Unabhängigkeit

Mehrheit der Schotten will in EU zurück – was macht Johnson?

Schottisches Parlament für erneutes Unabhängigkeitsvotum

In Schottland hat sich das Parlament mehrheitlich für ein zweites Unabhängigkeitsreferendum ausgesprochen. Die Regierung in London müsste zustimmen, hat aber wiederholt ausgeschlossen, ein weiteres Referendum zuzulassen.

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Regierungschefin Nicola Sturgeon fordert ein zweites Unabhängigkeitsreferendum. Brüssel zeigt Verständnis für die Brexit-Frustration.

Edinburgh/London. Als die schottische Regierungschefin Nicola Sturgeon ankündigte, die Europaflagge auch nach dem EU-Austritt über ihrem Regierungssitz wehen zu lassen, verurteilte der „Daily Express“ die Aktion als ein „Komplott, gegen den Brexit zu protestieren“.

Sturgeon dürfte es Freude bereiten, die rechtskonservativen Engländer zu ärgern – aber mit ihrer proeuropäischen Haltung ist es ihr überaus ernst. Seit dem Brexit-Votum klagt sie, dass Schottland gegen den Willen der Bevölkerung aus der Europäischen Union gezerrt wird. Dies sei Grund genug, die Trennung vom Rest des Königreichs einzuleiten.

Schottland stimmte 2016 für den Verbleib in der Europäischen Union

Im ersten Referendum 2014 hatten die Schotten die Unabhängigkeit mit 55 Prozent zurückgewiesen. Aber der Brexit und der damit einhergehende englische Nationalismus, der in den vergangenen Jahren immer spürbarer wurde, hat viele gegen die Regierung in London aufgebracht. Schottland stimmte 2016 mit 62 Prozent für den Verbleib in der EU – nirgendwo sonst im Land ist die proeuropäische Stimmung so stark wie hier.

Wie tief der politische Graben zwischen England und Schottland ist, wurde erneut in der Parlamentswahl im Dezember deutlich: Während in England die Tories triumphierten, gewann die Scottish National Party (SNP) 48 von 59 schottischen Sitzen.

Glasgow: 80.000 Schotten demonstrierten für Unabhängigkeit

Noch vor Weihnachten forderte Sturgeon von Boris Johnson, er solle grünes Licht geben für ein erneutes Referendum über die Eigenstaatlichkeit (ein Plebiszit erfordert die Zustimmung Londons). Zwar ist Johnson bislang unnachgiebig und will ein zweites Referendum nicht zulassen. Aber es fragt sich, wie lange London sich querstellen kann. Unabhängigkeit? Jetzt bietet Schottland London die Stirn.

Wie stark die Unabhängigkeitsbewegung ist, zeigte sich am 11. Januar: Rund 80.000 Bürger zogen an dem Tag durch die schottische Großstadt Glasgow, um für die Abspaltung von England zu werben – es war die größte Demo für die Unabhängigkeit seit vielen Jahren.

Unabhängigkeit für Schottland: Statistiken sind eindeutig

Auch die neuesten Umfragen dürften die Regierung in London beunruhigen: Gleich zwei Erhebungen zeigen, dass immer mehr Schotten Lust auf Unabhängigkeit haben. Das Forschungsinstitut Panelbase sieht die Unterstützung für die Eigenstaatlichkeit bei 52 Prozent – fünf Prozent mehr als im Dezember.

Der renommierte Meinungsforscher John Curtice sagte dem Sender BBC, dass es sich um eine deutliche Verschiebung handle – und dass die Zunahme der Abspaltungsgelüste dem Brexit geschuldet sei: „Jetzt, wo der Brexit vollzogen ist, sieht es so aus, als hätten viele Remain-Wähler die Seiten gewechselt.“ Er fügte hinzu, dass der Brexit damit an den Grundfesten der britischen Union rüttle.

In Brüssel hat man Verständnis für schottischen Freiheitsdrang

In Brüssel stößt die Brexit-Frustration der Schotten auf viel Verständnis. Vor wenigen Tagen sagte der ehemalige EU-Ratspräsident Donald Tusk, dass alle in Brüssel „begeistert“ wären, wenn sich Schottland um eine Mitgliedschaft in der EU bewerben würde. Freilich gäbe es einige Formalitäten zu erledigen, aber in Kontinentaleuropa gebe es sehr viel Mitgefühl für die Schotten.

Großbritannien hat die Europäische Union am 31. Januar 2020 verlassen – für manche war es ein Tag der Freude, für andere eine bittere Enttäuschung. Der britische Premier Boris Johnson hat offenbar auch nicht vor, die Beziehung zur EU zu kitten. Er wies am Montag zentrale Forderungen der EU-Seite für einen künftigen Handelsvertrag barsch zurück.