Umfrage

Mehrheit traut keinem CDU-Politiker Merkel-Nachfolge zu

Jens Spahn: "Da würde ich mir Corona-Patriotismus wünschen"

Im Live-Talk mit Funke Medien fordert Bundesgesundheitsminister Jens Spahn einen "Coronapatriotismus". Was er damit meint und was die Corona-Warn-App damit zu tun hat, erläutert er im Gespräch mit Chefredakteur Jörg Quoos.

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Die Deutschen trauen den CDU-Bewerbern die Merkel-Nachfolge mehrheitlich nicht zu. Dennoch liegt einer deutlich vorne: CSU-Chef Söder.

Berlin. In der CDU könnte die Laune auf den ersten Blick kaum besser sein. Die Bürger vertrauen auf das Krisenmanagement der Kanzlerin, die Union kommt in Umfragen auf Traumwerte zwischen 37 und 40 Prozent. Vor Corona und mitten im Thüringer Schlamassel waren CDU/CSU um die 15 Punkte magerer.

Am Freitag feierten die Christdemokraten ihren 75. Geburtstag – wegen der Pandemie allerdings nur mit einer digitalen Stehparty. Am 26. Juni 1945 war im kriegszertrümmerten Berlin der Gründungsaufruf verfasst worden. Alles paletti also? Nicht ganz.

Jeder in der CDU weiß, dass es in der zweiten Jahreshälfte ungemütlicher werden dürfte. Die Partei muss das Machtvakuum füllen, das Annegret Kramp-Karrenbauer mit ihrem Rückzug – und auch schon davor nach einer Serie von Missgeschicken – hat entstehen lassen. Im Dezember soll ein Parteitag die Entscheidung bringen. Armin Laschet, Friedrich Merz und Norbert Röttgen bewerben sich.

Wer CDU-Chef wird, hat beste Chancen auf die Kanzlerkandidatur für die Bundestagswahl im Herbst 2021 und die Nachfolge der ewigen Kanzlerin Angela Merkel. Oder stimmt das womöglich gar nicht? Eine exklusive Kantar-Meinungsumfrage im Auftrag unserer Redaktion kommt für die CDU-Aspiranten zu eher ernüchternden Ergebnissen.

Keiner der drei Kandidaten für CDU-Spitze erhält eine Mehrheit

So halten die Deutschen mehrheitlich keinen der drei Bewerber um den CDU-Vorsitz für einen geeigneten Kanzlerkandidaten der Union. Nur 19 Prozent der Befragten können sich den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Laschet als Kanzlerkandidaten vorstellen, 61 Prozent halten ihn nicht für geeignet. 19 Prozent wollten sich nicht festlegen.

Der Wirtschaftspolitiker Merz kommt auf eine Zustimmung von 30 Prozent, eine Mehrheit von 56 Prozent allerdings lehnt den früheren Unionsfraktionsvorsitzenden als Spitzenkandidaten ab. Auf die schlechtesten Werte kommt der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, Norbert Röttgen. Den früheren Bundesumweltminister, der 2012 von Merkel entlassen wurde, stufen nur 13 Prozent als geeignet und 60 Prozent als ungeeignet ein.

Gesundheitsminister Jens Spahn, der die Kandidatur von Laschet unterstützt, schneidet mit 27 Prozent Zustimmung und 57 Prozent Ablehnung erheblich besser ab als der NRW-Regierungschef. Im Gespräch mit unserer Redaktion stellte Spahn klar, dass er an der Teamlösung mit Laschet festhält. Ende Februar hatte Spahn auf eine erneute eigene Kandidatur (2018 wurde er im ersten Wahlgang Dritter) verzichtet und Laschet den Vortritt gelassen.

Söder schneidet bei Unionsanhängern sogar besser ab als Merkel

Zu denken geben wird allen CDU-Kandidaten, dass sehr viele Deutsche einem Mann das Land anvertrauen würden, der kein CDU-Parteibuch besitzt: dem CSU-Vorsitzenden und bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder, den 45 Prozent der Deutschen für einen geeigneten und 36 Prozent für einen ungeeigneten Kanzlerkandidaten halten. 19 Prozent wollten keine Entscheidung treffen.

Söder hat sich in der Corona-Krise als zupackender Landesvater erwiesen – und wirkt in der Union für nicht wenige wie das Gegenmodell zum zögerlichen Laschet. Lange Zeit betonte der Franke, sein Platz sei unverrückbar in Bayern. Seit ein paar Wochen hört sich Söder da nicht mehr ganz so entschlossen an. Er wäre übrigens nicht der erste Franke im Kanzleramt. Das war Ludwig Erhard, allerdings auf CDU-Ticket.

Ein überragendes Ergebnis erzielt Söder unter den Anhängern der Union: 69 Prozent trauen ihm eine erfolgreiche Kanzlerkandidatur zu, während 20 Prozent daran Zweifel haben. Damit schneidet der CSU-Chef besser ab als Merkel (63 Prozent Zustimmung, 37 Prozent Ablehnung) und Merz (52 Prozent zu 46 Prozent). Negative Werte selbst in der Union erzielten Spahn und Laschet (jeweils 31 Prozent zu 63 Prozent) sowie Röttgen (24 Prozent zu 63 Prozent).

Bemerkenswert: Laschet holt sein bestes Ergebnis (76 zu 24 Prozent) unter den Anhängern der FDP, mit der die CDU in Nordrhein-Westfalen regiert. Merz schneidet im AfD-Lager (67 zu 33 Prozent) erheblich besser ab als unter Unionswählern. Spahn punktet vor allem bei den Grünen (40 zu 51 Prozent). Und Amtsinhaberin Merkel findet mehr Zustimmung bei den Anhängern von Grünen (67 zu 32 Prozent) und FDP (67 zu 33 Prozent) als im eigenen Lager.

Das Institut Kantar (vormals Emnid) befragte am 24. Juni 2020 mehr als 500 repräsentativ ausgewählte Bundesbürger.

CDU wird Kandidatur wohl für sich beanspruchen

Es handelt sich um eine Momentaufnahme. Niemand weiß, ob es eine zweite Pandemiewelle im Herbst gibt und wie dramatisch die Wirtschaftskrise ausfällt. Als höchst unwahrscheinlich gilt außerdem, dass ein frisch gekürter CDU-Chef Anfang 2021 Söder die Kanzlerkandidatur überlassen wird.

Laschet wirbt wie einst Merkel vehement dafür, dass Kanzlerschaft und Parteivorsitz in einer Hand bleiben. Merz, der in der Corona-Krise kaum Sendezeit bekam und selbst an Covid-19 erkrankte, wird im Herbst im Vorwahlkampf sicher wieder aggressivere Töne anschlagen, um bei den 1001 Delegierten zu punkten. Im „Spiegel“ warb Merz für eine Koalition mit den Grünen – unter seiner Führung. Für das Interviewfoto posierte er in einem dunkelgrünen Jackett mit hellgrüner Krawatte.

Die Grünen schenkten der CDU zum 75. Geburtstag einen Präsentkorb mit Rhabarberschorle, Ingwerknolle und einem Exemplar ihres geplanten neuen Grundsatzprogramms – was als Kampfansage zu verstehen ist. Die SPD-Spitze nahm den Koalitionspartner auf die Schippe: „Für uns, die wir mit unseren 157 Jahren in allem Respekt ‚die alte Tante SPD‘ genannt werden, steckt eine 75-Jährige natürlich fast noch in der Pubertät“, schrieben die SPD-Chefs Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans.

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