Forschung

Pharmakonzern Sanofi: „America First“ beim Corona-Impfstoff

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Der französische Sanofi-Konzern will einen Coronavirus-Impfstoff zunächst in den USA ausliefern und sorgt damit für massive Empörung.

Berlin. Die Aussage kam in den USA gut an, in Europa löste sie Empörung aus: Der Chef des französischen Pharmakonzerns Sanofi versprach im Interview mit der Nachrichtenagentur Bloomberg, vorrangig die USA mit einem Impfstoff gegen Sars-CoV-2 zu versorgen.

„Die US-Regierung hat das Recht auf die größte Vorbestellung, weil sie sich mit der größten Investition eingebracht und damit einen Teil der Risiken geschultert hat“, sagte Paul Hudson. Die USA hätten mehrere Hundert Millionen Euro zugesagt. In Europa seien seinem Unternehmen keine so hohen Beträge zugeflossen.

EU verhandelt noch über Hilfen für Forschung und Produktion

Damit löste der Sanofi-Chef einen Sturm der Entrüstung aus. Beim Zugang zu einem Coronavirus-Impfstoff dürfe es keine Unterschiede geben, warnte die EU-Kommission. Vizepräsident Margaritis Schinas forderte einen „sicheren, fairen und erschwinglichen Zugang“ zu einem einmal entwickelten Impfstoff „nicht nur für alle Europäer, sondern ebenso für den Rest der Welt“. Mehr zum Thema: Diese Medikamente werden gegen Covid-19 getestet

Die Kommission spricht derzeit mit Unternehmen und Mitgliedstaaten über Hilfen bei Forschung und Produktionsaufbau. Doch betonte Schinas auch die Bereitschaft, bei Bedarf „alle Instrumente“ einzusetzen: Noch ist es zu früh, Sanofi mit finanziellen Konsequenzen zu drohen; die Brüsseler Behörde konnte auf Anfrage zunächst nicht sagen, welche öffentlichen Gelder der Pharmakonzern aus Europa erhält. Die EU ist aber wohl bereit, eine noch schärfere Waffe einzusetzen: Produktion per Zwangslizenz.

Drittgrößter Hersteller von Impfstoffen

Der Sanofi-Konzern ist in seiner heutigen Form 2004 durch die Fusion von Sanofi-Synthélabo aus Frankreich mit dem deutsch-französischen Konkurrenten Aventis entstanden. Dadurch enthält er auch Teile der ehemaligen Hoechst­ AG aus Frankfurt. Der Konzern gibt jährlich sechs Milliarden Euro für Forschung aus.

Mit dem Geschäftsbereich Sanofi Pasteur Vaccines ist der Konzern einer der Weltmarktführer bei Impfstoffen. Analysten von EvaluatePharma sehen Sanofi auf Platz drei hinter GlaxoSmithKline (GSK) und Merck. Der Konzernumsatz stieg im ersten Quartal um sieben Prozent auf neun Milliarden Euro, der Gewinn sprunghaft um 48 Prozent auf 1,7 Milliarden Euro.

Impfstoff dürfte erst Ende 2021 zur Verfügung stehen

Mit der britischen GSK kooperiert Sanofi, um den Impfstoff schneller entwickeln zu können. Tests haben aber noch nicht stattgefunden. Ein erfolgreiches Mittel dürfte frühestens Ende nächsten Jahres zur Verfügung stehen. Lesen Sie auch: Was man zur Coronavirus-Impfstoffstudie wissen muss

Weltweit wird an einem Impfstoff gegen das Coronavirus geforscht, auch in Deutschland. Im März war bekannt geworden, dass US-Präsident Donald Trump versucht haben soll, sich einen exklusiven Zugang zu CureVac aus Tübingen zu sichern. Die Mainzer Firma BioNTech­ führt bereits erste Tests mit einem Impfstoffkandidaten durch.

EU will weltweit eine faire Impfstoffverteilung sichern

Die Äußerungen von Sanofi-Chef Hudson sind ein Rückschlag für die Bemühungen der EU, eine weltweit faire Verteilung des Impfstoffes zu sichern. Die Gefahr nationaler Alleingänge im Blick, hatte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen Anfang vergangener Woche eine Konferenz mit 43 Staaten organisiert, um ein gemeinsames Vorgehen bei der Entwicklung zu sichern. Dabei waren 7,4 Milliarden Euro – 525 Millionen Euro aus Deutschland – zugesagt worden. Die USA hatten an der Konferenz nicht teilgenommen.

Das Bundesforschungsministerium gibt darüber hinaus 750 Millionen Euro für die Impfstoffentwicklung und -herstellung im eigenen Land. „Durch beide Initiativen wird sowohl die Bereitstellung von Impfstoffen für die weltweite Verteilung als auch die Sicherstellung der Impfstoffversorgung in Deutschland unterstützt“, sagte Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU) unserer Redaktion.

Beide Ansätze müssten gleichermaßen verfolgt werden. „Internationale und nationale Anstrengungen zur Impfstoffentwicklung und -herstellung sind zwei Seiten derselben Medaille.“

Notfalls Produktion ohne Genehmigung des Originalherstellers

Der CDU-Europaabgeordnete und Gesundheitsexperte Peter Liese fordert von der EU einen „Plan B“, falls der Impfstoff zuerst in den USA entwickelt werde und Präsident Trump eine Zusammenarbeit ablehne. „Dann ist es möglich, zum Beispiel Zwangslizenzen zu erteilen und Medikamente und Impfstoffe ohne ausdrückliche Genehmigung des Originalherstellers in der EU zu produzieren“, sagte er unserer Redaktion. Auch wenn die USA bei Impfstoffen besser langfristig geplant hätten, sei die Erklärung in dieser Form „eine Provokation“. Lesen Sie auch: Coronavirus – So weit ist die Suche nach dem Heilmittel

Katharina Dröge, parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen, nannte es inakzeptabel, wenn ein Pharmakonzern wie Sanofi versuche, Staaten gegeneinander auszuspielen. „Amerikanischen Egoismus auf Kosten der restlichen Welt darf es nicht geben“, sagte die gesundheitspolitische Sprecherin der FDP, Christine Aschenberg-Dugnus.

Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion drohte Sanofi mit Konsequenzen. „Eine America First Politik würde bei uns sicher zur Prüfung der Zuverlässigkeit des Unternehmens führen“, sagte die gesundheitspolitische Sprecherin Karin Maag.

Droht eine ähnliche Lage wie beim HI-Virus?

Möglich sei auch, dass das neuartige Coronavirus in der Bevölkerung heimisch werde und nie wieder verschwinde, warnte die Weltgesundheitsorganisation WHO. Deren Direktor für Gesundheitsnotfälle, Michael Ryan, verwies auf das HI-Virus. „HIV ist nicht verschwunden – aber wir kommen damit klar“, sagte der irische Epidemiologe.