Ökologisch

Was es wirklich heißt im Alltag umweltbewusst zu leben

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Viele Menschen glauben, sie schützen Natur und Klima. Die Realität sieht anders aus. Warum es so schwer ist, sein Verhalten zu ändern.

Berlin.  Die meisten Deutschen beschreiben sich als umweltbewusst. Sie kaufen ein bisschen Bio, steigen hin und wieder auf das Fahrrad um, trennen den Müll, drehen das Wasser beim Zähneputzen ab.

Auf die Flugreise in den Süden, den Wochenendtrip nach Barcelona, das große Auto, die geräumige Wohnung – kurz, die eigentlichen Umweltsünden – wollen viele dennoch nicht verzichten.

Tatsächlich gilt: Die besonders umweltbewussten Menschen verursachen überdurchschnittlich viel CO2, fand eine Studie des Umweltbundesamts (UBA) heraus. Sie haben meist höhere Einkommen. Und wer mehr Geld hat, gibt meist auch mehr aus. Warum klaffen Wissen und Handeln derart auseinander?

„Die meisten Leute haben Erwartungen daran, was sie in ihrem Leben erleben wollen“, sagt Gerhard Reese, Umweltpsychologe an der Universität Landau. Beispiel Flugreisen. Damit verbänden viele Urlaub, neue Eindrücke, Exotik.

Das gute Recht, sich etwas zu gönnen

Das wollten sie sich nicht nehmen lassen. Andere hätten den Eindruck, ihnen stehe ein gewisser Lebensstandard einfach zu. Sie arbeiteten hart, machten ständig Überstunden. Da hätten sie aus ihrer Sicht das Recht, sich etwas zu gönnen.

„Wenn ich noch dazu weiß, mein Nachbar war gerade in Thailand, dann will ich das auch.“ Fernreisen gelten als begehrenswert, da wolle keiner hinten anstehen.

Und schließlich sei es bisher oft günstiger und bequemer, ja passe es besser in den Tagesablauf, sich umweltschädlich zu verhalten, so der Psychologe. Das gelte nicht nur fürs Reisen, wo der Flieger selbst bei Kurzstrecken oft billiger und schneller sei als die Bahn. Das beginne schon mit den Lebensmitteln.

Bio und regional seien bislang meist teurer, die Auswahl begrenzter, der Weg zum Bio-Supermarkt länger. Michael Bilharz, Ökonom am UBA, rechnet vor: Aktuell produziert jeder Deutsche im Schnitt elf Tonnen CO2 jedes Jahr.

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Oftmals braucht es nur einen kleinen Stupser

Tatsächlich dürften es nur knapp zwei Tonnen sein, um die Erderwärmung bis 2100 unter zwei Grad zu halten. Wer einmal in die USA und zurück fliegt, hat sein CO2-Budget des gesamten Jahres bereits doppelt verbraucht. Ein Dilemma.

Manche glauben, dass es nur den entscheidenden Stupser brauche, um es zu lösen. Viele Studien deuten zumindest darauf hin, etwa das berühmte Hotelzimmer-Experiment. Fanden Gäste im Badezimmer einen Hinweis darauf, dass die meisten Gäste in diesem Hotel ihre Handtücher wiederverwendeten, nutzte beinahe die Hälfte sie mindestens ein zweites Mal.

Ähnlich funktionierte es bei der Wahl des Stromanbieters: Als Harvard-Forscher „Ökostrom“ als Standardvariante angekreuzt hatten, blieben die meisten Kunden dabei – statt sich für den günstigeren konventionellen Strom zu entscheiden. „Menschen orientieren sich an anderen. Sie tun das, was üblich ist“, so Psychologe Reese. Nicht das Wissen sei entscheidend, sondern die Norm.

Wer bestimmt, was gut oder schlecht ist?

Experten nennen solche subtilen Maßnahmen, die unser Verhalten unbemerkt beeinflussen, Nudging, zu Deutsch: Anstupsen. Im vergangenen Jahr gab es für das Konzept sogar den Wirtschaftsnobelpreis. Richard Thaler lieferte Argumente dafür, dass es sinnvoll sein könne, wenn Menschen mit mehr Wissen Menschen mit weniger Wissen zu „klugen“ Verhaltensweisen anstoßen.

Das scheint auch beim Essen zu funktionieren. Forscher der Uni Göttingen haben herausgefunden, dass Menschen eher zu umweltfreundlichen vegetarischen Gerichten greifen, wenn diese oben oder rechts unten auf der Speisekarte stehen, sie der Koch empfiehlt oder sie kreative Namen tragen.

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Kritiker halten das für Manipulation. Denn die Methode lässt sich nicht nur für mehr Nachhaltigkeit nutzen. Sie kann Personen auch ausgabefreudiger stimmen, etwa mit klassischer Musik oder mit Lavendelduft. Und wer bestimmt, was gut oder schlecht ist?

Andererseits: „Die Gäste haben es ausdrücklich befürwortet, auf eine sanfte Art angestoßen zu werden, sich für den Gemüseauflauf statt die Bratwurst zu entscheiden“, sagt Nina Langeé, Leiterin der Göttinger Restaurant-Studie. Reine Informationen, dass die Fleisch-Variante die umweltschädlichere sei, hätten dagegen nicht funktioniert.

In jeden Lebensstil passt Umweltschutz rein

„Die Menschen wollen sich ja umweltbewusst verhalten. Sie schaffen es oft bloß nicht“, erklärt auch Psychologe Reese. Den Preis von Produkten halte er dabei für einen der effektivsten Stupser „in die richtige Richtung“. Würden Flugreisen teurer, sprich, werde Kerosin besteuert, stiegen weniger Leute in den Flieger als in die Bahn.

Natürlich, fügt er hinzu, sei auch hier die Norm entscheidend. Liege es im Trend auf den Balkan zu fahren statt nach Thailand zu fliegen, verschöben sich schnell die Reisegewohnheiten.

Michael Bilharz vom UBA ist skeptisch. „Wir können uns nicht nur passiv anstupsen lassen.“ Zwar müsse den entscheidenden Beitrag die Politik liefern – Strom und Wärme komplett aus erneuerbaren Energiequellen, gut gedämmte Häuser, Autos überflüssig machen durch bessere Infrastruktur, eine ökologische Landwirtschaft, deutliche Anreize für weniger Fliegen. „Aber auch der einzelne muss aktiv werden.“

Dass kaum einer hauptberuflich Umweltschützer sein könne, weiß auch er. Doch selbst ein Familienvater, der Vollzeit arbeite und keine Zeit habe, sich aktiv einzubringen, könne etwas tun. Für viele Lebensstile von viel Geld und wenig Zeit bis wenig Geld und viel Zeit sei es möglich, klimafreundlich zu leben. Selbst Fliegen sei drin, sagt er.

Wer es mit dem Umweltbewusstsein ernst meine, müsse dann jedoch seinen CO2-Ausstoß kompensieren, also je nach Flugstrecke Geld an Organisationen wie Atmosfair spenden. Die würden es nutzen, um den CO2-Ausstoß an anderer Stelle wirklich zu senken.

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