Wahlkampf

Warum Donald Trump trotz Corona vor Zehntausenden spricht

Trumps Auftritt in Tulsa ein "Schlag ins Gesicht"

nicht nur wegen der anhaltenden Coronavirus-Krise höchst umstritten. Für Kritik sorgt auch, dass Trump sich für die Versammlung eine Stadt ausgesucht hat, die Ort eines der schlimmsten Massaker gegen Afroamerikaner in der jüngeren US-Geschichte war.

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Eine Großkundgebung in Tulsa soll Präsident Trump im US-Wahlkampf nach vorne bringen. Die Gefahr durch das Coronavirus ist ihm egal.

Washington. Wenn die Berechnungen der Ärzte über die Inkubationszeit bei Corona noch stimmen, wird sich rund um den amerikanischen Unabhängigkeitstag am 4. Juli erweisen, ob Donald Trump am Samstag ein Eigentor für die Geschichtsbücher geschossen hat; eins mit tödlichen Begleiterscheinungen.

Gegen den Rat seiner eigenen Seuchen-Experten um Anthony Fauci und gegen die erklärte Bitte der örtlichen Verantwortlichen wird Amerikas Präsident in der BOK-Arena von Tulsa im Bundesstaat Oklahoma nach über dreimonatiger Wahlkampf-Abstinenz Zehntausende Anhänger Schulter and Schulter zu einer ersten Großkundgebung versammeln.

Donald Trump macht in Tulsa Wahlkampf vor Zehntausenden

Ohne Maskenschutz vorzuschreiben. Ohne Abstandsregeln zu verhängen. Die zum Teil seit Mittwoch vor der Mehrzweckhalle biwakierenden Fans müssen wie alle Teilnehmer eine Verzichtserklärung unterschreiben, dass sie Trumps Wiederwahl-Kampagne nicht in Regress nehmen, falls sie sich das Virus einfangen.

Trumps Leute nennen das „Eigenverantwortung” und „überschaubares Risiko“. Kritiker, selbst solche, die ihm politisch nahestehen, nennen es in US-Medien „unnötig” und „rücksichtslos”.

Donald Trump fürchtet sich vor seiner Abwahl

Dass ein Großhallen-Event, bei dem Schwitzen und Körperkontakt programmiert sind, in Corona-Zeiten wie eine Petrischale für Neuinfektionen wirken kann, steht für Bruce Dart, Chef des Gesundheitsamtes in Tulsa, fest. Er spricht von einem „Superspreader-Event”.

Warum macht der Präsident eines Landes das, in dem bei über zwei Millionen das Virus entdeckt wurde und in dem nach neuen Berechnungen der staatlichen Seuchenschutzbehörde CDC bis Mitte Juli – weltweit ohne Beispiel – knapp 135.000 Menschen gestorben sein werden?

Warum zu einer Zeit, in der in über 20 Bundesstaaten die Infektionszahlen im Gefolge von behördlichen Lockerungen in den vergangenen Tagen teilweise um 100 Prozent gestiegen sind und manche Regionen bereits Engpässe bei Krankenhausbetten melden? Antwort: 3. November. In weniger als 140 Tagen will der zuletzt resignativ wirkende Amtsinhaber vermeiden, was als Gefahr für ihn noch nie so virulent war wie heute – seine Abwahl.

Trump ist in einer Negativspirale gefangen

Donald Trump ist in allen seriösen Umfragen dramatisch abgesackt. Sein sprunghaftes Krisen-Management der Coronavirus-Krise, die epochale Arbeitslosigkeit von über 30 Millionen, die unversöhnliche Begleitung der Anti-Rassismus-Proteste nach tödlichen Polizei-Auswüchsen gegen Schwarze – all das hat seinen Widersacher Joe Biden um bis zu 14 Prozentpunkte Vorsprung davonziehen lassen. Dabei tut der 77-jährige Demokrat nicht viel mehr, als konstant staatsmännisch emphatisch zu sein und Fehler zu vermeiden.

Besonders alarmierend für Trump: In Bundesstaaten, auf die es ankommt (Arizona, Wisconsin, Pennsylvania, Michigan etc.) laufen dem Präsidenten gerade Frauen und ältere Männer davon. Dazu kommen Skandal-Enthüllungsbücher von seinem Ex-Berater John Bolton und seiner Nichte,juristische Ohrlaschen des Obersten Gerichtshofes und Zensur-Maßnahmen seiner großen Internet-Megaphone Twitter und Facebook .

Aus dieser Negativspirale will Donald Trump am Samstag mit Jubelbildern und frenetischen Anfeuerungsrufen seiner Anhänger für zwei, drei Stunden ausbrechen. Die Rechnung wird – siehe oben – in 14 Tagen präsentiert.

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