Gesundheit

Coffee to go: Sind Mehrwegbecher aus Bambus giftig?

Immer mehr Menschen trinken ihren Coffee-to-go aus Mehrwegbechern.

Immer mehr Menschen trinken ihren Coffee-to-go aus Mehrwegbechern.

Foto: Huebner/Bremes / imago/Jan Huebner

Klimafreundliche Mehrwegbecher liegen im Trend. Doch Tests zeigen: Sie sind teilweise mit gesundheitsschädlichem Formaldehyd belastet.

Berlin.  Coffee-to-go-Becher aus Bambus und anderes Bambus-Geschirr gelten vielen Verbrauchern als perfekte umweltfreundliche Alternative zu Plastik und Pappe. Doch bei Fachleuten schrillen die Alarmglocken: Ein Großteil aktuell untersuchter Bambus-Produkte enthält Kunststoffe, die gesundheitsgefährdend sein können. Sie dürften nicht auf den Markt kommen.

Die jüngste Warnmeldung stammt aus dem Saarland. Das dortige Landesamt für Verbraucherschutz hat Bambus-Mehrweggeschirr auf seine Inhaltsstoffe überprüft, neben Coffee-to-go-Bechern auch Schüsseln und Frühstücksbrettchen.

Das Ergebnis: 14 von 15 Proben wurden beanstandet, weil sie neben Bambus auch Kunststoffe wie Melamin- oder Formaldehyd-Harze enthielten „und so nie hätten verkauft werden dürfen“, wie Reinhold Jost, Minister für Umwelt und Verbraucherschutz im Saarland, sagt.Warum Kaffee besser ist als sein Ruf

Bambus-Produkte: 35 von 45 geprüften Produkten beanstandet

Das Chemische und Veterinär-Untersuchungsamt (CVUA) Stuttgart kam vor zwei Jahren zu einem ganz ähnlichen Testergebnis: 35 von 45 analysierten Produkten, die mit dem Material Bambus beworben wurden, entpuppten sich laut Prüfbericht als „Kunststoffgegenstände, die fein zerkleinertes Bambusholz und Maisstärke allenfalls als Füllstoffe enthielten“.

Bei etwa der Hälfte dieser Artikel handelte es sich um Coffee-to-go-Becher. Die am häufigsten verwendeten Kunststoffe auch hier: Melamin-Harze und Harnstoff-Formaldehyd-Harze. Warnmeldungen amtlicher Stellen bestätigen die Gefährlichkeit etlicher Produkte.


• Problem Formaldehyd
:

Formaldehyd kann unter bestimmten Bedingungen wie Hitze oder Einwirkung von Säure vom Geschirr an das Lebensmittel abgegeben werden, berichten das Verbraucherministerium und die Verbraucherzen­trale des Saarlandes. „Formaldehyd gilt als wahrscheinlich krebserregend“, heißt es in einer gemeinsamen Mitteilung beider Institutionen.

Achtung: Laut Untersuchungsbericht wurde die gesetzliche Höchstmenge an Formaldehyd bei einem der getesteten Coffee-to-go-Becher um das Zehnfache überschritten.6 schockierende Fakten über Plastik - und wie man dem Müll den Kampf ansagt


• In Wahrheit Kunststoffartikel:

In der aktuellen Studie erwies sich Melamin-Formaldehyd-Harz als formgebender Bestandteil der beanstandeten 14 von 15 Produkten. Den Angaben zufolge fallen sie unter die EU-Kunststoff-Verordnung und dürfen nur Stoffe enthalten, die in der Verordnung gelistet sind.

„Bambusfasern und Maismehl sind dort aber nicht gelistet und somit für die Verwendung in Lebensmittel-Kontaktmaterialien aus Kunststoff auch nicht zugelassen“, so das Prüfergebnis.

Ratgeber: So können Verbraucher beim Einkauf Plastik vermeiden


• Irreführende Produkthinweise:

Bei zehn der 15 Proben bemängelt das Landesamt für Verbraucherschutz auch die Produktbezeichnung beziehungsweise Aufmachung. Diese werden als irreführend eingestuft, da nicht deutlich werde, dass „es sich eben nicht um reine Naturprodukte aus Bambus handelt“. Das Ministerium spricht von Verbrauchertäuschung.


• Risikobewertung:

Melamin-Harze sind Kunststoffe, die laut Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) aus den Grundstoffen Melamin und Formaldehyd hergestellt werden. Die Behörde riet bereits 2011 davon ab, Geschirr und Küchenutensilien aus Melamin-Harz zum Braten, Kochen und zum Erhitzen von Lebensmitteln in der Mikrowelle zu verwenden.

Bei Temperaturen, wie sie etwa beim Kochen erreicht werden, könnten gesundheitlich bedenkliche Mengen der Stoffe in Lebensmittel übergehen. „Werden diese Gebrauchsgegenstände bei Temperaturen unterhalb von 70 Grad verwendet, bestehen jedoch keine gesundheitlichen Bedenken“, so die damalige Einschätzung des BfR.


• Erkennungsmerkmale:

Aus der Untersuchung des CVUA Stuttgart lassen sich Hinweise auf das Aussehen von Produkten mit kritischem Kunststoffanteil ableiten. „Diese Gegenstände zeichneten sich durch eine matte Oberfläche aus, wobei die Innenseite teilweise zusätzlich mit einem Kunststoff beschichtet war und daher glatt erscheint. Eine Holzmaserung ist bei solchen Produkten naturgemäß nicht zu erkennen“, so die Prüfer.

Ganz anders die Haushaltsartikel, hauptsächlich Schneidbretter, Pfannenwender und Salatschüsseln, die im Test tatsächlich aus Bambus-Holzstücken bestanden: Hier war „die Holzstruktur deutlich zu erkennen“.


• Bambus-Alternativen:

Die Verbraucherzentrale des Saarlandes rät, generell nur Produkte zu kaufen, für die der Hersteller die Art der verwendeten Materialien angibt. Es gebe gute Alternativen zu Bambus-Geschirr.

Für den Kontakt mit Lebensmitteln und heißen Getränken empfehlen die Verbraucherschützer Edelstahl, Glas und Porzellan. „Thermobecher haben außerdem den Vorteil, dass sie das Getränk auch warm halten“, sagt Expertin Theresia Weimar-Ehl.


• Kriterien für Kunststoff:

Laut Verbraucherzentrale ist auch Kunststoff nicht generell schlecht für die Umwelt oder die Gesundheit – „vorausgesetzt, er wird lange genutzt und gibt keine Schadstoffe an das Lebensmittel ab“. So spreche etwa nichts gegen Polypropylen (PP) als Material für Mehrweg-Becher.

Für Gegenstände wie Rührschüsseln, die nicht erhitzt werden, eigne sich auch Polyethylen (PE). Verbraucherschützerin Weimar-Ehl: „Man sollte immer auf die Angaben zur sicheren Verwendung achten, beispielsweise zur Hitzebeständigkeit.“

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(Hans Peter Seitel)