Herzmedizin

Gestresstes Herz: So ließen sich viele Infarkte vermeiden

Schmerz in der Brust – Herzinfarkt? Viele ließen sich vermeiden. Die Kardiologie könnte viel Geld sparen.

Schmerz in der Brust – Herzinfarkt? Viele ließen sich vermeiden. Die Kardiologie könnte viel Geld sparen.

Foto: stockyimages / imago/Panthermedia

Naturheilkundler Gustav Dobos schreib „Das gestresste Herz“ – und produzierte einen Bestseller. Infarkte vermeiden sei ganz einfach.

Berlin. Mit seinem Buch „Das gestresste Herz“ hat Gustav Dobos einen Volltreffer gelandet – das Buch steht seit Wochen in den Bestseller-Listen, seine Tipps für eine herzgesunde Lebensweise sind offenbar gefragt.

Im Interview stellt der Direktor der Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin an den Kliniken Essen-Mitte steile Thesen auf. Etwa, dass sich fast alle Herzinfarkte vermeiden ließen. Und dass, wenn die Menschen nur ein paar Regeln folgen würden, Zigtausende Euro für Kardiologie eingespart werden könnten.

Wie sich für ihn ein gesunder Lebensstill definiert, wie das Herz stärker wird, warum die Häufigkeit von Herzkatheter-Untersuchungen bedenklich ist und viel zu viele Medikamente verschrieben werden.

Herzkatheter-Untersuchungen werden heute als große medizinische Errungenschaft gefeiert.

Gustav Dobos: In Deutschland werden jährlich rund 900.000 Linksherzkatheteruntersuchungen vorgenommen – mit Einsatz von etwa 342.000 Stents, also Gefäßstützen, durch die das Blut dann wieder fließen soll. Aber die Anzahl der Stentanlagen hängt nicht mit der Höhe der Lebenserwartung zusammen.

Die Deutschen haben die geringste Lebenserwartung in Westeuropa – obwohl hier 3,5-mal so viele Herzkatheteruntersuchungen gemacht werden wie in anderen Ländern Westeuropas. Schweizer Männer etwa leben im Durchschnitt vier Jahre länger als deutsche, obwohl in der Schweiz zahlenmäßig lediglich 20 Prozent der Stents gelegt werden wie in Deutschland.

Warum kommt es zu diesen vielen Untersuchungen?

Dobos: Nach Ansicht von Experten führt das deutsche Abrechnungssystem (DRG) zu dem Überhang an Techno-Medizin: Ein zweitägiger stationärer Aufenthalt, um ein Medikament gut einzustellen, bringt einem Krankenhaus ungefähr 800 Euro. Ein weiterer Tag plus einer bildgebenden Untersuchung durch einen Katheter (Koronarangiografie) 2100 Euro. Dasselbe Verfahren mit dem Legen eines Stents erwirtschaftet bereits 4700 Euro. Aber Stents bieten bei einer sogenannten stabilen Angina Pectoris keinen Vorteil gegenüber einer Medikamententherapie.

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Geben Sie die Kritik doch mal ans Gesundheitsministerium weiter.

Dobos: Ich glaube nicht, dass es etwas ändern würde. Die Zahlen sind seit 2002 bekannt, als Professor Wolfgang Dißmann, ehemals Chefarzt der I. Inneren Abteilung des Berliner Urban-Krankenhauses und Initiator des Deutschen Herzzen­trums in Berlin, in der renommierten Zeitschrift „Lancet“ die Zahlen erstmals veröffentlichte.

Zwischenzeitlich sind die Zahlen der Herzkatheter-Untersuchungen weiter gestiegen und die Kardiologie, die 2002 bereits zehn Prozent der Gesundheitskosten ausmachte, ist auf 13 Prozent gestiegen – das sind 130 Millionen Euro pro Tag. Sie stellt damit die teuerste Fachdisziplin im deutschen Gesundheitswesen dar.

Dass die Deutschen trotz der hohen Kosten die niedrigste Lebenserwartung in Westeuropa aufweisen und die meisten Deutschen an vermeidbaren Herzerkrankungen versterben, war in dem Zusammenhang überraschend.

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Ihre Vorbehalte beziehen sich auch auf Medikamente. Werden zu viele verschrieben?

Dobos: Viele, vor allem ältere Menschen, nehmen Cholesterinsenker, sogenannte Statine ein. Für deren Wirksamkeit gibt es für die Patienten keine Belege. Forscher aus Großbritannien haben vor ein paar Jahren die Einnahme von Statinen mit dem täglichen Verzehr von Äpfeln verglichen.

Sie kamen zu dem Ergebnis, dass Statine in Großbritannien rund 9400 Todesfälle pro Jahr verhindern können, ein Apfel täglich aber immerhin auch 8500. Das sind zwar etwas weniger als bei dem Medikament – aber ohne jede Nebenwirkung wie Muskelerkrankungen und Diabetes.

Das heißt also, wir sollten alle Äpfel essen?

Dobos: Dazu ein besonderer Tipp: getrocknete Apfelringe! Die haben einen hohen Pektingehalt. Ernährungswissenschaftler aus Florida stellten fest, dass Frauen nach sechs Monaten weniger Cholesterin, weniger Entzündungsmarker und auch weniger Gewicht hatten.

Als Naturheilkundler setzen Sie auch auf Selbstheilungskräfte. Zu wie viel Prozent können wir bei Herzkrankheiten selbst etwas tun?

Dobos: 90 Prozent aller Herzinfarkte und 80 Prozent aller Schlaganfälle ließen sich vermeiden – ohne Medizin, nur durch einen anderen Lebensstil. Im Vergleich zu den fitten Spaniern, die etwa zwei Jahre länger leben als Deutsche sind die Deutschen dicker, sie trinken mehr Alkohol, essen mehr Fleisch, Käse und Butter und bewegen sich weniger.

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Was kann man sonst noch tun? Entspannung sei ja wichtig, sagen Sie.

Dobos: Entspannung durch sogenannte Minis, das sind Kurzentspannungen. Wichtig ist es auch, Bewegungseinheiten in den Tagesablauf zu integrieren, zum Beispiel mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren, regelmäßig mit dem Hund rausgehen.

Was raten Sie denen, die am liebsten nur auf dem Sofa hocken?

Dobos: Diese Patienten sollten sich darüber im Klaren sein, dass sie durch die Veränderung ihres Lebensstils Jahre bis Jahrzehnte länger leben können. Ich habe letzte Woche mit einem Patienten telefoniert, der vor 35 Jahren eine lebensbedrohliche Engstelle eines Herzkranzgefäßes mit schwerer Luftnot und Herzschmerzen hatte. Nach einer Bypass-OP begann er, täglich ein bis zwei Stunden Rad zu fahren. Heute, mit 85 Jahren, hat er auf E-Bike umgestellt, es geht ihm immer noch gut. Es haben sich viele schützende Ersatzgefäße gebildet.

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Kann man auch noch etwas erreichen, wenn schon eine Arterienverkalkung festgestellt wurde?

Dobos: Dean Ornish, ein prominenter amerikanischer Kardiologe, hat an Patienten gezeigt, dass sich Arterienverkalkung durchaus wieder zurückbildet, wenn man gesund lebt. Er hat unter anderem den Ex-Präsidenten Bill Clinton behandelt, der öffentlich sagt, Ornish habe ihm das Leben gerettet.

Clinton hat nämlich eine genetische Belastung, war deutlich übergewichtig und hatte viel Stress. Stents und Bypass-Operationen waren bei ihm nur kurzfristig erfolgreich – die Adern haben sich gleich wieder verengt.

Das Herz reagiert ja auch stark auf Gefühle. Verliebte sprechen oft von Herzstolpern. Ist das eigentlich gefährlich?

Dobos: Das Verliebtsein wird in der Regel erst gefährlich, wenn die Liebe zerbricht. Dann können Entzugserscheinungen und depressive Symptome auftreten, die sich auch auf die Herzgesundheit auswirken können. Grundsätzlich stärken positive Gefühle ja auch – deshalb leben Menschen länger, wenn sie nicht alleine sind, es ist sogar schon von Vorteil, wenn sie von einem Haustier geliebt werden.

Das ist übrigens interessant: Frauen erleiden weniger Herzinfarkte, wenn sie in einer glücklichen Beziehung leben. Bei Männern spielt diese soziale Verbundenheit weniger eine Rolle.

Zur Person

Professor Gustav Dobos ist Direktor der Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin an den Kliniken Essen-Mitte. Er hat an der Universität Duisburg/Essen den deutschlandweit einzigen Lehrstuhl für Naturheilkunde inne.

Dobos gilt als Pionier der Integrativen Medizin in Deutschland. Deren Ziel ist es, die moderne Hochleistungsmedizin mit einer wissenschaftlichen, überprüften Naturheilkunde zu verbinden.

Sein neuestes Buch heißt: „Das gestresste Herz – Mit Naturheilkunde für ein längeres Leben – Neueste Forschung zu Lebensstil und Herzgesundheit“. Es ist im Scorpio-Verlag erschienen und kostet 20 Euro.