Sommerurlaub

Erwachsene Nichtschwimmer: So schwindet die Angst vor Wasser

Coronavirus: Welche Regeln gelten im Schwimmbad?

Nach und nach öffnen die Schwimmbäder. Doch in Zeiten von Corona müssen sich die Besucher an bestimmte Regeln halten.

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Jeder zweite Erwachsene kann nicht sicher schwimmen. Die DLRG erwartet im Sommer mehr Badeunfälle. Warum sich ein Schwimmkurs lohnt.

Berlin. Wenn Erwachsene bei Alexander Gallitz zum ersten Mal ins Wasser steigen, schwimmt bei vielen die Angst mit. Das Wasser im Becken ist ruhig und klar. Aber im Kopf rumort es. Da sind sie wieder, die verdrängten Erinnerungen aus Kindheitstagen.

Das traumatische Erlebnis, als man von halbstarken Kindern vermeintlich aus Spaß ins Wasser gestoßen oder mit Gewalt untergetaucht wurde. Harmlose Kinderspielchen, die bei manchen auch Jahrzehnte später noch dafür sorgen, dass Wasser der Feind im Kopf bleibt.

Erwachsene Nichtschwimmer: Woher kommt die Angst vor dem Wasser?

Bei anderen im Becken können die bösen Erinnerungen aber auch weniger lang zurückliegen. Sie bestehen etwa aus tosenden Wellen im kalten Mittelmeer, Überfahrten mit einem Boot, dicht gedrängte Menschen und Todesangst. Geflüchtete, die alles hinter sich gelassen und es nach Deutschland geschafft haben.

Wieder andere hatten als Kind weder Schwimmbad noch See in der Nähe und Eltern, denen Schwimmen egal war. Die Erwachsenen, die Gallitz im Becken anleitet, haben in der Regel eines gemein: Sie haben neuen Mut gefasst, endlich das Wasser als Feindbild abzustreifen – und doch noch schwimmen zu lernen.

Alexander Gallitz ist Präsident des Deutschen Schwimmlehrerverbands. Der frühere Leistungsschwimmer der deutschen Nationalmannschaft betreibt heute eine private Schwimmschule an mehreren Standorten in Bayern, aber etwa auch in Nordrhein Westfalen.

Dort bringen er und sein Team, neben der Schwimmtrainer-Ausbildung, auch Kindern und Erwachsenen das Schwimmen bei. Ihr Motto: Spielend Schwimmen lernen – ohne Druck und Angst.

Schwimmlehrer: Die Angst vor dem Wasser verstärkt sich über die Jahre

Bevor Gallitz in seinen Schwimmkursen für Erwachsene Schwimmtechniken erklärt oder nach Ringen tauchen lässt, muss er vor allem erstmal Vertrauen aufbauen. „Das Gehirn arbeitet so, dass die Angst über die Jahre immer stärker wird, so entstehen Blockaden“, berichtet Gallitz.

Somit steht in den ersten Einheiten immer Wassergewöhnung auf dem Programm. Wer bei Gallitz oder anderen ausgebildeten Trainern im Becken liegt, der hat den ersten Schritt auf dem Weg zum sicheren Schwimmer schon geschafft. Doch bis hierhin kommen immer weniger.

DLRG-Studie: Jeder zweite Erwachsene in Deutschland ist kein sicherer Schwimmer

59 Prozent der Zehnjährigen und rund die Hälfte der Erwachsenen in Deutschland sind keine sicheren Schwimmer. Das ergab 2017 eine Studie der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG).

Als sichere Schwimmer gelten laut DLRG jene, die alle Disziplinen des Schwimmabzeichens in Bronze erfüllen, auch „Freischwimmer“ genannt. „Alle Experten, Sportwissenschaftler und unsere Ausbilder sind sich einig, dass die Prüfungsanforderungen des Seepferdchens dafür zu gering sind“, sagt DLRG-Experte Achim Wiese.

Schwimmbäder sterben aus, Grundschullehrer nicht ausreichend ausgebildet

Den Hauptgrund für die mangelnde Schwimmfähigkeit hierzulande sieht die DLRG in den bundesweit fortschreitenden Bäderschließungen und in der mangelnden Schwimmlehrerausbildung an Schulen. Knapp 25 Prozent aller Grundschulen bieten gar keinen Schwimmunterricht mehr an, weil ihnen kein Bad zur Verfügung steht, berichtet Wiese.

Viele Grundschul-Schwimmlehrer seien zudem nicht als solche ausgebildet und könnten Kinder zwar anleiten, aber im Ernstfall nicht im Wasser retten.

Sommer 2020: DLRG befürchtet mehr Badeunfälle

Die mangelnden Möglichkeiten haben drastische Folgen: Allein die DLRG hat vergangenes Jahr 950 Menschen bei Badeunfällen gerettet. Mindestens 417 Menschen sind zudem ertrunken, davon 362 an oft unbeobachteten Binnengewässern, wie Flüssen mit starker Strömung.

Für die bevorstehende Badesaison befürchtet die DLRG sogar noch höhere Zahlen. Schließlich waren Schwimmhallen aufgrund der Corona-Pandemie wochenlang geschlossen und Kurse unterbrochen.

Die Experten raten daher dringend dazu, nur dort schwimmen zu gehen, wo es eine Aufsicht gibt. An Stränden markiert die DLRG diese Abschnitte mit rot-gelben Flaggen. Außerdem sollten Eltern Kleinkinder und solche, die noch nicht oder nur schlecht schwimmen können, niemals alleine oder unbeaufsichtigt ins Wasser lassen – auch nicht mit Schwimmhilfen oder auf Luftmatratzen, warnt DLRG-Experte Achim Wiese.

Schwimmhilfen: Eine trügerische Sicherheit

Die DLRG weist darauf hin, dass Schwimmhilfen keine Sicherheit im Wasser bieten. Sie hat Schwimmflügel sogar aus dem Unterricht verbannt. Denn sie stören das Kind in der Bewegung.

Wenn Eltern für ihre Kinder eine Schwimmhilfe kaufen, sollten sie darauf achten, dass diese die Kennzeichnung EN 13138 tragen. Das bedeutet, dass das Produkt den europäischen Sicherheitsnormen entspricht. Außerdem sollte es die CE-Kennzeichnung haben. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Sicherheit für Kinder weist außerdem darauf hin, dass die Schwimmhilfen nicht wie Spielzeug aussehen und so nicht von ihrer eigentlichen Funktion ablenken sollten.

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Neben der eigenen Sicherheit gibt es weitere gute Gründe, auch als Erwachsener noch das sichere Schwimmen im Kurs zu erlernen. „Die meisten sagen: Ich will im Urlaub nicht nur am Beckenrand stehen, sondern ich will einfach mal 50 Meter schwimmen können und das schwebende Gefühl erleben, dass mich das Wasser trägt“, sagt Gallitz.

Eltern wollen zudem oft ihrem Kind ein Vorbild sein. Dazu sehen viele ein, wie förderlich Schwimmen für die Gesundheit ist.

Plätze sind knapp: Wer bietet Schwimmkurse für Anfänger?

Zwar sollen Kurse erst ab September wieder starten. Doch Interessierte sollten sich so früh wie möglich anmelden. Das Angebot könnte in den nächsten Monaten knapp werden, schätzen DLRG und Gallitz.

Anlaufstellen gibt es mehrere. Anfänger-Schwimmkurse für Kinder und Erwachsene bieten nicht nur die örtlichen Bäderbetriebe und die Vereine des Deutschen Schwimm-Verbands (DSV) an. Auch die DLRG, das Deutsche Rote Kreuz oder private Schwimmschulen haben ein Angebot.

Die Qualität der Kurse und die Kosten können sich je nach Anbieter deutlich unterscheiden. Ein Kurs kann je nach Anbieter und Region 50 bis 100 Euro kosten, für einkommensschwache Familien gibt es häufig Rabatte oder sie können Unterstützung beim Amt beantragen. Auch interessant: Urlaub daheim verbringen – So gelingen Sommerferien zu Hause.

Schwimmkurse für Erwachsene und Kinder: Worauf muss ich achten?

In guten Kursen sind die Gruppen bewusst kleingehalten und sie finden außerhalb der Hauptbesuchszeiten statt. Das hilft besonders Erwachsenen mit Schamgefühl.

Als Basis empfehlen sich mindestens acht bis zehn Unterrichts-Einheiten zu je 30 bis 45 Minuten. Am Anfang gilt es, erstmal ein Gefühl für das Wasser zu entwickeln. Wie trägt es mich? Wie verliere ich die Scheu, den Kopf unter Wasser zu halten? Erst später folgen Schwimmtechniken und kurzes Tauchen.

Seinen Anfängern lässt er gern Freiheiten beim Stil, sagt Gallitz. Schließlich ist Rückenschwimmen am besten für die Gesundheit und Kraulschwimmen am schnellsten. Traditionell wird in den meisten Schwimmkursen aber zunächst das Brustschwimmen gelehrt. Der Stil fällt vielen anfangs leichter. Denn der Kopf kann, anders als beim Kraulen, über Wasser bleiben.

Darum lernen Anfänger meist erst das Brustschwimmen

Der Hang der Deutschen zum Brustschwimmen soll ein Überbleibsel aus der Preußenzeit sein, erklärt Gallitz. Die Soldaten sollten auf Wunsch des Kaisers unbedingt auch Schwimmen können. Aber der Kopf sollte bitte über Wasser bleiben, damit der Rucksack möglichst trocken bleibt – und sie die Befehle hören können.

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