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Alexander Gauland zieht sich von AfD-Vorsitz zurück

Alexander Gauland will nur noch die Bundestagsfraktion, aber nicht mehr die gesamte Partei führen.

Alexander Gauland will nur noch die Bundestagsfraktion, aber nicht mehr die gesamte Partei führen.

Foto: Sean Gallup / Getty Images

Eigentlich wollte Alexander Gauland den AfD-Vorsitz geordnet übergeben. Doch die Frage nach dem Nachfolger wird im Kampf entschieden.

Berlin. Welchen Unterschied mehr als vier Jahrzehnte Erfahrung in der Politik ausmachen, lässt sich im August auf einer Bühne in Ostsachsen besichtigen: Da spult Alexander Gauland, nach 40 Jahren CDU-Mitgliedschaft nun Chef der AfD, routiniert sein Wahlkampfprogramm ab. Passt seine Standardrede mit ein bisschen Lokalkolorit an den Ort des Termins an, wartet an den richtigen Stellen, bis der Applaus verebbt. Der Parteichef weiß, wie er das Publikum gewinnt.

Bei seinem Vorredner hatte das noch nicht so routiniert geklungen. Ein bisschen zu schnell hatte der gesprochen, nach den Pointen ein bisschen zu lange auf Beifall gewartet, der nicht immer kam. Dabei war es ein Heimspiel: Denn Tino Chrupalla ist Bundestagsabgeordneter für die Region – und möglicher Nachfolger Gaulands als Parteichef.

Am Wochenende kommt die Partei in Braunschweig zum Bundesparteitag zusammen. Dort, das stand schon länger im Raum, will Co-Parteichef Gauland den Staffelstab übergeben. Der 78-Jährige würde sich lieber auf das Amt des Fraktionschefs konzentrieren, die Doppelbelastung ist hoch.

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Curio hat Unruhe in die Übergabe gebracht

Übernehmen soll Chrupalla. Der Malermeister aus Sachsen hat einen zügigen Aufstieg hinter sich: 2015 in die Partei eingetreten, holte der 44-Jährige bei der Bundestagswahl 2017 aus dem Stand das Direktmandat für den Wahlkreis Görlitz und machte damit CDU-Schwergewicht Michael Kretschmer arbeitslos. Der Sieg wurde belohnt mit einem Posten als stellvertretender Fraktionschef im Bundestag. Dort räumte er die Finanzen auf, erwarb sich so die Dankbarkeit von Fraktionschefin Alice Weidel.

Doch die geordnete Übergabe steht infrage. Durcheinandergeworfen hat die Kalkulation unter anderem Gottfried Curio. Der 59-jährige Physiker und Kirchenmusiker hat sich vor allem durch seine sehr scharfen, migrations- und islamfeindlichen Reden einen Namen gemacht: Er warnt vor einem „Geburten-Dschihad“, nannte vollverschleierte Frauen einen „Sack, der spricht“.

Im Gutachten des Verfassungsschutzes über die AfD taucht Curio im Abschnitt zu völkischen Äußerungen auf. Auf Youtube und an der Parteibasis haben ihm diese Reden Sympathien eingetragen. In der Fraktion sieht man das aber nicht als Ausweis von Qualifikation für höhere Ämter, bei Fraktionswahlen fiel er bisher durch.

Eine gute Rede kann die Pläne der Parteispitze zunichtemachen

Trotzdem hatte die Nachricht von seiner Kandidatur Unruhe in die Partei gebracht – und den Namen Gauland vorübergehend wieder ins Spiel, bevor er entschied, bei der Absage zu bleiben. Das liegt am volatilen Charakter von AfD-Parteitagen: Eine Rede, die die Delegierten bewegt – man könnte auch sagen: aufpeitscht – kann die Pläne der Parteispitze zunichtemachen. So passiert vor zwei Jahren, als fast Doris von Sayn-Wittgenstein Parteichefin geworden wäre. Eine Stimme mehr hätte eine Frau zur Parteichefin gemacht, die die Partei am Ende wegen Verbindungen zu einem rechtsextremen Verein rauswarf.

Damals war es der „Flügel“ – die völkisch-nationalistische Strömung der Partei um Björn Höcke und Andreas Kalbitz –, der mit seiner Unterstützung für Sayn-Wittgenstein für Unruhe gesorgt hatte. Dieses Mal steht die Gruppe hinter Chrupalla, auch wenn der sich nicht zum „Flügel“ zählt. Gaulands Nachfolger müsse jemand sein, „der dafür sorgen kann, dass es nicht zu einer Blockbildung kommt und der die Einheit der Partei wahrt“, sagt Andreas Kalbitz, Landeschef der Partei in Brandenburg und prominenter Vertreter des „Flügels“.

Er persönlich schätze Tino Chrupalla „als sehr ausgleichenden Charakter“. Der Sachse würde auch dem Wunsch nach mehr Repräsentation für die „Flügel“-dominierten ostdeutschen Landesverbände entsprechen, den sie nach den für die AfD erfolgreichen Landtagswahlen angemeldet hatten.

Doch Chrupalla ist nicht der einzige Ostdeutsche, der antritt: Auch Dana Guth gilt als Interessentin für den Posten. Sie ist Landeschefin in Niedersachsen, aber in der DDR geboren.

Parteichef Meuthen muss sein Amt verteidigen

Bevor sich entscheidet, wer auf Gauland folgt, muss Jörg Meuthen sein Amt als Parteichef verteidigen. Anders als beim letzten Mal wird er dabei wohl Konkurrenz haben. Die Bundestagsabgeordnete Nicole Höchst will ihn dem Vernehmen nach herausfordern. Im Bundestag wettert sie unter anderem beim Thema Sexualaufklärung in der Schule.

Schlagzeilen machte eine Kleine Anfrage im Bundestag, in der sie nach Behinderungen durch inzestuöse Beziehungen in Mi­grantenfamilien gefragt hatte. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) verglich sie mit Adolf Hitler – eine Aussage, die sie im Interview mit dem ZDF in dieser Woche verteidigte.

Das alles reicht eigentlich nicht, um Konkurrenz für den derzeitigen Parteichef zu sein. Doch Höchst könnte Stimmen einsammeln von „Flügel“-Leuten, die Meuthen übel nehmen, dass er in den vergangenen Monaten von der Gruppe abgerückt war. Auf dem Kyffhäuser-Treffen des „Flügels“ war der Co-Parteichef in diesem Jahr nicht, zuvor hatte er Verständnis gezeigt für mehr als 100 Parteimitglieder und -funktionäre, die den „Personenkult“ um Höcke kritisiert hatten – wenn auch nicht seine Positionen. Prompt hatte ihn sein eigener Kreisverband bei der Delegiertenwahl durchfallen lassen.

Auch in der zweiten Reihe könnte es Gedränge geben: Für die drei Posten als stellvertretender Parteichef sind neben den Amtsinhabern mehrere Kandidaten im Gespräch. Roland Hartwig, Leiter der parteiinternen Arbeitsgruppe zum Verfassungsschutz, bewirbt sich, auch Fraktionschefin Alice Weidel, bislang Beisitzerin, werden Ambitionen auf den Posten nachgesagt. Auch mit einer Bewerbung von Uwe Junge, bisher Parteichef in Rheinland-Pfalz, rechnet man.

Gauland will Ehrenvorsitzender werden

Der neue Vorstand wird eine Partei führen, die unter Spannung steht, denn inhaltlich gibt es Redebedarf. Einige Mitglieder wollen die rechtsextreme Identitäre Bewegung von der Unvereinbarkeitsliste nehmen, vielleicht die Liste ganz abschaffen. Auch die Frage, wer eigentlich für die Spendenskandale von Meuthen, Weidel und Guido Reil zahlt, steht auf dem Programm.

Sollte sich ein Kontrollverlust abzeichnen, könnte Gauland immer noch eingreifen, bei einem Patt bei der Wahl doch noch kandidieren.

Derzeit steht auf der Tagesordnung aber noch Punkt 13: „Wahl eines Ehrenvorsitzenden“. Das ist der Job, den er eigentlich will. Weil es aber die AfD ist, steht da auch noch: „Gegebenenfalls“.