Sexarbeit

Die Not einer Domina in Zeiten der Corona-Pandemie

Das Geschäft mit Sex liegt brach, Bordelle sind dicht. Viele Frauen kämpfen in Corona-Zeiten um ihre Existenz.

Das Geschäft mit Sex liegt brach, Bordelle sind dicht. Viele Frauen kämpfen in Corona-Zeiten um ihre Existenz.

Foto: Ulrich Mattner / dpa

Restaurants und Friseure öffnen. Die Sexindustrie liegt weiter brach. Das kostet Existenzen. Manche Prostituierte machen illegal weiter

Berlin/Bielefeld. Neulich saß die Frau, die sich nur „Madame Kali“ nennt, im Zug. Sie hatte Zeit für Arbeit, denn dafür braucht sie gerade nur ihr Handy oder einen Computer. Also nahm sie ausnahmsweise spontan die Anfrage eines Kunden an.

Madame Kali macht jetzt, in Zeiten der Pandemie, „Telefon-Erziehung“, wie sie sagt. Sie plaudere mit Gästen, sie vereinbare eine „Session“, biete Chats oder Telefonsex an. Und eben „Erziehung“.

Oft verlange sie „Beweisfotos“, ihre Kunden schicken dann Bilder über das Handy, wie sie die Aufgaben der „Herrin“ erfüllen. Wie sie es sich zu der Stimme der Madame besorgen. „Wenn jemand sehr brav war, gibt es auch Bilder von meinen Stiefeln oder Füßen“, sagt sie.

Bordelle sind geschlossen, Prostitution verboten – doch Massagestudios öffnen wieder

Madame Kali ist Domina, sie lebt in Bielefeld und hat sich spezialisiert auf Tantra, eine indische Praxis, die Sex und Spiritualität vereint. Madame Kali, langes, dunkles Haar, sagt: „Ich bin Handwerkerin, ich lebe davon, dass ich Menschen berühre, anfasse, egal ob soft oder hart.“

Aber ihre Arbeit ist verboten in Zeiten der Corona-Krise. Die Sexindustrie liegt brach, Bordelle, Saunaclubs und Laufhäuser sind geschlossen, Prostitution verboten – und auch eine Domina wie Madame Kali darf keine Kunden treffen. Ihr Studio ist dicht.

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Während Restaurants, Sportvereine und Friseursalons langsam wieder öffnen, bleibt Sexarbeit in allen Bundesländern verboten. Das bringt Menschen wie Madame Kali und viele andere in ihrer Branche in Existenznot. Das Verbot birgt aber auch Risiken, dass Sexarbeit in die Illegalität abdriftet. Dass Menschen abhängig werden von ihren Zuhältern.

Auf der Agenda der Politik sind derzeit andere Branchen: die Luftfahrt, die Gastronomie, die Tourismusindustrie. Sogar Nagelstudios, Friseure oder Tätowierer waren lauter zu hören in der Debatte über Öffnungen.

Bis zu 400.000 Menschen leben in Deutschland von der Sexindustrie

Über Sexarbeit redet kaum jemand. Die Branche hat keine Lobby. Dabei ist sie riesig. Zwischen 50.000 und 400.000 Menschen arbeiten in dem Industriezweig. Die genaue Zahl kennt niemand, denn nicht alle sind offiziell als Selbstständige gemeldet wie Madame Kali, obwohl das per Gesetz Pflicht ist. Und: Zu den Tausenden Dominas, Prostituierten oder Escort-Damen kommen noch Zulieferer wie Erotikshops, Kondomhersteller, Putzfrauen und Sicherheitskräfte in Bordellen, Erotik-Fotografen und Anzeigenportale dazu.

In der Pandemie herrscht Kontaktbeschränkung und Abstandsgebot. Für eine Branche, in dem Körperkontakt Kerngeschäft ist, sind das keine guten Zeiten.

Madame Kali hat auf ihrer Webseite ein „Corona-Special“ angeboten. 30 Minuten am Telefon für 70 Euro, zum Beispiel. „Wenigstens im Kopfkino kann man so seinen Fetisch ausleben.“ Doch die digitale Sexarbeit könne die Einbußen nicht auffangen. Ihre Einnahmen seien fast komplett weggebrochen.

Milliardenpaket der Bundesregierung – aber wie viel kommt bei den Prostituierten an?

Die Bundesregierung hat mit Milliardenpaketen schnelle Hilfe angeboten, auch für Selbstständige. Das gilt auch für die Sexindustrie. Doch der Staat zahlt vor allem laufende Betriebskosten, also Miete für Büros, Firmenwagen oder Kredite. Bordellen hilft das, wie es auch Restaurants hilft.

Nur: Wer als Prostituierte mit Sex Geld verdient, hat kaum Betriebskosten. Zimmermiete fällt im Bordell nur an, wenn die Frauen oder Männer auch arbeiten. Werbung ist gratis im Internet, das Arbeitstelefon meist „Pre-Paid“, weil Anrufe sowieso nur eingehen.

Bei der privaten Miete oder der Krankenversicherung hilft der Staat in der Corona-Krise nicht. Egal ob Menschen wie Madame Kali jetzt die meisten Einnahmen wegbrechen. Ihre Wohnung muss sie trotzdem weiter bezahlen. Sie habe jetzt Grundsicherung beantragt, sagt die Frau aus Bielefeld. Lesen Sie auch: So verändert sich das Sexleben in der Corona-Krise

Doch wirklich ernstgenommen fühlt sie sich nicht in ihrer Not. „Uns wird abgesprochen, dass wir auf Hilfe angewiesen sind. In den Behörden stoßen viele von uns auf Unverständnis oder Ablehnung.“

TV-Koch Tim Mälzer spricht von „Virenschleudern“

Vor einigen Wochen saß sie vor dem Fernseher, Starkoch Tim Mälzer war in der Tagesschau und klagte über das Leid der Gastronomie. Er sagte dann einen Satz, der Madame Kali ins Mark traf. Man dürfe nicht so tun, als seien Restaurants „Virenschleudern“, sagte Mälzer. Als sei die Gastronomie schon fast ein Teil des Rotlichtmilieus.

Da war er wieder, der Vergleich mit der Sexarbeit. Immer wenn es „schmutzig“ klingen soll. „Das ist üble Hetze“, findet Madame Kali. Sie höre Vorurteile jetzt in der Zeit der Pandemie wieder öfter.

In den Bundesländern dürfen nun sogar Massagestudios öffnen. Aber Dominas, die massieren, dürfen nicht arbeiten. Ihr Gewerbe bleibt verboten, weil es unter das Prostituiertenschutzgesetz fällt. Der Berufsverband der Sexarbeiterinnen BesD e.V. und auch einzelne Betreiber von Etablissements versuchen sich an Hygienekonzepten. Nur ist Küssen mit Schutzmaske schwer vorstellbar. Wer nicht schwarzarbeiten will, muss ausharren.

Und noch etwas erschwert den Umgang des Staates mit Sexarbeit in Deutschland: Sie ist kaum zu überblicken. Es gibt die offiziellen Bordelle, aber auch illegale Zuhälterei. Es gibt Selbstständige wie Madame Kali, die zudem im Berufsverband organisiert ist.

„Frauen arbeiten lieber als Prostituierte als für wenig Geld Spargel zu stechen“

Aber es gibt auch Studentinnen, die sich als Prostituierte oder Escort-Dame ihr Studium finanzieren. Es gibt Frauen aus anderen Staaten, innerhalb und außerhalb der EU, die mit Sex Geld in Deutschland verdienen – aber nicht bei den Behörden gemeldet sind. „Diese Frauen arbeiten lieber als Prostituierte als auf Feldern für wenig Geld Spargel zu stechen oder in Schlachthöfen Schweine am Fließband zu töten“, sagt Madame Kali. Und es gibt junge Männer und Frauen, die anschaffen, um sich Drogen zu finanzieren.

Wer mit Sozialarbeitern in Hamburg, Berlin oder Kassel spricht, hört vor allem eine Sorge: Das Verbot für Sexarbeit in Zeiten der Pandemie treibt Menschen in die Illegalität. Prostitution findet trotzdem statt – nur wenig kontrolliert. In Privatwohnungen oder in abgelegenen Straßen auf dem Autostrich.

Die Polizei in Städten wie Stuttgart, München, Bochum oder Düsseldorf meldete bereits Ermittlungen. Mehrfach stießen die Behörden auf illegale Bordelle.

In der Armutsprostitution gibt es keine Pause in der Pandemie

Auch Madame Kali, die durch ihre Arbeit im Berufsverband viel aus der Branche hört, sagt: Vor allem Menschen aus der Armutsprostitution könnten sich eine Pause in der Pandemie nicht leisten. „Was jetzt passiert, verdeutlicht anschaulich, welche Folgen ein generelles Verbot der Prostitution hätte: Sexarbeiterinnen würden in eine Parallelwelt abtauchen – und die ehrlichen Anbieterinnen der Dienstleistungen müssten um ihre Existenz fürchten.“

Und Prostituierte werden obdachlos. Vorher konnten sie noch dort schlafen, wo sie gearbeitet haben. Manche Bordellbesitzer erlauben Übernachtungen auch jetzt, ausnahmsweise, so berichten Hilfsorganisationen. In Hamburg sind Prostituierte in einem Hotel untergekommen, das mit Hilfe von Spenden für Obdachlose geöffnet wurde, erzählt eine Streetworkerin in der Hansestadt.

Wer konnte, ist nach Hause gefahren

Doch viele der Frauen vor allem aus Lateinamerika, Afrika und Teilen Osteuropas landen in der Pandemie auf der Straße. Wer in den Märztagen noch schnell zurück in die Heimat reisen konnte, etwa nach Rumänien oder Bulgarien, sei gefahren, berichtet Gabi Kubik, die beim Verein „Sichtbar“ in Kassel Sozialarbeiterin ist. Bis die Grenzen dicht machten.

Sexarbeit ist in Deutschland stark geprägt von Zuwanderung. Frauen etwa aus Lateinamerika oder Afrika könnten jetzt in starke Abhängigkeit zu ihren Vermietern geraten. Kubik kennt Fälle, in denen Frauen geschlagen werden, ihnen Geld abgenommen wird oder sie mit Drogen gefügig gemacht werden.

Kubik befürchtet, dass dieser Missbrauch jetzt wachse. Im Schatten der Kontaktbeschränkungen. Weil Frauen in Notlagen noch abhängiger seien.

Der Berufsverband hat einen Nothilfe-Fonds aufgelegt. Geld für Frauen und Männer, die jetzt nicht einmal eine Wohnung finanzieren können und in Notquartieren unterkommen. Geld für Hygieneartikel und Lebensmittel.

Frauen erkundigen sich nach den Gesetzen zur Prostitution

Doch manche zieht es in der Krise offenbar sogar in die Prostitution. Sozialarbeiterin Kubik erzählt von einzelnen Anrufen in der Corona-Krise, in denen sich nun Frauen nach den Gesetzen zur Prostitution erkunden würden, die bisher nichts mit dem Milieu zu tun hatten.

„Die haben ihre Jobs verloren oder sind in Kurzarbeit und überlegen jetzt, wie sie mit Sexarbeit über die Runden kommen.“ Kubik berät dann über Anmeldung eines Gewerbes beim Ordnungsamt, über Termine bei den Gesundheitsbehörden. Und sie rät dringend davon ab, das Berufsverbot zu brechen. Bisher seien es Einzelfälle. Aber so etwas, sagt Kubik, habe sie in fast 20 Jahren Sozialarbeit noch nicht erlebt.

Denn auch in der Pandemie brauchen Männer und Frauen Geld – und Sex. In Bremen berichtet eine Prostituierte, wie Kunden sie sogar zum Geschäft drängen würden. Auch Domina „Madame Kali“ erzählt von Kolleginnen, die wieder arbeiten. Sie selbst sei vorsichtig, habe Respekt vor der Corona-Erkrankung. Obwohl auch sie sagt: „Ich vermisse meine Stammkunden, so wie sie mich vermissen.“

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