Ortsbesuch

Der Tag nach dem Anschlag – Halle zwischen Trauer und Wut

Wie eine Augenzeugin den Anschlag in der Synagoge erlebte
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Am Tag nach dem Anschlag wird an der angegriffenen Synagoge getrauert. Aber auch Wut über die Polizei ist spürbar. Wir waren vor Ort.

Halle. Schützend legt Christina Feist ihre Hand um das flackernde Licht. Vorsichtig stellt sie die Kerze auf dem Boden ab, direkt an der Mauer der Synagoge. Dem Gotteshaus, in dem sie noch vor weniger als 24 Stunden um ihr Leben bangte. Sie hält kurz inne, eine knappe Schweigeminute – doch dann redet sie schnell, fast ununterbrochen. Das Adrenalin scheint sie noch immer anzutreiben.

Sie habe gerade gebetet, als plötzlich ein lauter Knall zu hören war. „Dann habe ich Rauch gesehen“, erzählt sie atemlos. Über die Überwachungskamera hätten die Gemeindemitglieder „einen Mann in voller Kampfmontur“ entdeckt – und das eine mutmaßlich tote Person auf der Straße lag. „Ich habe noch die Mitteltür verbarrikadiert“, sagt sie.

Alle hätten blitzschnell reagiert, sich gegenseitig geholfen. Nur die Polizei, die sei keineswegs blitzschnell da gewesen: „Gute 15 bis zwanzig Minuten hat es gedauert, bis die Polizisten hier waren“, sagt sie. „Das war krass! Schlimm, dass es so lange gedauert hat. Und überhaupt, warum gab es keinen Polizeischutz vor der Synagoge“?

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Halle liegt nach dem Anschlag in Schockstarre

Tag eins nach dem antisemitischen Anschlag in Halle, bei dem zwei Menschen starben – und die Stadt liegt in Schockstarre. „Halle ist wie paralysiert, alles ist so still und langsam“, sagt eine Anwohner, die gerade mit ihrem Hund in einer Nebenstraße der Synagoge Gassi geht. Die Ausgangsperre, die die Polizei am Mittwoch verhängt hatte, ist längst aufgehoben. Dennoch scheinen am Morgen die Straßen noch wie leergefegt. Die Bäckerei neben der Synagoge ist zu, das Café um die Ecke ebenfalls: „Aufgrund der gestrigen Vorkommnisse vom bleibt das Café geschlossen“, steht auf einem hastig geschriebenen Zettel an der Tür.

„Gestrige Vorkommnisse“ – das klingt seltsam nüchtern. Wie sehr trauert Halle wirklich, wie stark nehmen die Anwohner Anteil? Vor der Synagoge legt gerade eine Handvoll Menschen Blumen ab, ein paar Kerzen werden angezündet – hauptsächlich von Gemeindemitgliedern, so scheint es. Noch drängen sich mehr Journalisten als Trauernde in der Humboldtstraße. Und Polizei, natürlich, jetzt sind jede Menge Polizisten vor Ort.

Gemeindevorsteher Max Privorozki, der am Morgen in seine Synagoge will, muss erst mal vor der Tür warten. „Die Polizei hat abgeschlossen“, sagt. Er wirkt zwar gefasst, aber auch immer noch empört. Max Privorozki wirft der Polizei Versagen vor: Erst habe es keinerlei Schutz im Vorfeld gegeben, dann hätte die Reaktion auf seinen Notruf zu lange gedauert.

Notruf-Beamter fragte verängstigen Anrufer Formalitäten ab

Statt sofort jemanden loszuschicken, hätte der Notruf-Mitarbeiter Formalitäten abgefragt. „Ich habe geschrien: Hier sitzen 80 Leute, es wird geschossen“ , sagt Privorozki, „Und dann will er meinen Namen wissen“. Die Fassungslosigkeit ist bei dem Gemeindevorsteher noch immer deutlich zu spüren. Geholfen hätten ihm nicht die deutschen Behörden, sondern „ein Wunder“, sagt Privorozki.

„Es ist ein Wunder, dass die Türen gehalten haben.“ Und tatsächlich, wirft man einen Blick auf die alte Holztür, an der die Einschusslöcher deutlich zu erkennen sind, an der das Holz zum Teil weggesplittert ist, versteht man, was er meint. Kein Panzerglas, nirgends. Den einzigen Sicherheits-Luxus., den sich die Gemeinde leistet, ist eine Überwachungskamera. Jeder, der in die Synagoge will, muss zuerst klingeln, ein kurzer Check über die Kamera, dann erst wird die Tür geöffnet. „Nach Auffassung der Polizei hat es ausgereicht, dass sie ab und zu sporadisch vorbeifahren“, sagt Privorozki. Und es klingt bitter.

Die geringe Polizeipräsenz ist auch an den Nachbarn der Synagoge aufgefallen. „Ich habe wenig Polizeiautos hier gesehen“, sagt Benjamin Leins, er wohnt schräg gegenüber der Synagoge, nur wenige Meter vom Tatort entfernt. Auch er hat die Schüsse gehört, „ein Knall“, den er zuerst nicht einordnen konnte.

Augenzeuge- Ich habe den Notruf gewählt und geschrien

Nachbarn solidarisieren sich mit betroffener Gemeinde

Jetzt will er etwas tun: Gerade hat er zusammen mit einer Nachbarin ein großes weißes Tuch aus dem Fenster gehängt: „Humboldtstraße gegen Antisemitismus und Hass“ steht darauf. „Uns war es wichtig, möglichst schnell ein Zeichen zu setzen, dass wir uns mit der jüdischen Gemeinde solidarisieren und die Tat verabscheuen“, sagt er. Er schaut sich um, deutet auf die Trauernden: „Es sind wenig Menschen da, das finde ich problematisch.“

Leis studiert Kirchenmusik, ist aktiv in der evangelischen Kirche im Paulusviertel, in dem auch die Synagoge liegt. Mit dem Rabbiner der Synagoge habe er vor dem Anschlag schon Kontakt gehabt, der sei freundlich, aber reserviert. Man bleibe unter sich in Halle. „Ich glaube aber schon, dass die Anteilnahme da ist bei den Menschen hier“, sagt Leins. „Aber viele haben einfach keine Erfahrung mit politischem Engagement“.

„Halle ist nicht ignorant“, sagt auch Manuela Jakob. Die Lehrerin wohnt ebenfalls in der Nachbarschaft, in der Hand hält sie einen gelben Strauß an Chrysanthemen, den will sie gleich niederlegen. „Wir sind bloß noch im Schock, denke ich.“

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Steinmeier und Seehofer besuchen die Tatorte von Halle

Wenige Straße weiter, am zweiten Tatort, dem Döner-Imbiss („Kiez-Döner“) wurde ebenfalls ein Mann erschossen. Hier gibt es kaum Presse und Kameras, dafür liegen mehr Blumen auf dem Bürgersteig. „Man will ja schließlich nicht dabei gefilmt werden, wie man trauert“, sagt ein Mann – der gerade einen Strauß niederlegt, auf die Frage, warum verhältnismäßig wenige Menschen gekommen sind. „Und überhaupt, warum interessiert dieser Tatort die Presse nicht? Hier wurde doch auch ein Mensch erschossen“.

Dass am Döner-Imbiss weniger Journalisten als bei der Synagoge stehen, liegt natürlich auch daran, dass vor dem Gotteshaus die Politik-Promis auftreten: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) und Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) legen am Mittag weiße Rosen nieder, schütteln Max Privorozki die Hand. „Dieser Tag ist ein Tag der Scham und der Schande“, sagt Steinmeier nach seinem Besuch.

Bundespräsident besucht Synagoge in Halle

Auch er ist vor Ort: Israel Ben-Ami Welt, Head of Crisis Management beim Security and Crisis Centre des European Jewish Congress. Genau für eine solche Situation wie diese hier ist er ausgebildet. „Ich helfe jüdischen Gemeinden, mit antisemitischen Angriffen umzugehen“, erklärt er. „Ich bin nicht überrascht über das, was passiert ist“, sagt er. „Wir haben so etwas erwartet“.

Die Situation in Deutschland sei „extrem gefährlich“ ist für jüdische Gemeinden. Wie geht es nun weiter? Jetzt müssten alle zusammenarbeiten, fordert er: „Das ist kein jüdisches Problem, das ist ein deutsches Problem. Denn gestern waren hier in Halle fast eine viertel Millionen Menschen wie paralysiert von Angst“.

Doch wie umgehen mit dieser Angst, besonders in der jüdischen Gemeinde? Für Christina Feist ist die Antwort klar: „Jetzt erst recht“, sagt sie. Sie werde Deutschland nicht verlassen, nun schon gar nicht. „Ich gehe jeden Freitag zum Beten in die Synagoge, in Halle oder Berlin, wo ich gerade bin – das werde ich auch weiterhin tun“, sagt sie entschlossen.