Kommentar

Trumps Wahlkampf in Tulsa: Trauerspiel statt Triumphzug

Trump blickt bei erstem Wahlkampfauftritt seit der Corona-Pause auf leere Ränge

Wüste Attacken auf seinen Rivalen Joe Biden, auf Medien und Demonstranten - und wesentlich weniger Anhänger als erwartet: Nach dreieinhalbmonatiger Unterbrechung wegen der Coronavirus-Pandemie hat US-Präsident Donald Trump mit einer ersten Großveranstaltung den Wahlkampf wieder aufgenommen.

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Die Wahlkampfveranstaltung von US-Präsident Donald Trump in Tulsa sollte ein Erfolg werden. Stattdessen wurde sie ein Trauerspiel.

Washington. Wäre Donald Trump ein Politiker von Dezenz, Ehrbarkeit und humanistischem Ethos, man könnte fast Mitleid mit dem amerikanischen Präsidenten bekommen.

Sein Experiment, inmitten einer unverändert tödlichen Pandemie unter Missachtung vieler Vorsichtsmaßnahmen Wahlkampf in einer Sport-Arena abzuhalten, war nicht der versprochene Triumphzug mit Tschingderassabum und Hunderttausenden Zuschauern.

Tulsa endete für Trump vor halbleeren Tribünen als Travestie und Trauerspiel.

Corona und die jüngsten Polizei-Skandale haben die USA im Griff

Für einen Mann, der sich vor allem an Showmaster-Kriterien und seiner Medienwirkung misst, ist der abrupte Verlust von Anziehungskraft viereinhalb Monate vor der Wahl mehr als eine Delle. Dass ihm die eigenen „Jünger“ die Gefolgschaft verweigern und aus Angst vor Ansteckung fernbleiben, illustriert, wie falsch Trump sein Land im Sommer 2020 liest. Mehr zum Thema: Warum Trump beim Wahlkampf in Tulsa den Blues bekam

Corona, die daraus erwachsene ökonomische Mega-Krise und die durch jüngste Polizei-Skandale neu aufgeplatzte Rassismus-Wunde haben die USA in den schlimmsten Würgegriff seit Jahrzehnten genommen. Das Land der Freien und Mutigen sehnt sich nach einem Sinnstifter und Krisen-Manager, der unaufgeregt die Verfassung lebt und Schaden von seinem Volk abwendet. Trump kann aber nur Kulturkrieger. Und an sich denken.

Wie steht es um Trumps Wiederwahl-Chancen?

Er trifft den Ton nicht mehr. Er wanzt sich bei den Ewiggestrigen mit rassistischen Vorlagen an. Er liebäugelt in Codeworten mit Gewalt. Er verspritzt nur noch hoch dosiertes rhetorisches Gift gegen alles, was ihm links oder nicht ausreichend devot erscheint. Er lügt schwindelerregend oft das Blaue vom Himmel. Er suhlt sich in Selbstmitleid. Er hat bis auf blumige Durchhalteparolen nichts zu bieten, um die Virus-Krise unter Kontrolle zu bringen. Und damit die Voraussetzungen für einen Neu-Start der Wirtschaft zu schaffen, bei dem die Mehrheit der Marktteilnehmer wirklich guten Gewissens mitmacht. Lesen Sie auch: Enthüllungsbuch über US-Präsident Donald Trump darf erscheinen

Muss man seine Wiederwahl-Chancen deshalb schon abschreiben? Trumps Ego ist monumental. Er will eigentlich nicht mehr regieren. Aber er will auf keinen Fall verlieren. Bis zum 3. November steht Amerika ein schmerzhafter Ritt bevor.

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