Kommentar

Vorsicht vor Pauschalurteilen – Polizisten sind keine Cops!

Ein Polizist trägt Handschellen und seine Dienstwaffe am Gürtel.

Ein Polizist trägt Handschellen und seine Dienstwaffe am Gürtel.

Foto: Oliver Berg / dpa

Die Debatte über Rassismus unter Polizeikräften schwappt nach Deutschland. Sie muss differenzierter geführt werden als die in den USA.

Berlin. Der Mord an George Floyd entfacht auch in Deutschland eine Debatte über Rassismus und Fremdenfeindlichkeit im Alltag. Auf Demonstrationen, in Internet-Foren, in Talkshows lautet der Vorwurf immer deutlicher vernehmbar: Auch in Deutschland gibt es ein Problem. Genauer: Gibt es auch rassistisch motivierte Gewalt in den Reihen der deutschen Polizei?

Diese Frage darf durchaus gestellt werden. Denn es ist grundsätzlich richtig, auch hierzulande bei diesem hässlichen Thema noch genauer hinzusehen. Nicht nur bei der Polizei.

Ob man dazu einen unabhängigen Beauftragten braucht oder eigene Abteilungen in der Polizei, darf diskutiert werden. Beides hätte die überwiegende Mehrzahl der deutschen Polizeibeamten nicht zu befürchten. Und beides wäre sinnvoll, wenn man dabei mehr schwarze Schafe als bisher identifizieren würde. Die Dunkelziffer, das legen Studien nahe, ist bei diesen Delikten hoch.

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Deutsche Polizisten sind viel besser ausgebildet als US-Cops

Aber man darf bei der Debatte keinen großen Fehler begehen: nämlich die deutsche Polizei vorverurteilen oder in einem Atemzug mit den „US-Cops“ zu vergleichen. Der Unterschied zwischen den Sicherheitskräften könnte größer nicht sein. In den USA reicht weniger als ein Jahr Ausbildung für den Polizeidienst. In Deutschland lernen Polizeischüler mindestens drei Jahre. Dieser Unterschied in der Ausbildung entscheidet zwischen Leben und Tod.

Wer bei einer Polizeikontrolle in den USA ungeschickt nach den Papieren in seiner Jackentasche sucht, riskiert, erschossen zu werden. In Deutschland ist die Schussabgabe die ganz große Ausnahme. Deeskalation, Situationstraining ist fester Bestandteil einer fundierten Polizeiausbildung.

In den USA ist die Reizschwelle bei bewaffneten Sicherheitskräften sehr niedrig. Die US-Polizei ist staatliche Gewalt im Wortsinn. Das Beispiel von George Floyd, dem neun Minuten lang auf dem Asphalt die Luft abgedrückt wurde, ist nur ein Beispiel von vielen. Erschreckend oft führt Polizeigewalt in Amerika zum Tod von schwarzen US-Bürgern. Viele Afroamerikaner in den Vereinigten Staaten beklagen „social profiling“. Dass sie oft und scharf kon­trolliert werden, nur weil sie nicht die weiße Hautfarbe haben.

Die Polizei darf mit dem Problemen nicht allein gelassen werden

Die Debatte um die deutsche Polizei muss sehr viel differenzierter geführt werden. Mancher anklagende Ton in den Talkshows lässt fundierte Beweise vermissen. Minneapolis ist nicht Hamburg oder München. Und zur Bestandsaufnahme gehört auch die hässliche Tatsache: Deutsche Polizeibeamte werden bei ihrer Arbeit immer öfter provoziert oder erleben Widerstand. Polizeichefs berichten von erschreckender Respektlosigkeit, insbesondere in kriminellen Clan-Milieus.

Videos von Beamten, die trotz schlimmster Pöbeleien seelenruhig die Fassung bewahren, kursieren im Netz. Sie verstören nicht nur Polizeibeamte, sondern alle Bürger, die sich immer noch sicherer fühlen, wenn die Polizei sichtbar „auf Streife“ ist.

Dieser respektlose Umgang mit Polizeibeamten darf natürlich keine Entschuldigung für fremdenfeindliche Haltung oder gar Handlungen sein. Aber wer die Polizei mit diesem Problem dauerhaft alleinlässt, darf sich nicht wundern, wenn Probleme an anderer Stelle entstehen.

Die gerade aufkommende Debatte ist gleich ein doppelter Anlass, sich mit der Polizei zu befassen. Um zum einen rassistischen Ausfällen knallhart zu begegnen. Und zum anderen allen empathischen und gesetzestreuen Polizeibeamten den Rücken zu stärken. Und ihnen dafür zu danken, dass sie für bescheidenen Lohn jeden Tag Kopf und Kragen für unsere Sicherheit riskieren.

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