Frauengold-Kolumne

Danke, #Umweltsau! Endlich streiten wir Generationen

Hey, du alte Umweltsau, sagt der Enkel zur lieben Omi. Ja und?

Hey, du alte Umweltsau, sagt der Enkel zur lieben Omi. Ja und?

Foto: imago stock&people / imago/Westend61

Die Oma ist ne Umweltsau? Ist doch wunderbar, findet unsere Kolumnistin. Da können die Generationen endlich wieder richtig streiten.

Berlin. Ich bin ein Boomer. Ich könnte theoretisch bald eine Oma sein. Los Leute, lasst es raus: Diese Generation, die unsere überbevölkerte Gesellschaft prägt, ist doch schuld am drohenden Weltuntergang durch den Klimawandel. An diesem ganzen Elend in den vollen Städten.

Wenn wir nicht so verdammt viele wären, dann müsste es keinen Mietendeckel geben, schließlich sind wir es ja, die mit dicken Doppelgehältern die Immobilienpreise in den Innenstädten hochtreiben und mit unseren Range Rovern und Mercedes M-Klassen die Straßen verstopfen.

Ohne uns wären die Großraumwaggons der ICE leer wie die Theater, Museen, Kreuzfahrtschiffe, Skiresorts. Wir würden nicht mehr als Rucksack-Oldies die Dolomiten bevölkern oder unsere gestählten Muskeln beim Kitesurfen in Brasilien demonstrieren.

Weg mit der Oma-Umweltsau – das wäre die Klimarettung

Ohne uns würde es überall von allem viel weniger geben. Meine Güte, wäre das gut für das Klima. Insofern ist es prima, dass ein böses Kinderliedchen uns, die wir bald Oma sind, schon mal vor Augen führt, wie wir enden werden: Als Sau.

Klar, da wehren wir uns doch! Satire hin oder her: Wer will schon beschimpft werden. Und schon ist er da, der Generationenkonflikt. Ganz ehrlich: Das ist eine richtig gute Sache, denn das hat uns schlicht gefehlt.

Diese Harmoniesucht zwischen den Generationen hat ja sogar schon die Wissenschaft auf den Plan gerufen. Die Kinder könnten sich nicht richtig entwickeln, hieß es bislang. Sie bräuchten die Auseinandersetzung mit den Eltern, um sich abgrenzen zu können. Das sei schließlich nötig für die Entwicklung einer eigenen Identität, einer eigenen Haltung.

Ein echter Generationenkonflikt – das hat uns doch gefehlt

Die Jugend sei doch viel zu konform, und das führe tatsächlich zu einer mangelhaften Empathiefähigkeit. Weil Kinder sich so gut mit ihren Eltern verstehen, dass sie kaum Grenzen empfinden, hätten sie keine Probleme damit, zum Beispiel Kinderpornos zu verbreiten oder Mitschüler per WhatsApp zu mobben bis zum Suizid.

Das Mem „Ok Boomer“ ist schon seit ein paar Wochen ein Versuch, diese Harmoniesoße zwischen den Generationen zu verwässern. Aber das war ja noch lustig, so ganz nach dem Motto: „Kind, nimm den Schal mit“, sagt die Mutter. „Und geh nicht wieder bauchfrei“. „Ok, Boomer“, sagt das Teenie-Kind mit rollenden Augen. „Du bist ja wie Oma…“ .

Ein guter Konflikt braucht echten Streit

Wir aber brauchen den echten Konflikt, der ist nicht lustig, und da reicht kein Augenrollen. Ein echter Konflikt funktioniert nur mit echtem Streit. Insofern ist dem WDR etwas ganz Großes gelungen: Da lässt ein jugendlicher Satiriker ein paar Kinder die Omas beschimpfen, und schon stehen die Generationen Kopf.

Mag ja sein, dass sich jetzt die kleinen Chormädchen komisch fühlen, weil ja eigentlich ihre Oma doch ganz lieb ist, schon lange den Müll trennt und mit dem Hollandrad einkaufen fährt. Und der SUV vom Opa, der sei doch mit seinen neuen Hüften beim Einsteigen ganz praktisch.

Die liebe Omi entpuppt sich als hedonistischer Klimakiller

Euch sei gesagt: Glaubt nicht das Zeug, eure Oma sei ja gar nicht gemeint. Sondern die Oma an sich, die für die ältere Generation stehe, die sorglos ihren Konsum auslebt. Natürlich ist eure liebe Omi gemeint. Sie ist in dem Lied das Symbol für einen hedonistischen Klimakiller-Lebensstil: Das ist natürlich echt krass.

Wer ein Vorbild sein will im Kampf gegen den Klimawandel, der reist am besten gar nicht, kauft nicht im Supermarkt, verzichtet auf den Stromfresser Netflix. Das ist schon langweilig, oder? Na ja, das ist eben ein wenig wie gestern. Oder: Wie damals bei Oma.

Ach so, dann ist die Oma ja gar keine Umweltsau? Ist doch völlig egal. Darum geht es doch gar nicht. Worum dann? Das versteht ja noch nicht mal der WDR. Ansonsten hätte er nicht sofort, als der (rechtsextreme) Shitstorm losging, das böse Kinderliedchen von der Homepage genommen, sondern der Empörung stand gehalten. Das Fazit der ganzen Geschichte: Hauptsache, wir reden darüber.

Und nun, als Epilog, mein Oma-Gedicht. Wer dichtet mit?

„Meine Oma kriegte Hühner ohne (Fisch-)Mehl satt, ohne Mehl satt, ohne Mehl satt, sie trug die Pastinaken im Einkaufsnetz in ihre Kleinstadt, meine Oma war ganz arm und trotzdem schlau!

Ihre Tochter kämpfte früh gegen das Ozonloch, Ozonloch, Ozonloch, sie ging auf Demos gegen Nato-Raketen und Atomschrott, und die Grünen kämpften gegen Franz Josef Strauß.“