Covid-19-Pandemie

Coronavirus: Ärztechef Montgomery rät zur Impfpflicht

Im Sommer in den Süden?

Welche Reisemöglichkeiten es in diesem Sommer für Urlauber geben wird, ist derzeit noch unklar. Einige beliebte Urlaubsländer haben die Weichen für die Tourismussaison aber schon gestellt.

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Urlaub im Ausland, Spiele in der Bundesliga: Weltärztepräsident Montgomery geht das in Zeiten von Corona zu schnell. Vorsicht, rät er.

Berlin. Sommerurlaub in Europa? Offene Grenzen und Touristenströme? Frank Ulrich Montgomery schüttelt den Kopf: zu früh, zu riskant. „Ich würde der Regierung raten, die Grenzen geschlossen zu halten“, sagt der Weltärztepräsident. „Aus gesundheitlichen Gründen wäre es das Beste, die Menschen blieben an ihrem Wohnort.“ Montgomery findet in der Corona-Krise deutliche Worte – nicht nur bei dieser Frage.

Herr Montgomery, bleiben Sie in diesem Sommer in Berlin?

Frank Ulrich Montgomery: Ich bleibe mit Sicherheit in Deutschland – und werde viel Rad fahren, nicht nur im Berliner Umland. Sämtliche internationalen Kongresse sind ja abgesagt, ich bin deshalb in den nächsten Monaten auch nicht für den Weltärztebund unterwegs. Für mich gilt deswegen, was jetzt für viele gilt: Wir werden in diesem Jahr einen anderen Sommerurlaub verbringen als sonst.

Sie warnen vor schnellen Grenzöffnungen und Lockerungen für Urlaubsreisen in Europa. Viele Familien haben aber schon Ferien im Ausland geplant. Sollten sie daran festhalten?

Montgomery: Es gibt mehrere Faktoren für die Entscheidung. Eine Frage ist, wie gut die medizinische Versorgung im Gastland ist. Bei Covid-19 ist aber eine andere Frage wichtiger: Urlauber sollten sich überlegen, wie schnell sie im Fall einer Erkrankung wieder nach Hause kommen. Covid-19 entwickelt sich langsam. Wir haben zwischen 2 und 14 Tagen Inkubationszeit. Danach folgen etwa zehn Tage, in denen die Patienten merken, dass sie krank sind, aber noch keine starken Symptome haben. Erst danach kommt es in manchen Fällen zu schweren Verläufen. Die Frage ist also, ob man die Chance hat, den Rücktransport rechtzeitig zu organisieren. Am Ende hängt in diesem Sommer alles von der persönlichen Risikobereitschaft ab.

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Deutschland ist vergleichsweise gut durch die Krise gekommen. Die Ersten sagen jetzt: Der Lockdown wäre nicht nötig gewesen.

Montgomery: Das Ergebnis des Lockdowns spricht doch für sich – gerade wenn man es mit Ländern wie Schweden vergleicht, die weitaus lockerer vorgegangen sind und jetzt eine furchtbare Todesstatistik haben. In Deutschland war fast jede Maßnahme des Lockdowns richtig. Die einzige Ausnahme waren die harten Strafen für Verstöße gegen die Maskenpflicht – zu einer Zeit, als viele nur Schals oder Tücher zur Verfügung hatten.

In Deutschland wächst gerade eine Protestwelle gegen die Corona-Beschränkungen. Auch einzelne Ärzte rufen dazu auf, weil sie Covid-19 für überschätzt halten.

Montgomery: Denen kann ich nur sagen: Schaut euch die Särge in Italien, Frankreich und England an. Sicher, viele Menschen, die jetzt gestorben sind, wären möglicherweise bald auch an etwas anderem gestorben. Aber es kann doch nicht meine Aufgabe als Arzt sein, sie ein halbes Jahr vorher sterben zu lassen. Es ist meine Aufgabe, sie so lange leben zu lassen, wie sie das wollen.

Nehmen Sie die neue Bewegung ernst?

Montgomery: Ernst nehmen muss man sie. Aber sie wird überbewertet. Die Demonstranten stehen für eine sehr kleine Minderheit der Bevölkerung. Wichtig ist allerdings, dass wir offen über die Kollateralschäden der Pandemie sprechen: die ökonomischen, aber auch die gesundheitlichen. Wir müssen davon ausgehen, dass die Zahl der Todesfälle infolge der Corona-Maßnahmen am Ende ähnlich hoch sein wird wie die Zahl der Corona-Toten. Man darf nicht vergessen: Wir betreiben kaum Vorsorge im Moment, kaum Frühdiagnostik, viele Menschen verschleppen Krankheiten, viele medizinische Einrichtungen sind geschlossen.

Viele wundern sich über die vielen Corona-Kennzahlen: die Neuinfektionen, die Verdopplungsrate, die geschätzte Reproduktionszahl, die geglättete Reproduktionszahl. Ist das Robert-Koch-Institut überfordert?

Montgomery: Das Robert-Koch-Institut hatte keine andere Möglichkeit, als die Datenbasis immer wieder neu anzupassen. Wir haben eine Pandemie in einer solchen Geschwindigkeit noch nicht erlebt. Und wir hatten noch Glück, dass dieses hochinfektiöse Virus nicht die Sterblichkeit von Ebola hatte. Dann wären mindestens 50 Prozent der Erkrankten gestorben. Auch die Pandemiepläne haben funktioniert – doch dass der Nachschub an Masken und Kitteln aus China ausbleiben könnte, daran hatte kein Mensch gedacht. Wir dürfen nicht noch einmal in eine solche Abhängigkeit geraten.

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Aktuell gibt es vor allem Infektionsherde dort, wo besonders viele Menschen eng zusammenwohnen. Was folgt daraus?

Montgomery: Sinnvoll wäre es, alle Senioreneinrichtungen, Flüchtlingsheime und Sammelunterkünfte systematisch zu testen. Auf diese Weise können die Gesundheitsämter frühzeitig sehen, wo sich ein neuer Infektionsherd bildet. Nur mit Tests können sie Hotspots rechtzeitig erkennen.

Warum ist es uns nicht gelungen, Senioren- und Pflegeheime besser zu schützen?

Montgomery: In der Altenpflege haben die Schutzkonzepte komplett versagt. Sowohl beim Personal als auch bei den Besuchern. Das muss in Zukunft besser werden. Die Politik hat lange Zeit nur daran gedacht, dass wir Masken und Kittel für die Krankenhäuser brauchen. Kein Mensch hat an die Altenpflege gedacht.

Die Hauptlast im Kampf gegen Corona tragen jetzt die Gesundheitsämter: Sie müssen die neuen Fälle registrieren, Kontakte nachverfolgen und Quarantäne verhängen. Doch die meisten haben gar nicht genug Personal.

Montgomery: Das stimmt. In einer Pandemie hat aber kein Gesundheitsamt der Welt genügend Mitarbeiter. Es ist deshalb eine Illusion zu glauben, dass die Gesundheitsämter in der aktuellen Situation in der Lage wären, die Infektionsketten lückenlos zu verfolgen. Ein Beispiel: Ich war in den letzten Tagen dreimal im Restaurant. Nur einmal wurden mein Name und meine Adresse notiert. Auch sonst dürfte es sehr schwer sein, bei Menschen wie mir, die im Alltag viele andere treffen, sämtliche Kontakte nachzuverfolgen. Wer jetzt auf vollständige Kontaktkon­trolle setzt, betreibt Augenwischerei.

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Es gibt erste Stimmen, die Bundesliga nach der Sommerpause wieder vor Publikum spielen zu lassen. Gute Idee?

Montgomery: Bevor wir einen Impfstoff haben, sollten wir überhaupt keine Großveranstaltungen zulassen. Das ist das eine. Das andere ist: Ich wundere mich sehr, wie viele Gedanken sich manche über junge, gesunde Fußballer machen, während man gleichzeitig in Kauf zu nehmen scheint, dass die alten Menschen noch lange in sozialer Isolation leben sollen. Da ist jedes Maß verloren.

Bevor noch ein Impfstoff entwickelt ist, gibt es bereits massiven Streit über eine faire Verteilung. Was kann Deutschland tun?

Montgomery: Um die Weltbevölkerung zu schützen, brauchen wir sieben Milliarden Impfdosen. Das darf nicht der freie Markt regeln. Dazu brauchen wir eine internationale Regelung. In Deutschland muss die Regierung mit gesetzlichen Maßnahmen dafür sorgen, dass nicht derjenige als Erster geimpft wird, der am meisten dafür zahlt. Als Erstes müssen die Bewohner von Alten- und Pflegeheimen und die Mitarbeiter in den Kliniken geimpft werden. Ich fürchte aber, dass auch hierzulande ein Schwarzmarkt entstehen wird. Dazu kommt ein anderes Problem: Es wird Leute geben, die sich nicht impfen lassen wollen. Infizieren sie sich, sind sie eine Gefahr für Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht geimpft werden können. Wir müssen deshalb möglichst viele Menschen impfen.

Braucht Deutschland eine Impfpflicht gegen Covid-19?

Montgomery: Ich war für die Impfpflicht bei Masern. Ich bin auch hier für eine Impfpflicht.

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