Nachruf

Norbert Blüm – „Rummel-Boxer“ mit sozialem Gewissen

Ex-Minister Norbert Blüm ist tot

Der frühere Arbeits- und Sozialminister Norbert Blüm ist tot. Er war 16 Jahre Arbeitsminister unter Helmut Kohl. Bis zuletzt war er im Fernsehen zu sehen – humorvoll und streitbar.

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Norbert Blüm ist tot. Der frühere Arbeits- und Sozialminister starb im Alter von 84 Jahren. Er gehörte 16 Jahre dem Kabinett Kohl an.

Berlin. Noch vor wenigen Tagen schickte Norbert Blüm einen Brief an Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidenten Armin Laschet. Von seinem Altersruhesitz in der Bonner Südstadt aus wollte er den politisch Verantwortlichen in der Corona-Krise Mut zusprechen. Dabei stand es um den Mann, der 16 Jahre lang Arbeitsminister der Regierung Kohl war und als „soziales Gewissen“ der Union galt, selbst mehr als schlecht. Er war todkrank.

Am Freitagmorgen erreichte die Öffentlichkeit die Nachricht, dass Blüm im Alter von 84 Jahren verstorben ist. Mitte März hatte er in einem Gastbeitrag für die „Zeit“ öffentlich gemacht, dass er nach einer Blutvergiftung schon monatelang an Armen und Beinen gelähmt war. Den Text hatte er seiner Frau Marita diktiert. Nach einer Sepsis sei Blüm ins Koma gefallen und seitdem von den Schultern abwärts gelähmt. In der ihm eigenen Sprache verglich er seine Lage mit der einer Marionette, der die Fäden gezogen wurden, sodass ihre Teile zusammenhangslos in der Luft baumeln.

Norbert Blüm kämpfte unter Kohl die Pflegeversicherung durch

Der nordrhein-westfälische Arbeitsminister Karl-Josef Laumann, zugleich Chef des Sozialflügels der Union, nannte Blüm am Freitag den „prägendsten Sozialpolitiker der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg“. Als „ewiger Sozialminister“ bis zum Ende der Ära Kohl 1998 kämpfte Blüm die Einführung der Pflegeversicherung durch, ohne die heute eine Million Bedürftige nicht weiter wüssten.

Er meisterte die Integration von Millionen DDR-Bürgern in ein gesamtdeutsches Sozialsystem. Verbunden wird Blüm aber eher mit einer viel zitierten Plakataktion aus dem Jahr 1986: „Denn eins ist sicher: die Rente“, klebte der Minister im weißen Kittel an eine Litfaßsäule. Es wurde ihm als zweifelhaftes Rentenversprechen ausgelegt. „Die Rente ist sicher“ wurde zum geflügelten Wort.

In der Parteispendenaffäre überwarf er sich mit Kohl

Der Witz und die Wärme des „Herz-Jesu-Marxisten“, wie ihn Franz-Josef Strauß verspottete, haben der CDU lange geholfen, als breite Volkspartei wahrgenommen zu werden. Der Anhänger der katholischen Soziallehre mochte die Menschen und verstand sich als politischer „Rummel-Boxer“, der jedoch fair kämpfte. Der weiche Dialekt half dem kleingewachsenen Arbeitersohn aus Rheinhessen dabei, gerne unterschätzt zu werden.

Von großer Tragik war sein Verhältnis zum jahrzehntelangen Freund Helmut Kohl, mit dem er große Erfolge feierte und sich später in der Parteispendenaffäre überwarf. Sie wollten nichts mehr voneinander wissen. Trotzdem ging Blüm 2017 demonstrativ zu Kohls Beerdigung. Im Tod werden bei einem wie ihm keine Feindschaften fortgesetzt.

In der Flüchtlingskrise schlug Blüm sein Zelt in Idomeni auf

Auch ohne Ämter blieb Blüm bis ins hohe Alter ein politischer Mensch. In der Flüchtlingskrise setzte er 2016 ein besonderes Zeichen. Als in Idomeni an der nordmazedonisch-griechischen Grenze bis zu 40.000 Menschen festsaßen, schlug der da schon 80-jährige Blüm zwischen den Flüchtlingen sein Zelt auf.

Er konnte die abendlichen Tagesschaubilder nicht mehr ertragen und campierte aus Solidarität im Dreck neben den Flüchtlingsfamilien. „Kulturschande Europas“ nannte Blüm die Zustände, die vielen auch aus der eigenen Partei eher gleichgültig waren.

Blüms Leitsatz: „Bleib immer du selbst, lass dich nicht verbiegen“

Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU), eigentlich einer der harten Hunde der Innenpolitik und Vertreter einer Null-Toleranz-Linie, hat in den 90er-Jahren eng mit Blüm zusammengearbeitet. Von 1987 bis 1999 war Blüm als Zugereister Chef der NRW-CDU, Reul sein Generalsekretär. Die störrische Prinzipientreue des Chefs hat er immer bewundert.

„Den wichtigsten Lehrsatz hat er mir ganz am Anfang gesagt: Bleibe immer Du selbst, lass Dich nicht verbiegen. Das hat mir in meinem ganzen politischen Leben viel geholfen“, erinnerte sich Reul am Freitag.

Härter werdendes Polit-Geschäfts war zuletzt nicht mehr seine Welt

Als der große Politik-Zirkus 1999 nach Berlin umzog, blieb Blüm dem beschaulichen Bonn treu. Mit Ehefrau Marita zog er hier drei Kinder groß. Seine Auftritte beim Aachener Karnevalsorden „Wider den tierischen Ernst“ haben bis heute Kultstatus. Als Spitzenpolitiker noch gefahrlos als Büttenredner auftreten konnten, vollbrachte Blüm sogar einmal einen Kopfstand in einer Mülltonne. Sohn Christian wurde Schlagzeuger der Kölschrock-Band Brings.

Die Beschleunigung des politischen Geschäfts durch die sozialen Medien und die Härte der persönlichen Auseinandersetzung verfolgte er bis zuletzt mit Befremden. Das war erkennbar nicht mehr seine Welt.

Steinmeier würdigt Blüm als „herausragende Persönlichkeit“

Welche Lücke der Tod von einem wie „Nobby“ Blüm in die politische Landschaft reißt, war am Freitag auch aus der Vielzahl prominenter Kondolenzschreiben herauszulesen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier würdigte Blüm als leidenschaftlichen Politiker und „herausragende Persönlichkeit“ in der Geschichte Deutschlands.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die in den 90er-Jahren Blüms Kabinettskollegin war, erklärte, dieser habe die soziale Marktwirtschaft „entscheidend mitgeprägt“. NRW-Ministerpräsident Laschet hob auf die Popularität dieses ungewöhnlichen Politikers ab: „Mit Norbert Blüm verliert unser Land eine der bekanntesten und zugleich beliebtesten Persönlichkeiten der Nachkriegsgeschichte.“ Mit ihm habe man lachen „und ihm stundenlang zuhören“ können, so Laschet.