No-Deal-Szenario

Industrie warnt: Bei Chaos-Brexit werden Autos teurer

Die deutsche Autoindustrie ist wegen eines drohenden No-Deal-Brexit alarmiert. Sie warnt vor „katastrophalen Konsequenzen“.

Die deutsche Autoindustrie ist wegen eines drohenden No-Deal-Brexit alarmiert. Sie warnt vor „katastrophalen Konsequenzen“.

Foto: Stephan Goerlich / imago/Stephan Görlich

Europas Autohersteller schlagen Alarm wegen eines No-Deal-Brexit. Bringt ein Treffen von Johnson, Merkel und Macron die Brexit-Wende?

Brüssel. Dramatische Warnung der europäischen Autoindustrie vor dem drohenden Chaos-Brexit: Ein britischer EU-Austritt ohne Vertrag Ende Oktober werde „katastrophale Konsequenzen“ haben, erklären die Herstellerverbände aus Deutschland und 16 weiteren EU-Staaten in einer alarmierenden Botschaft.

Allein in der Autoindustrie könnten durch die dann fälligen Zölle Mehrkosten von sechs Milliarden Euro jährlich entstehen – auch zu Lasten künftiger Autokäufer. Denn wenn Hersteller die Mehrkosten durch die Zölle nicht auffangen könnten, „erhöhen sich die Preise für die Verbraucher“.

Deutsche Autoindustrie eng mit Großbritannien verbunden

Die britische Regierung und die EU müssten deshalb alles unternehmen, um einen No-Deal-Brexit zu verhindern, heißt es in der Erklärung. Für Deutschland hat Bernhard Mattes, Präsident des Verbands der deutschen Autoindustrie, den Aufruf unterschrieben. Er verweist auf die enge Einbindung Großbritanniens in die Lieferketten der deutschen Autobauer.

Mehr als hundert Produktionsbetriebe und Entwicklungseinrichtungen in Großbritannien belegten das Bekenntnis der deutschen Fahrzeugindustrie zum britischen Markt, erläuterte Mattes. Aus Sicht der deutschen Autoindustrie müsse alles getan werden, um neue Barrieren und Zölle zu verhindern.

Chaos-Brexit bedroht wegen Kontrollen Lieferketten

Das Problem: Großbritannien ist mit 1,6 Millionen verkauften Neufahrzeugen im vorigen Jahr der zweitgrößte Automobilmarkt in Europa – und viertgrößter Produktionsplatz. Täglich transportieren 1100 Lastwagen Autoteile zwischen Großbritannien und dem Kontinent.

Ein Chaos-Brexit droht wegen der Grenzkontrollen die Lieferketten zu unterbrechen. Und: Nach den Standards der Welthandelsorganisation (WTO), die ohne andere Vertragsregelung bei einem britischen EU-Austritt über Nacht angewendet werden müssen, würden für den Import von Pkw in die EU oder nach Großbritannien zehn Prozent Zoll fällig, für Lastwagen sogar 22 Prozent, für einzelne Autoteile bis zu 5 Prozent. Schottische Ministerpräsidentin droht mit neuem Unabhängigkeitsreferendum

Deshalb die Warnung vor höheren Autopreisen. Wichtiges Signal: Auch der Verband der britischen Fahrzeughersteller hat die Erklärung unterzeichnet. Der Alarmruf richtet sich nicht nur an den britischen Premierminister Boris Johnson, sondern auch an die Regierungen der EU-Mitgliedstaaten. Beide Seiten müssten alle Anstrengungen unternehmen, um im Nervenkrieg um den Brexit einen geregelten EU-Austritt Großbritanniens zu erreichen, heißt es in der Erklärung.

Treffen von Boris Johnson mit Angela Merkel und Emmanuel Macron

Der Zeitpunkt ist wohl gut gewählt: Am Montagabend ist am Rande des UN-Klimagipfels in New York ein Treffen von Johnson mit Kanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron geplant. Es wird erwartet, dass sie mögliche Kompromisslinien für einen Brexit-Vertrag erörtern – und über die Option sprechen, den Brexit-Austrittstermin noch einmal zu verschieben, was Johnson allerdings bislang ablehnt.

Die letzte Verhandlungsrunde zwischen Unterhändlern von EU und britischer Regierung am Freitag hatte in Brüssel noch keinen erkennbaren Fortschritt gebracht. Johnson droht allerdings ein schwerer Dämpfer in London: Wahrscheinlich wird das oberste britische Gericht, der Supreme Court, am Montag seine Entscheidung bekannt geben, ob die von Johnson angeordnete Zwangspause für das Parlament rechtmäßig war oder nicht. Es steht sogar die Frage im Raum, ob Johnson die Queen belogen hat.

Sollte Johnsons Schritt nach dem Urteil der Richter illegal gewesen sein, womit in London viele Experten inzwischen rechnen, droht eine neue innenpolitische Krise.