Überwachung

Spyware: Warum Spionage-Apps das Leben von Frauen gefährdet

Was treibt sie bloß? Wer die eine Spionage-App installiert, muss nicht mehr heimlich auf das Handy der Partnerin starren.

Was treibt sie bloß? Wer die eine Spionage-App installiert, muss nicht mehr heimlich auf das Handy der Partnerin starren.

Foto: Space_Cat/iStock / iStock

Mit Spionage-Apps überwachen vor allem Männer immer öfter das Handy ihrer Partnerin – das gefährdet den Schutz in Frauenhäusern.

Berlin. Den Spion gibt es ab 30 Euro im Monat: Schon in der Lite-Version, wirbt ein Anbieter, könne man per App den Standort des Zielgeräts nachverfolgen, auf Fotos und Videos zugreifen, das Adressbuch und Anrufprotokolle sehen. Wer mehr zahlt, so die Werbung, kann bei Messenger-Diensten wie WhatsApp mitlesen, bei Direktnachrichten auf Instagram und Tinder.

Die teuerste Version – „nur für die anspruchsvollsten Detektive“ – soll auch Anrufe aufnehmen und Umgebungsgeräusche abhören können. Und das alles, ohne dass die Person, der das Telefon gehört, bemerkt, dass sie ausspioniert wird.

Nirgends laufen so viele private Informationen zusammen wie auf Smartphones. Mit wem die Besitzer sich austauschen und worüber, wonach sie online suchen, wo sie sich aufhalten. Wer Zugriff auf das Telefon eines Menschen hat, weiß in vielen Fällen fast alles über dessen Leben.

Spy-Apps versprechen Kontrolle über das Handy des anderen

Genau das versprechen sogenannte Spy-Apps. Die Zielgruppe sind Menschen, die Kontrolle wollen: Über das, was die eigenen Kinder so auf ihren Telefonen treiben, über die Diensthandys von Angestellten, über den Partner oder die Partnerin. Im harmlosesten Fall ist die heimliche Überwachung ein gravierender Vertrauensbruch.

Im schlimmsten gefährdet sie das Leben von Menschen, vor allem: von Frauen. Denn immer öfter, berichten Fachverbände, spielen elektronische Geräte und ihre Überwachung eine Rolle in Fällen häuslicher Gewalt, deren Opfer in der überwiegenden Mehrheit Frauen sind.

Auf dem Zielgerät sind die Apps meist unsichtbar

In etwa jedem fünften Beratungsgespräch, das sie führt, sei Spyware ein Thema, sagt Leena Simon, IT-Beraterin beim Berliner Frauenverein Frieda. Seit 2018 berät sie Frauen, die von digitaler Gewalt betroffen sind. Dass es im Beratungsgespräch um Spionage-Apps geht, heißt noch nicht, dass im konkreten Fall eine angewendet wird, sagt Simon.

Aber es bedeutet, dass die betroffene Frau – der Verein berät keine Männer – das zumindest vermutet. „Wie oft tatsächlich eine Spyapp auf dem Gerät ist, kann ich nicht sagen, weil sie ohne den Einsatz von IT-Forensik kaum zu finden sind.“

Denn die Apps sind in vielen Fällen dafür gedacht, auf dem Zielgerät nicht mehr auffindbar zu sein, sobald sie einmal durch den Täter installiert wurden. Simon selbst hat das ausgetestet, zwei verschiedene Anwendungen hat sie auf Test-Telefonen installiert. Wiedergefunden hat sie sie nicht. „Ich wusste nur, dass die noch aktiv sind, weil auf dem Zielgerät weiterhin die übertragenen Daten ankamen.“

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Die digitale Gewalt steigt an

Genaue Zahlen, wie viele Menschen auf diese Art ausspioniert werden, gibt es nicht – doch Untersuchungen zeigen, dass das Problem wächst. Bei einer Umfrage des Bundesverbands der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff) aus dem Frühjahr 2017 gab ein Großteil der befragten Beratungsstellen an, dass digitale Gewalt in den vergangenen Jahren angestiegen sei.

Die IT-Sicherheitsfirma Kaspersky registrierte auf Geräten ihrer Kunden zwischen Januar und August 2019 518.223 Fälle, in denen jemand Spyware installierte oder es zumindest versuchte. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ist das laut dem Unternehmen eine Steigerung um 373 Prozent.

Auch das Bundesfamilienministerium geht davon aus, dass im Kontext häuslicher Gewalt durch aktuelle oder Ex-Partner „zunehmend auch digitale Medien eingesetzt werden, zum Beispiel um Frauen weiter zu kontrollieren, zu bedrohen, zu belästigen, herabzusetzen und einzuschüchtern.“ Belastbare Zahlen über das Ausmaß der unterschiedlichen Formen und technischen Mittel der Ausübung digitaler Gewalt hat aber auch das Ministerium nicht.

Frauenhäuser können ihren Schutzraum verlieren

Welche drastischen Folgen die Überwachung für Betroffene haben kann, sieht Eva Inderfurth vom Frauenzentrum Düsseldorf in der Praxis. „Wenn der Bedroher das Handy einer Frau orten kann, ist jeglicher Schutzraum verloren gegangen“, sagt Inderfurth. Auch wenn es Kontakt- und Näherungsverbote gibt, komme es immer wieder vor, dass die Täter einfach überall auftauchten, wo sich die Bedrohten aufhalten.

„Das betrifft schlimmstenfalls auch Frauenhäuser“, sagt Inderfurth, und es bedeute „ein wahnsinniges Gefahrenpotenzial“ für Frauen und ihre Kinder. „Derjenige ist dann ja auch immer einen Schritt voraus, weiß Bescheid über alles, was zum Schutz unternommen wird.“

„Digitales Stalking ist ein Angriff auf die Psyche“

Dazu kommt: Allein zu wissen, dass ein Telefon überwacht werden könnte, ist für Betroffene psychisch sehr belastend. Digitales Stalking sei ein Angriff auf die Psyche, sagt Beraterin Leena Simon. „Ganz häufig geht es darum, den Leuten das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung zu rauben.“

Selbst ohne den Einsatz von hoch spezialisierten Apps können Täter mitunter über digitale Wege an Informationen kommen, die sie nicht haben sollten. Zum Beispiel weil mit dem Telefon noch Benutzerkonten verknüpft sind, über die man auch von anderen Geräten aus zugreifen kann.

Auch zahlreiche Anti-Diebstahl-Apps erlauben es, den Standort des Geräts zu ermitteln, aus der Ferne Fotos und Audio-Dateien aufzunehmen oder Daten zu löschen. „Es ist wahnsinnig schwer, wenn man sich damit nicht auskennt, auseinanderhalten zu können, welche Bedrohung real ist und welche nicht“, sagt Simon.

Legal ist die digitale Überwachung nicht

Legal ist die heimliche Überwachung per Spyware nicht – doch einen Täter zur Rechenschaft zu ziehen, ist schwierig. Da ist zum einen das Beweisproblem: Der sicherste Weg, eine App loszuwerden, sei es, das Gerät auf Werkseinstellungen zurückzusetzen, erklärt Simon. „Aber dann sind eben auch alle Beweise weg.“ Und bei Polizei und Strafverfolgungsbehörden, so die Einschätzung der Expertinnen, sind nur die wenigsten Ansprechpartner mit dem Thema vertraut und in der Lage zu reagieren.

Viele Beamte wüssten mit dem Phänomen nichts anzufangen, sagt Anne-Kathrin Wolf vom Deutschen Juristinnenbund. „Wenn man Anzeige erstattet, kann man Glück haben und bei jemandem landen, der es ernst nimmt – oder eben nicht“, sagt sie. „Es fehlen die Experten.“ Der Juristinnenbund fordert deshalb Schwerpunkt-Staatsanwaltschaften für digitale Gewalt und verpflichtende Fortbildungen für Justiz, Staatsanwaltschaft und Polizei.

Zudem, sagt Wolf, müsste das Problem besser erfasst werden: „Die Fälle werden nach unserer Wahrnehmung aus der Praxis häufig eingestellt, aber uns fehlen die Zahlen, das zu untermauern.“ Wenn es frauenfeindliche oder sexistische Motive für eine Straftat gibt, müsste das vermerkt werden, so, wie es bei politischen Motiven bereits geschieht.

Cornelia Möhrung fordert, den Zugang zu Spywäre einzuschränken

Gerade in Corona-Zeiten steigt für Frauen die Gefahr, Opfer von häuslicher Gewalt zu werden. Ein umfassendes Lagebild zur Gewalt gegen Frauen wäre ein wichtiger Schritt, um Regelungslücken in der Strafverfolgung zu schließen, sagt auch Cornelia Möhring, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Linken. Außerdem sollte man darüber nachdenken den Zugang zu Spyware einzuschränken. „Bisher kann jedermann entsprechende Apps, Kameras etc. einfach kaufen oder installieren“, sagt Möhring. „Dabei können diese Instrumente für die von digitaler Gewalt Betroffenen bedrohlich wie Waffen wirken.“

Bis Strafverfolger und Gesetzgeber reagieren, mahnen Expertinnen vor allem zur Prävention. Geräte selbst einrichten, sichere Passwörter verwenden, wissen, was welche App kann, rät Leena Simon. „Wir müssen den Frauen die Scheu vor der Technik nehmen und sie ermutigen, die Kontrolle über ihre Geräte selbst in die Hand zu nehmen.“

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