Interview

Bauernpräsident fordert: „Lebensmittel müssten teurer sein“

Joachim Rukwied, Präsident des Bauernverband.

Joachim Rukwied, Präsident des Bauernverband.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Bauernpräsident Joachim Rukwied über Kaufentscheidungen an der Fleischtheke, mutige Jungbauern – und die Angst vor der Schweinepest.

Berlin. Treckerdemos in den Großstädten, Hupkonzerte vor dem Reichstag: Die deutschen Bauern sind sauer. Auf die Politik, weil sie ihnen so viele Vorschriften macht. Auf die Naturschützer, weil die ihnen so viele Vorwürfe machen. Ein wenig auch auf die Kunden, weil viele nicht bereit sind, angemessene Preise für hochwertige, regional erzeugte Lebensmittel zu bezahlen.

Kurz vor der Grünen Woche, der wichtigsten deutschen Agrarmesse, erklärt Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen Bauernverbands, warum soviel Druck im Kessel ist.

Herr Rukwied, nach der Schlemmerei der Weihnachtstage nutzen viele den Januar, um eine Zeit lang auf Alkohol, Zucker oder tierische Produkte zu verzichten. Gibt es etwas, auf das Sie jetzt verzichten?

Joachim Rukwied: Nein. Ich genieße unabhängig von der Jahreszeit, dann wenn ich Lust dazu habe. Ich versuche mich eigentlich das ganze Jahr über ausgewogen zu ernähren. Ich esse Fleisch, Fisch und Gemüse. Und Brot gibt‘s im Nachbardorf beim Bäcker.

Fleischverzicht kann dem Klima guttun: Wird weniger Fleisch produziert, reduziert sich der CO2-Ausstoß. Wie stellen sich die deutschen Landwirte darauf ein?

Rukwied: Wir wollen niemandem vorschreiben, wie viel Fleisch er isst. Aber wir appellieren an die Kunden, Qualitätsprodukte zu kaufen. Sie sollten auch bei Bio-Produkten schauen, dass es regionale Produkte sind. Die Landwirte ihrerseits können die Fleischproduktion klimafreundlicher machen und die Emissionen reduzieren. Ein Beispiel: Bei der Tierhaltung gehen heute 20 bis 25 Prozent der Ausscheidungen in Biogasanlagen, die Menge ließe sich auf 60 Prozent steigern. Forscher sind zudem dabei, Futtersorten zu entwickeln, die bei der Verdauung im Tiermagen zu weniger klimaschädlichen Emissionen führen.

Die konventionelle Landwirtschaft ist Ziel massiver Kritik: Verstöße gegen das Tierwohl, die Überdüngung der Böden, die Monokulturen. Können Sie jungen Leuten überhaupt noch raten, Bauer zu werden?

Rukwied: Landwirtschaft wird es immer geben. Ein Land ohne Landwirtschaft hat keine Zukunft. Wer Freude an diesem Beruf hat, der sollte das auch heute tun. Aber es ist eine Herausforderung. Und die hat sich durch den gesellschaftlichen Druck noch mal verstärkt.

Die Proteste im vergangenen Jahr haben gezeigt, dass die Bauern sich nicht wertgeschätzt fühlen

Rukwied: Wir würden uns freuen, wenn die Leute anerkennen würden, dass sich die Landwirte verändert haben. Dass sie längst umsetzen, was von der Politik gefordert wird. Beim Tierwohl, bei der Fruchtfolge auf dem Feld, aber zum Beispiel auch beim Naturschutz: Wir haben 2019 zusammengerechnet 230.000 Kilometer insektenfreundliche Blühstreifen angelegt, fünf Meter breit. Ich hoffe, dass sich die Fläche in diesem Jahr noch erweitert. Man muss aber auch sehen: Der Aktionsplan Insektenschutz der Bundesregierung hat für massiven Ärger gesorgt. Wir könnten hier viel mehr tun – aber dieser Vorschlag wirkt eher demotivierend.

Wer Produkte aus der Region kauft, stärkt die heimischen Bauern. Brauchen wir eine Quote für regionale und saisonale Produkte in öffentliche Kantinen?

Rukwied: Es ist wichtig, dass in Kantinen von Kitas, Schulen oder Krankenhäusern ein Großteil der Produkte aus der Region kommt. Wichtig ist aber auch: Wir brauchen mehr Wertschätzung von Lebensmitteln. Die Menschen in Deutschland geben im Vergleich zu anderen europäischen Ländern relativ wenig Geld für Lebensmittel aus. Woanders liegt die Quote bei etwa 15 Prozent, bei uns liegt sie bei rund zehn Prozent vom Haushaltseinkommen. Die Lebensmittel in Deutschland sind im Vergleich sehr hochwertig – haben aus Sicht der Landwirte aber einen zu geringen Preis. Sie müssten teurer sein. Doch die Nachfrage ist nicht groß genug: Nur 20 Prozent der Verbraucher kaufen bewusst regionale, saisonale, höherwertige Lebensmittel. Viele andere könnten es, tun es aber noch nicht. Die müssen wir noch erreichen.

Die Bundesregierung will bis 2035 erreichen, dass 20 Prozent der Landwirtschaft in Deutschland nach Öko-Standards bewirtschaftet werden. Ist das machbar?

Rukwied: Wenn der Markt mitgeht, geht das. Wir haben aber heute schon die Lage, dass Ware von Landwirten, die gerade ihren Betrieb auf Bio umstellen, zum Teil nicht verkauft werden kann. Im Juli 2019 gab es allein in Brandenburg noch 50.000 Tonnen unverkauften Roggen aus Umstellungsware der Ernte 2018. Es gibt auch viele Milchviehhalter, die gerne umstellen wollen, dann aber von den Molkereien hören, dass sie nur den Preis für konventionelle Milch erwarten können, weil es keinen Markt dafür gibt. Mittlerweile werden auch Bio-Produkte als Aktionsware zu günstigen Preisen angeboten, um neue Käuferschichten anzusprechen. Aber in Bio-Qualität zu produzieren, kostet nun mal mehr. Das wird nicht tragen können.

Seit Januar wissen wir, dass die Afrikanische Schweinepest praktisch direkt vor der Tür steht. Ist Deutschland darauf vorbereitet?

Rukwied: Ich hoffe es. Die Bundesländer haben Managementpläne. Wir haben große Sorge, dass das Virus die Grenze überschreitet. Wir sollten mit deutscher Hilfe einen Zaun auf der polnischen Seite errichten, damit keine infizierten Wildschweine zu uns kommen. Das andere sind die Folgen für den Export von Schweinefleisch im Fall eines Ausbruchs in Deutschland. Es darf nicht sein, dass ganz Deutschland den Export nach China komplett einstellen muss, wenn es, sagen wir, in Brandenburg einen Ansteckungsfall gibt. Die Bundesregierung muss sich hier schnell und mit entsprechendem Nachdruck für eine Änderung des Exportabkommens einsetzen. China ist ein immens wichtiger Markt für die deutschen Schweineproduzenten.

Wann rechnen Sie mit ersten Fällen in Deutschland?

Rukwied: Das kann niemand seriös beantworten. Sie kann morgen da sein oder uns komplett verschonen.

Die Bundesregierung ist dabei, ein freiwilliges staatliches Tierwohllabel einzuführen. Wie bereiten sich die Landwirte vor?

Rukwied: Für 24 Prozent der Mastschweine und 70 Prozent des Geflügels haben sich durch unsere eigene Initiative Tierwohl die Haltungsbedingungen verbessert. Das ist ein Erfolg. Das staatliche Tierwohllabel dagegen ist noch nicht fertig. Für den Fall, dass das Label noch kommen sollte, werden wir es positiv begleiten. Aber das kann noch dauern. Es gibt bislang keine politische Einigung in der Großen Koalition.