Kommentar

Die Angst vor der zweiten Corona-Welle: Leben mit dem Risiko

Probleme mit Corona-Warnapp offenbar auch bei iPhones

Die Corona-Warnapp funktioniert auf vielen iPhones nicht richtig - die Kontaktüberprüfung sei nur lückenhaft erfolgt, berichtete tagesschau.de. Zuvor war ein ähnliches Problem auf Android-Geräten aufgetreten. Dort wurde es im Gegensatz zu den iPhones behoben.

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Die Corona-Zahlen in Deutschland steigen wieder. Das ist die Kehrseite der mal verfrühten, mal zaghaften Rückkehr zur Normalität.

Berlin. Ob es noch die erste Welle oder schon die zweite Welle ist, darüber mögen die Gelehrten streiten. Die Zahl der Corona-Infizierten steigt wieder. Und falls sich dieser Eindruck vom Wochenende verfestigt, wäre es nicht mal überraschend.

Es war zu erwarten. Vor allem ist es das, was wir vielfach auf der Welt beobachten können, im Iran, Israel, Japan, Singapur, Europa. In Spanien oder in Frankreich liegt die Zahl der täglichen Neuansteckungen nicht im Hunderter-, sondern neuerdings wieder im Tausenderbereich. Das ist die Kehrseite der mal unvorsichtigen und verfrühten und der mal durchaus behutsamen, zaghaft tastenden Teilrückkehr zur Normalität.

Anfang März hat Kanzlerin Angela Merkel (CDU) ungeschminkte Wahrheiten ausgesprochen. Vor der Unionsfraktion bemerkte sie, „60 bis 70 Prozent der Menschen in Deutschland werden sich mit dem Coronavirus infizieren“. Das kann man nicht oft genug wiederholen. Nichts ist seither fundamental besser geworden. Die Seuche grassiert weltweit. Noch immer fehlen Impfstoff und Therapie. Das Virus ist da, „wir werden damit umgehen müssen“ – diese frühe Botschaft von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat nichts von ihrer Gültigkeit verloren.

Coronavirus: Mit der Normalität steigt das Infektionsrisiko

Geändert hat sich nicht das Risiko, schon eher die Art, politisch darüber zu reden. Es wird der Eindruck erzeugt, man könnte das Virus nachhaltig eindämmen, wenn wir alle nur Abstand halten, Mundschutz tragen, eine Corona-Warn-App herunterladen oder uns testen lassen. Das sind alles gute Ratschläge; sie zu beherzigen, bleibt zweifelsohne erstrebenswert. Lesen Sie hier: Corona-Warn-App: Fehler bei iPhone und Android wohl behoben

Aber man darf sich keiner Illusion hingeben: Sobald die Menschen ein Stück Normalität wagen, Kinos besuchen, essen gehen, Urlaub machen oder reisen, steigt wieder das Infektionsrisiko. Natürlich gibt es Leute, die sich fahrlässig verhalten. Aber man kann auch alle Vorsichtsmaßnahmen einhalten und sich infizieren.

Eine aseptische Welt ist nicht artgerecht. Autos kann man nicht im Homeoffice bauen. Wer sie verkaufen will, muss sich auf Kunden einlassen. Wer Menschen unterrichten, Passagiere befördern, Gäste beherbergen und bekochen, Konsumenten mit Lebensmitteln versorgen oder unterhalten will, kommt ihnen nahe. Eine Gesellschaft kann sich nicht dauerhaft abschotten und in Wartestellung verharren, nicht zu einem akzeptablen Preis. Und hier reden wir nicht allein von Geld, sondern auch von anderen „Dienstleistungen“, von Fürsorge, Zuwendung, Nächstenliebe.

Der einzige Wellenbrecher gegen neue Corona-Wellen wäre eine Impfung

Der einzige Wellenbrecher gegen eine zweite, dritte oder vierte Welle wäre eine Impfung. Ansonsten gilt, was Merkel im März gesagt hat: Erst wenn 60 bis 70 Prozent angesteckt und für einen gewissen Zeitraum immun sind, könnte das Virus an Grenzen stoßen. Wenn im Herbst die Kälte kommt, wenn die Menschen sich häufiger in geschlossenen Räumen aufhalten und wenn normale Erkältungen vergleichbare Symptome wie bei Covid-19 hervorrufen, wird es das Virus noch leichter haben. Lesen Sie auch: Impfung gegen Coronavirus: Wie wird man Impfstoff-Tester?

Umso hilfreicher wäre, Tests so einfach, schnell, erschwinglich zu machen, dass jeder bei Bedarf erfahren kann, ob er das Virus in sich trägt. Das würde eine Rückkehr zur Normalität erleichtern. Nicht zufällig gründen die Pläne der Bundesliga für volle Stadien darauf. Ist da der Wunsch Vater des Gedankens?

Ein Test ist eine Momentaufnahme, im unglücklichsten Fall: eine Scheinsicherheit. Denn die Inkubationszeit beträgt bis zu zwei Wochen. Dennoch würden Massentests helfen, Infizierte früh und nicht erst auf Verdacht (mit Symptomen) zu entdecken. Wenn Impfungen die beste Strategie sind, um das Virus zu besiegen, dann sind Tests der interessanteste Ansatz, um es in Schach zu halten. Und freiwillig sollten sie sein.

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