Kommentar

US-Wahlkampf: Donald Trumps Spiel mit der Apokalypse

Portlands Bürgermeister bei Protesten von Tränengas getroffen

Bei den Protesten in Portland ist der Bürgermeister von Tränengas getroffen worden. Er spricht von verfassungswidrigen Aktionen der Bundespolizei, die US-Präsident Donald Trump in die Stadt geschickt hatte. Trump will sich damit offenbar als Hüter von Recht und Ordnung präsentieren.

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US-Präsident Trump schürt Konflikte, um sich als Retter zu inszenieren. Sein Kontrahent Joe Biden zieht in Umfragen derweil davon.

Berlin. Wer in diesen Tagen einen Blick auf die Vereinigten Staaten wirft, kann nur zu einem Schluss kommen: Das Land ist aus den Fugen, die ehemalige Führungsmacht des Westens nur noch ein Schatten ihrer selbst. Die US-Administration, deren Präsidenten einmal für Freiheit und Demokratie standen, ist moralisch kollabiert.

Es sind verstörende Bilder: Sicherheitskräfte der Bundesregierung gehen gegen die eigene Bevölkerung vor. Über den Tränengasschwaden von Portland, Seattle oder Los Angeles wabert das Gespenst des Bürgerkriegs. Präsident Donald Trump heizt nicht nur das politische Klima durch eine Rhetorik der Spaltung an.

Trump will weiße Männer und Christen mobilisieren

Als wäre die Vergötterung von Südstaaten-Generälen nicht genug, die vor dem Amerikanischen Bürgerkrieg die Sklavenhaltung lautstark propagierten. Er gießt mit der neuesten Eskalation noch mehr Öl ins Feuer. Trump betreibt eine Militarisierung der Innenpolitik, indem er Kräfte des Bundes gegen diejenigen aufmarschieren lässt, die exzessive Polizeigewalt auf der Straße kritisieren.

So wie der Präsident nach innen auf Konfrontation setzt, so sehr baut er auch nach außen auf Feindbilder. Die aufstrebende Weltmacht China, die angeblich Informationen über das Coronavirus verheimlicht hat, gehört ebenso dazu wie der Iran oder – gelegentlich – das exportstarke Deutschland.

Letzteres lässt sich an den US-Tiraden gegen das deutsch-russische Pipeline-Projekt Nord Stream 2 oder die Verfehlung des Zwei-Prozent-Ziels festmachen. Trumps Nein-Front hat nur einen einzigen Zweck: Mit dem Schlachtruf „America First“ will er seine Wählerbasis mobilisieren. Weiße Männer – vor allem diejenigen ohne Hochschulabschluss – stehen dabei an vorderster Front. Aber auch evangelikale Christen springen auf die harschen Töne des Präsidenten an.

Die Bitterkeit, mit der Trump polarisiert, mag purer Verzweiflung entspringen. Denn Tatsache ist: Dem Chef des Weißen Hauses sind seine besten Trümpfe abhandengekommen. Er wollte als der König der Wirtschaft und als Meister der Börsenfeuerwerke in die Präsidentschaftswahl am 3. November ziehen. Vor der Corona-Krise lief alles nach Plan. Die Konjunktur war auf Trab, die Aktienmärkte jubelten, die Arbeitslosigkeit befand sich auf einem historischen Tiefststand.

Biden zieht Trump davon

Doch die Pandemie machte Trump einen Strich durch die Rechnung. Der Präsident leugnete die Ursachen, verharmloste die Seuche, klammerte sich gegen den Rat von Experten an eine Art Die-Erde-ist-eine-Scheibe-Theorie. Das Missmanagement der Krise vergrößerte die Unsicherheit im Land und beschleunigte den wirtschaftlichen Absturz.

Kein Wunder, dass Trump in den Meinungsumfragen deutlich hinten liegt. Im nationalen Durchschnitt ist sein demokratischer Herausforderer Joe Biden mit rund neun Prozent davongezogen. Selbst in Wechselwählerstaaten, die Trump 2016 noch knapp gewonnen hatte, führt Biden mit mehr als fünf Punkten.

Vor diesem Hintergrund zückt der Präsident seine letzte Karte. Es ist das Spiel mit der Apokalypse. Das Propaganda-Drehbuch lautet: Ich oder der Untergang. Recht und Ordnung oder Bidens Amerika – mit überbordender Kriminalität und Anarchie. Trump, so scheint es, ist jedes Mittel recht, um das Land an den Abgrund zu manövrieren. Er provoziert gewaltsame Ausschreitungen, indem er Konflikte schürt, um sich als Retter zu inszenieren. Diskriminierung, knallharte Gegnerschaft und die Dämonisierung von Konkurrenten sind Teil seines Instrumentenkastens.

Bislang ist Biden gut damit gefahren, sich aus dem Feuer zu halten. Eine Garantie, dass er damit auch die Wahl in gut drei Monaten für sich entscheidet, ist das nicht.