

Geboren wurde Netta in einer kleinen Stadt nördlich von Tel Aviv, Hod haSharon. Sie studierte elek­tronische Musik und arbeitete sich durch das dicke Handbuch einer Loop-Station. Damit kann sie live auf der Bühne ihre Stimme aufnehmen und abspielen, sich so selbst als Hintergrund-Stimme begleiten. Diese Maschine sollte zu ihrem Markenzeichen werden.

Bis September 2017 lebte sie in Tel Aviv , trat mit ihrer Loop-Station für ein oder zwei Bier auf kleinen Bühnen auf, ging viel in Clubs. Irgendwann rief sie ihre Eltern an und fragte, ob diese ihr Geld geben könnten. Und jetzt tourt sie durch Europa und singt einen Song auf Hebräisch, den sie erst vor Kurzem geschrieben hat: „Papa, ich bin pleite, hast Du etwas Geld für mich.“

Als israelische Sängerin muss sich Netta auch oft politisch äußern

„Es war eine Zeit, in der ich nicht erwachsen werden wollte“, sagt sie. „Ich hatte mich wie in einem schön warmen und dunklen Keller eingeschlossen, als wollte ich mich verstecken.“ Sie machte Schulden, sie aß vor allem, wenn sie eingeladen wurde. „Ich habe von 1000 Dollar ein ganzes Jahr lang gelebt.“ In einem teuren Land wie Israel ist das eigentlich unmöglich. „Ich lebte wie im Schatten“, erklärt sie.

Auch sagt sie, dass sie ihren Eltern viel verdanke, sie haben ihr den Rücken freigehalten. Denn mit dem Erfolg kamen auch die politischen und antisemitischen Anfeindungen. Für die einen ist sie Symbol der #Metoo-Bewegung und für Anderssein überhaupt. Für andere repräsentiert sie einen Staat, der sich seit seiner Gründung vor 70 Jahren im Nahen Osten viele Feinde gemacht hat. Als National-Ikone muss die Sängerin jetzt plötzlich auch zur Tagespolitik Stellung beziehen, oder zu Boykottaufrufen.

„Wer Licht an der Verbreitung hindert, verbreitet Dunkelheit“

„Manchmal fällt es mir schwer“, sagt sie, „zu allem eine Antwort zu finden.“ Sie werde dann wahrgenommen in einer Liga mit Menschen, die mehrere Jahre diesen komplizierten Konflikt studiert haben. „Es ist eine ziemlich raue Nachbarschaft, in der wir leben“, sagt sie, „und es gibt nicht viel, auf das wir stolz sein können.“

Beide Seiten leiden in diesem Konflikt, sagt sie, „und wir alle wollen, dass es aufhört.“ Aber ein Boykott würde nichts daran ändern. „Wenn du das Licht an seiner Verbreitung hinderst, verbreitest du Dunkelheit.“ Sie hoffe, dass sie mit ihren Auftritten Liebe verbreiten kann, sie spricht ganz unironisch von „Liebe“. „Denn wenn du in Frieden und mit Liebe kommst, passieren die guten Dinge schneller.“

Dass sie zumindest schon eine Menge Selbstvertrauen in die Welt gebracht hat, kann man bei ihren Konzerten sehen, wenn sie als Abschluss ihren ESC-Gewinner-Hit „Toy“ singt. Das heißt, am Anfang singt sie nicht selbst. Sie hält das Mikrofon ins Publikum und alle anderen singen: „Schau mich an, bin ich nicht eine schöne Kreatur?“ Sie legt dann gerührt die Hand auf den Mund, so als könne sie es immer noch nicht glauben.

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