Corona-Krise

Höhere Reproduktionszahl: Erleben wir einen Rückschritt?

Merkel ruft zu anhaltender Vorsicht gegenüber Coronavirus auf

Nach dem Inkrafttreten weiterer Lockerungen hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die Bürger zu anhaltender Vorsicht gegenüber dem Coronavirus aufgerufen.

Beschreibung anzeigen

In der Corona-Krise wird die Reproduktionszahl größer, die Zahl der Infizierten sinkt, Kanzlerin Merkel mahnt. Wie passt das zusammen?

Berlin. 

  • Am Wochenende lag die Reproduktionszahl des Robert-Koch-Instituts (RKI) zweimal hintereinander über der kritischen Grenze von 1,0
  • Kanzlerin Angela Merkel(CDU) zeigte sich am Montagmorgen im CDU-Präsidium besorgt über das Verhalten einiger Menschen
  • Die tägliche Aktualisierung der Reproduktionszahl durch das RKI sieht Olaf Scholz kritisch
  • Die Länder setzen zahlreiche Lockerungen – kommt das alles zum richtigen Zeitpunkt?

Auf die nächsten Tage kommt es an: Führen die neuen Lockerungen zu einem gefährlichen Anstieg des Infektionsrisikos – oder bleibt das Coronavirus unter Kontrolle? Die aktuelle Ausbreitung zeigt sich immer erst mit einer zeitlichen Verzögerung, doch erste Alarmzeichen gibt es bereits:

Am Wochenende lag die Reproduktionszahl des Robert-Koch-Instituts (RKI) zweimal hintereinander über der kritischen Grenze von 1,0. In mehreren Landkreisen stieg die Zahl der Infizierten innerhalb einer Woche über die Obergrenze von 50 Fällen pro 100.000 Einwohner. Am Wochenende kam es zudem in vielen Städten zu Demonstrationen, bei denen die Teilnehmer bewusst Hygiene- und Abstandsregeln ignorierten.

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) zeigte sich am Montagmorgen im CDU-Präsidium besorgt – etwa über Menschen, die ohne Schutzmasken Einkaufen gingen und das sogar als Mutprobe ansähen. Am Nachmittag appellierte sie dann an die Bundesbürger, sich unbedingt an die Corona-Regeln zu halten. „Das ist ganz wichtig.“ Lesen Sie hier: Christian Drosten reagiert in NDR-Corona-Podcast wütend.

Reproduktionszahl, Neuinfektionen – auf welche Zahl kommt es jetzt an?

Ganz Deutschland schaut auf R. Nachdem das RKI die Reproduktionszahl an zwei Tagen in Folge mit größer als 1 angegeben hat, ist die Aufregung groß.

Denn R schätzt, wie viele Menschen ein Infizierter ansteckt.

  • Liegt der Wert unter 1, geht die Ausbreitung des Virus zurück;
  • liegt er darüber, breitet sich das Virus weiter aus.

„Um die Lage in Deutschland zu erfassen, ist R eine geeignete Größe“, sagt Professor Markus Scholz vom Institut für medizinische Informatik an der Universität Leipzig. Lesen Sie hier mehr: Die Bedeutung der Reproduktionszahl – und ihre Mängel

Zwar sei der Wert mit Unsicherheiten verbunden, trotzdem könne man an ihm ablesen, ob sich das Virus wieder exponentiell ausbreite.

Die Superspreader sind das Problem

Anders bei der Zahl der Neuinfizierten. Gibt es zum Beispiel viele Infizierte in einem Land, ist auch die Zahl der Neuinfektionen hoch – und R kann trotzdem klein sein, die Ausbreitung also zurückgehen. „Oder gucken wir nach Südkorea.“

Dort sei die Zahl der Neuinfektionen derzeit im zweistelligen Bereich sehr gering, durch einen einzelnen Infizierten mit sehr vielen Kontakten, einen sogenannten Superspreader, liege R aber bei 1,5. „Dort wissen sie jetzt: Da ist was im Gange, was man stoppen muss.“

Wichtig sei die korrekte Interpretation der Reproduktionszahl, sagt Scholz. „Liegt der Wert an einzelnen Tagen über 1, bedeutet das noch nicht viel. Kritisch sind längere Zeiträume über 1.“

Leipziger Institut: Reproduktionszahl liegt bei 0,77

Deswegen sieht er die tägliche Aktualisierung der Reproduktionszahl durch das RKI kritisch: „Unserer Meinung nach sollte man R über einen gewissen Zeitraum mitteln, um Schwankungen zum Beispiel durch die Wochenenden besser auszugleichen.“

Sein Institut schätzt die Reproduktionszahl im Wochenrhythmus. Am Montag bezifferte es R bezogen auf die vergangene Woche auf 0,77 – die Ausbreitung ging nach dieser Schätzung also weiter zurück. „Wie sich die Lockerungen auswirken, werden wir vermutlich nächste oder übernächste Woche an R ablesen können“, so Scholz.

Was ändert sich in dieser Woche?

Die Länder setzen weitreichende Lockerungen um – allerdings mit regionalen Varianten: Vielerorts kamen am Montag weitere Schüler-Jahrgänge zurück an die Schulen, Kitas erweitern die Notbetreuung, die Regelungen für den Besuch von Altenheimen werden gelockert. In Nordrhein-Westfalen ist kontaktloser Breitensport wieder erlaubt, seit Montag sind auch die Fitnessstudios wieder geöffnet.

Zudem werden die Kontaktbeschränkungen gelockert: In der Regel gilt nun, dass sich Angehörige von zwei Haushalten wieder treffen dürfen. Regionale Lockerungsschübe gibt es zudem bei Restaurants, Biergärten und Cafés.

Funktioniert die Obergrenzen-Regel?

  • Der Bund hatte den Ländern vergangene Woche weitgehend freie Hand für die Lockerung der Corona-Auflagen gegeben.
  • Vereinbart wurde der Notfall-Mechanismus,
  • die Obergrenze.

Aktuell liegen die Kreise Greiz und Sonneberg in Thüringen sowie Coesfeld in Nordrhein-Westfalen über dieser Grenze.

In allen drei Kreisen gibt es klar identifizierte, lokale Infektionsherde – Pflegeheime, ein Krankenhaus, ein Schlachtbetrieb.

Im Landkreis Greiz soll trotz geplanter landesweiter Lockerungen aufgrund der erhöhten Zahlen weiter ein Besuchsverbot in stationären Pflegeeinrichtungen bestehen. Weitere Entscheidungen sollen am Dienstag folgen.

Wie reagiert die Bundesregierung?

Bundeskanzlerin Merkel steht für einen sehr vorsichtigen Umgang mit der Pandemie. Am vergangenen Mittwoch beugte sie sich dem Druck aus den Bundesländern, die zahlreiche Lockerungen schon vor einem Bund-Länder-Treffen angekündigt hatten. Merkel willigte ein, die Verantwortung für das weitere Infektionsgeschehen (zunächst) in die Hände der Ministerpräsidenten zu geben.

Doch sie treibt die Sorge um, dass ein zu lascher Umgang mit der Pandemie zu einer zweiten Welle von Infektionen führen könne. Deswegen nahm sie am Montag ein nichtöffentliches Gespräch mit Mitarbeitern der Gesundheitsbehörde im Harz zum Anlass, bei einem öffentlichen Statement noch einmal eindringlich zu appellieren.

Merkel mahnt: Abstand halten und Masken tragen

Das Land sei jetzt in einer „neuen Phase der Pandemie“ und es werde notwendig sein, „dass wir bei all den Lockerungen auch wirklich Sicherheit haben, dass die Menschen sich an die Grundgebote halten: Also Abstand, Mundschutz tragen mit Nasenschutz. Aufeinander Rücksicht nehmen“.

Die Kanzlerin, selbst Wissenschaftlerin, ist überzeugt davon, dass der Pandemie nur mit diesen Maßnahmen Einhalt geboten werden kann.

Sachsen-Anhalt war vorgeprescht

Interessanterweise fand das Telefonat der Kanzlerin mit Mitarbeitern eines Gesundheitsamts in Sachsen-Anhalt statt. Das Bundesland verzeichnet vergleichsweise eine geringe Zahl an Covid-19-Fällen. Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) war dann auch der erste, der in der vergangenen Woche mit Lockerungen vorgeprescht war. Er führte eine 5-Personen-Regel in seinem Bundesland ein. Merkel hatte sich darüber sehr geärgert.

Corona-Pandemie – mehr zum Thema