Partnerschaft

So gefährlich sind schlechte Beziehungen für die Gesundheit

Ein Paar in seiner Wohnung. (Symbolbild)

Ein Paar in seiner Wohnung. (Symbolbild)

Foto: imago stock&people

Sogenannte toxische Partnerschaften kosten mehr Kraft als sie geben – und sie machen krank. Psychologen erklären mögliche Auswege.

Hamburg/Berlin.  Wenn Lars M.* (38) abends in seiner Hamburger Wohnung den Schlüssel im Schloss umdrehte – und das tat er seit Jahren – dann machte er das ein paar Monate lang mit Groll. „Abends fühlt es sich so an, als sei sämtliche Energie aus meinem Körper gewichen“, sagt er.

Am Ende des Tages werde ihm meist die traurige Gewissheit in Vollendung bewusst, dass Laura nicht angerufen hat, ihn mit Ignoranz straft, sagt er. Dass sie sich wohl gegen ihn, für eine andere Verabredung entschieden hat, dass sie ihn vermutlich auf die Reservebank geschoben hat. Mal wieder.

Leonie A.* ging es, als sie nach Berlin kam, ähnlich. Sie saß viel zu Hause, sie wartete auf ihren Freund, der nicht kam, weil er abends in einer Bar arbeitete und danach noch bis in die Morgenstunden ausging. Der, wenn sie nachfragte, wütend reagierte und alles auf ihre vermeintlich manische Eifersucht schob.

Und so haben Lars und Leonie eine wesentliche Gemeinsamkeit: Sie stecken in toxischen Beziehungen zu ihrem Partner fest, wobei auch hier schon bei der Definition von „Partner“ die Grenzen verfließen.

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Es gibt eine Verbindung zwischen toxischen Beziehungen und Depressionen

Längst ist der Begriff der toxischen Beziehung, die Definition für Partnerschaften, die mehr Kraft kosten als geben, in den modernen Sprachgebrauch von Psychotherapeuten, Magazinen und Ratgebern übergegangen. Neue wissenschaftliche Studien aus dem Jahr 2018, die es zu dieser Art Verbindung nun vermehrt gibt, stellen sogar einen Zusammenhang zwischen Depressionen, Schlaflosigkeit, erhöhtem Stresssyndrom und einigen Krebsarten fest.

In der sogenannten „Whitehall II“­- Langzeitstudie mit mehr als 10.000 Teilnehmern über zwölf Jahre stellte der Londoner Professor für Öffentliche Gesundheit, Michael Marmot, fest, dass negative Beziehungen bei den Partnern sogar zu einer höheren Sterblichkeit führen.

Laut der führenden US-Zeitschrift „Psychology Today“ zeichnen sich diese toxischen, sprich ungesunden Beziehungen durch Unsicherheit, Kontrollsucht, Egoismus und den anderen herabwürdigenden Verhaltensweisen wie zum Beispiel Beleidigungen und Ignoranz aus.

„Ständig hatten wir Streit wegen jeder Kleinigkeit“, erinnert sich Leonie „Nie war ich gut genug – mein Job, meine Klamotten, meine Freunde. Nichts passte ihm“, erinnert sich die Psychologie-Studentin aus Berlin. Ebenso erging es Lars mit seiner Freundin. „Irgendwann schämte ich mich für alles, was ich tat. Für jede Unzulänglichkeit, mein Selbstbewusstsein war am Boden. Ich war eifersüchtig und fühlte mich dafür mies.“

Paare in toxischen Partnerschaften erleben krasses Auf und Ab

Die Bestseller-Autorin und Gründerin der Agentur „Die Liebeskümmerer“ Elena-Katharina Sohn („Goodbye Herzschmerz“) kennt solche Erzählungen von ihren Beratungen. „In den acht Jahren, die ich jetzt als Liebeskümmerin arbeite, sind toxische Beziehungen definitiv eines der ganz großen Themen.“

Dass ein Mann oder eine Frau in einer toxischen Beziehung stecke, erkenne er oder sie daran, dass es ihm oder ihr wegen seines Partners die meiste Zeit schlecht geht – er aber trotzdem nicht von ihm loskommt. „Toxische Paare streiten zum Beispiel andauernd, einer oder beide werten den anderen ab, es wird fremdgegangen oder kommt zu Gewalt“, erklärt die sie.

„Typisch ist das Abwechseln zwischen dem Gefühl ,Es geht nicht mehr!’ und der darauffolgenden Versöhnung. Oft ist das Ganze jedoch eine Abwärtsspirale: Die negativen Ausschläge werden immer stärker.“

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Menschen in negativen Beziehungen verändern sich

Dazu komme, dass sich Menschen, die in toxischen Beziehungen stecken, von außen betrachtet verändern: „Waren sie zu Beginn der Partnerschaft vielleicht noch fröhliche, offene und ausgeglichene Personen, sind sie nach einiger Zeit eher traurig, in sich gekehrt und nervlich angegriffen“, erklärt Sohn. Manchmal könne man das ganz deutlich erkennen, wenn man zum Beispiel Fotos aus der Zeit vor dem Partner und mit dem Partner vergleicht.

Leonie stellt das im Nachhinein auch an sich fest. „Ich kann Fotos von mir aus der Zeit mit diesem Freund kaum anschauen. Ich war deutlich dicker, außerdem sehe ich, dass ich weniger auf mein Äußeres geachtet habe. Nie lächele ich auf den Bildern.“

Am Ende zog Leonie die Konsequenzen und suchte sich eine eigene Wohnung. Heimlich, fast über Nacht zog sie bei ihm aus, um jeden weiteren Streit zu vermeiden.

Trennungen erfordern viel Mut

„Meist hilft im ersten Schritt nur eine gehörige Portion innerer Abstand. Also die Sache mal aus der Vogel- anstelle der Feldperspektive zu betrachten, um überhaupt zu erkennen, dass man in einer toxischen Beziehung steckt. Schonungslose Ehrlichkeit sich selbst gegenüber und sehr viel Mut gehören auch dazu“, empfiehlt Elena-Katharina Sohn.

Mut vor allem deshalb, weil es oft die Angst vor dem Alleinsein ist, die einen beim anderen halte. „Die gilt es dann zu bearbeiten. Der Ablösungsprozess zum Beispiel aus der Beziehung mit einem Narzissten dauert nicht selten mehrere Jahre und ist mit der Trennung als solcher längst nicht geschafft, leider“, sagt sie.

So ging es Lars lange mit seiner Freundin Laura. Das Wichtigste sei für ihn aber die Erkenntnis gewesen, dass Laura ohnehin nie für ihn da war. „Als ich das eingesehen hatte, konnte ich gehen“, sagt Lars. „Ich hatte mich selbst von ihr losgesagt.“

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*Namen geändert