Generalbundesanwaltschaft

Staatsanwaltschaft: Russland gab Mord in Berlin in Auftrag

Maas zu Mord an Georgier: "Außerordentlich schwerwiegender Vorgang"

Der Generalbundesanwalt sieht den Mord an einem Georgier in Berlin in seiner Anklageschrift als Auftragstat der russischen Regierung. Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) bezeichnete den Fall als "außerordentlich schwerwiegenden Vorgang".

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Laut Generalbundesanwalt sollen staatliche Stellen in Russland einen Killer engagiert haben, um einen Georgier in Berlin umzubringen.

Berlin. Nach fast zehn Monaten ist sich Generalbundesanwalt Peter Frank sicher: Der Georgier Tornike K. (40) ist am 23. August 2019 in Berlin einem russischen Auftragskiller zum Opfer gefallen. Als die Bundesanwaltschaft am Donnerstag Anklage gegen Vadim K. alias Vadim S. erhebt, erklärt sie, staatliche Stellen der Regierung der Russischen Föderation hätten den Mord in Auftrag gegeben.

Die Formulierung lässt vermuten, dass die Staatsanwälte sich beim genauen Auftraggeber nicht sicher sind. Der kurz nach der Tat festgenommene Russe gab zwar einen falschen Namen an. Recherchen des „Spiegel“ und anderer Medien begründeten aber den Verdacht, dass die Identität gefälscht war und Spuren nach Russland führten.

Bundesregierung hatte andere Auffassung

Die Bundesregierung teilte die Einschätzung zunächst, hielt es aber für opportun, den Fall tiefer zu hängen. Sie wollte die Belastungsprobe für das deutsch-russische Verhältnis nicht vergrößern. Die Russen sollten die Chance haben, ihr Gesicht zu wahren, wenn sie aufklären helfen. Doch zwei Rechtshilfeersuchen der Berliner Staatsanwaltschaft blieben faktisch unbeantwortet. Lesen Sie auch:

Im Dezember war Frank nicht länger bereit, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Die Bundesanwaltschaft übernahm die Ermittlungen von den Berliner Behörden – nun offiziell wegen des Verdachts auf einen Auftragsmord staatlicher Stellen in Russland.

In der Corona-Krise ging fast unter, wie auch die Bundesregierung im April den Mord als politisch motiviertes Verbrechen einstufte. Sie tat es gewunden in der Antwort auf eine Grünen-Anfrage. Das Tötungsdelikt sei keiner extremistischen Szene zuzuordnen, gleichwohl politisch begründet.

Bundesregierung behält sich „weitere Maßnahmen“ vor

„Das ist sicherlich ein außerordentlich schwerwiegender Vorgang“, sagte Außenminister Heiko Maas (SPD) am Donnerstag. Die Bundesregierung behalte sich „weitere Maßnahmen“ vor.

Die gängigen Reaktionsmittel sind fast ausgereizt. Ende 2019 hatte man zwei russische Diplomaten ausgewiesen – Präsident Wladimir Putin erzwang daraufhin die Abreise zweier Mitarbeitern der deutschen Botschaft. Was meint Maas mit „Maßnahmen“? Sanktionen? Lesen Sie auch: Nach Mord: Deutschland weist zwei russische Diplomaten aus

Mordopfer gehörte zur tschetschenischen Minderheit in Georgien

Rückblick: Das Opfer heißt in Wahrheit Zelimkhan Khangoshvili, gehörte zur tschetschenischen Minderheit in Georgien und kämpfte als Kommandeur tschetschenischer Milizen gegen Russland. Aus Angst vor Anschlägen führte er mehrere Pseudonyme, darunter Tornike Kavtaradze, und floh nach Deutschland.

Die hiesigen Sicherheitsbehörden führten den Asylbewerber zeitweise als „Gefährder“ und wussten, dass er für die russische Regierung ein Terrorist war. Die Frage war nur, ob sie deutsche Souveränitätsrechte respektieren würde – von der Antwort hing das Leben des Georgiers ab. Sie war nach Ansicht der Ermittler spätestens am 18. Juli 2019 entschieden. Da erteilten staatliche Stellen der russischen Regierung den Auftrag, den Mann zu liquidieren.

Ermittlungen: Detaillierte Rekonstruktion der Tat

Den Fortgang haben die Karlsruher Ermittler detailliert rekonstruiert. Am 17. August fliegt der Killer von Moskau nach Paris, von dort nach Warschau und am 22. August weiter nach Berlin. Für die Einreise in den Schengenraum nutzt er einen Reisepass, der erst am 18. Juli 2019 durch die Einwanderungsbehörde im russischen Bryansk ausgestellt worden war. Das Visum für den Schengenraum hatte ihm das französische Generalkonsulat in Moskau erteilt. Lesen Sie auch: Auswärtiges Amt kritisiert Ausweisung deutscher Diplomaten

Am Mittag des 23. August nähert er sich in der Parkanlage „Kleiner Tiergarten“ Tornike K. auf einem Fahrrad von hinten und feuert mit einer Pistole des Typs „Glock 26“ – mit Schalldämpfer – mehrere Schüsse auf den Georgier ab.

Jugendliche beobachten den Täter

Danach radelt der Mörder weiter, verschwindet in einem Gebüsch und versenkt sein Fahrrad und einen Beutel in der Spree. Zu dumm, Jugendliche beobachten den Täter, er wird rasch gefasst.

Schalldämpfer, Tarnname, falsche Papiere, die verschleiernde Route über Paris und Warschau – die Details verraten professionelle Planung. Andererseits, ein Mord am helllichten Tag? Es sieht eher nach einer Demonstration aus. „In Berlin wurde ein Krieger getötet, der in Russland gesucht wurde, ein blutrünstiger und brutaler Mensch“, sagte Putin einmal. Sollte wohl heißen: Sie kriegen jeden, den sie wollen. Und das dürfen ruhig alle wissen.