Breitscheidplatz

Attentat auf Weihnachtsmarkt gibt noch immer Rätsel auf

Eine Schneise der Verwüstung: Der Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz kurz nach dem Anschlag.

Eine Schneise der Verwüstung: Der Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz kurz nach dem Anschlag.

Foto: Bernd von Jutrczenka / dpa

Drei Jahre nach dem Anschlag in Berlin bleibt unklar, wie groß das Netzwerk des Islamisten Anis Amri war – und ob er Mitwisser hatte.

Berlin. Am Abend bevor Anis Amri mit einem 40 Tonnen schweren Lastwagen über Menschen rast, sitzt er in einem kleinen arabischen Imbiss im Berliner Stadtteil Wedding. Es gibt hier Pommes und gebratenes Hühnchen. Die Überwachungskamera filmt, wie Amri mit einem Mann am Tisch sitzt und spricht. Wie Amri ist auch Bilel Ben Ammar Tunesier. Auch er wird in den Wochen danach eine entscheidende Rolle spielen.

Nicht nur Amri, sondern auch weitere Islamisten wie Ben Ammar stehen im Mittelpunkt der Aufarbeitung eines Anschlags, der zwölf unschuldige Menschen das Leben kostete. Am 19. Dezember 2016, kurz vor 20 Uhr, kaperte Amri einen Lastwagen, erschoss den polnischen Fahrer und raste in die Menge auf dem Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz.

Drei Jahre danach dauert die Aufklärung des Falls an, sind Untersuchungsausschüsse in Bund und Ländern damit befasst, Netzwerke hinter dem Dschihadisten zu beleuchten und Pannen der Sicherheitsbehörden zu benennen. Bis heute bleiben Fragen in dem Fall offen

Konnten die Sicherheitsbehörden die Tat lückenlos aufklären?

Nein. Noch immer sind vor allem die Stunden unmittelbar vor und nach der Tat brisant. Kurz vor dem Anschlag besucht Amri noch einmal die Fussilet-Moschee in Berlin-Moabit, für viele Jahre ein zentraler Treffpunkt der deutschen Islamistenszene. Wen er dort sieht und spricht, ist bis heute nicht bekannt. Lagerte in der Moschee die Pistole, mit der Amri den Lkw-Fahrer erschoss?

Nach der Tat konnte Amri fliehen. Nach bisheriger Erkenntnis stieg er aus dem Lastwagen, flüchtete vom Tatort. Die Polizei entdeckte Identitätspapiere des Attentäters im Lastwagen. Allerdings: erst rund 20 Stunden nach dem Anschlag.

In dieser Zeit verschwand Amri aus dem Visier der Sicherheitsbehörden, reiste über die Niederlande und Frankreich nach Italien. Dort wurde er durch italienische Polizisten erschossen. „Hier müssen die europäischen Sicherheitsbehörden bessere Notfallmechanismen erarbeiten“, sagt CSU-Politiker und Obmann seiner Fraktion im Untersuchungsausschuss im Bundestag, Volker Ullrich, unserer Redaktion.

Klar ist bisher auch, dass Amri nie isoliert war vom harten Kern der dschihadistischen Szene. Im Gegenteil: Er war mittendrin. Am Abend vor der Tat war das Treffen mit Islamist Ben Ammar.

Und schon in den Monaten und Wochen vor dem Anschlag hatte Amri Kontakt mit dem Islamisten Clement B., der derzeit in Frankreich in Haft sitzt. Er soll dort einen Anschlag geplant haben. Und auch B. und Amri hatten nach Recherchen unserer Redaktion Pläne für ein Attentat in Deutschland – noch vor dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt. Darauf weisen Chats der beiden hin, die das Einkaufszentrum Gesundbrunnen als Ziel nahelegen.

Auch in einer Islamisten-Moschee in Hildesheim war Amri Gast, traf „Abu Walaa“, den Kopf der deutschen Zelle der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ . All diese Kontakte zeigen, dass Amri Teil eines „globalen Dschihads“ war. Aber gab es Mitwisser in diesem Netzwerk? Sogar Mittäter? Belege dafür fehlen bisher.

Die Indizien aber sind gravierend. Ben Ammar, der Amri-Freund, hatte sogar Fotos auf seinem Handy gespeichert, die den Breitscheidplatz zeigen. Schon Monate vor der Tat – weitere Bilder kurz danach. Ben Ammar allerdings können die deutschen Ermittler nicht mehr zu dem Anschlag befragen. Die Polizei schob den Islamisten Wochen nach dem Attentat nach Tunesien ab.

Welche Fehler begingen die Sicherheitsbehörden?

Vor allem einen: Sie erkannten die Gefahr nicht, die von Anis Amri ausging. Jedenfalls nicht alle entscheidenden Ermittler. Immer wieder machten vor allem die Polizisten aus Nordrhein-Westfalen darauf aufmerksam, dass Amri bereit für eine Bluttat sei. Vor allem die aktuellen Aussagen eines Kriminalbeamten legen nahe, dass die Sicherheitsbehörden des Bundes die Gefährlichkeit Amris nicht erkannten oder sogar heruntergespielt haben.

Die Ermittler in NRW hatten eine gut vernetzte Quelle in der Islamistenszene, „VP 01“ . Schon im November 2015 hörte diese von einem Anis, einem jungen Tunesier, der entschlossen sei, Waffen zu beschaffen und loszuschlagen. Mehrfach drängten die Ermittler darauf, Amri als Top-Gefährder einzustufen. Doch das Bundeskriminalamt redete die Angaben des Informanten klein .

Doch gilt auch: Überwachungsmaßnahmen und Auswertungen von Amris Handy ergaben nichts. Die Berliner Ermittler waren überfordert, die Polizisten in NRW frustriert. Schon bald landete der Fall des Tunesiers nicht mehr auf dem Tisch im Gemeinsamen Terrorismusabwehrzentrum in Berlin. Und geriet aus dem Fokus.

Wie hat sich Deutschland seit dem Anschlag verändert?

Vor allem eines ist sichtbar geworden: die großen und schweren Poller aus Beton. Sie schützen seit 2016 nicht nur Weihnachtsmärkte in Deutschland, sondern auch manche Fußgängerzone. Doch auch in den Sicherheitsapparaten gab es Aufwuchs: an Personal, allein bei Polizei und Geheimdiensten Tausende Stellen in Bund und Ländern.

Aber auch bei den Befugnissen gab es Zuwachs: Sogenannte Gefährder kann der Staat per Fußfessel überwachen. Die Polizeigesetze werden verschärft, Ermittler können leichter auch Menschen unter 18 Jahre ins Visier nehmen. Nach Plänen des Innenministers soll auch der Inlandsgeheimdienst bald verschlüsselte Messengerdienste wie WhatsApp in Ausnahmefällen überwachen können.

Zudem greift der Bund beim Ausländerrecht schärfer durch. Fast einhundert sogenannte Gefährder hat die Polizei in den vergangenen Jahren in ihre Heimat abgeschoben.

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