Ost-Wahlen

Von der AfD überholt – Warum die Linke im Osten abstürzt

Linke-Politiker Michael Bagusat-Sehrt im nordsächsischen Arzberg.

Linke-Politiker Michael Bagusat-Sehrt im nordsächsischen Arzberg.

Foto: Claudia Masur / claudiamasur.de

Einst war sie Volkspartei, jetzt reicht es gerade für 10 Prozent – die Linke ist im Osten tief gefallen. Ein Ortsbesuch in Sachsen.

Arzberg. So richtig weiß Michael Bagusat-Sehrt immer noch nicht, was da eigentlich passiert ist. Wenn man den Direktkandidaten der Linken im Wahlkreis Nordsachsen 3 fragt, warum seine Partei bei der Landtagswahl so ins Bodenlose gestürzt , so weit hinter den Umfragen zurückgeblieben ist, zieht er an seiner E-Zigarette, bevor er antwortet. Das Gerät blubbert leise, Bagusat-Sehrt atmet lange aus. „Rational“, sagt er dann, „ist der Ausgang der Wahl für mich nicht zu erklären.“

Die Stimmung vor der Wahl? Gut. Die Leute? Offen für die Themen seiner Partei. Der Wahlkampf – der „geilste Wahlkampf meines Lebens“. Was etwas heißt, denn Bagusat-Sehrt macht seit gut 20 Jahren Wahlkämpfe. „Ich hätte am Sonntag noch Stein und Bein geschworen, wir schaffen 16, 18, 20 Prozent.“

Es kam anders. Die Linke, mehr als 15 Jahre stärkste Oppositionspartei im Freistaat, stürzte ab auf Platz drei, ganze 17 Prozentpunkte hinter der neuen stärksten Oppositionspartei – der AfD.

Der Sachse als Mensch zweiter Klasse?

Nirgends verlor die Partei so viel wie hier in Arzberg, am nördlichen Rand Sachsens. Rund eine Stunde ist es von hier mit dem Auto nach Leipzig, nach Dresden noch etwas länger. Nach Torgau, in den nächsten Ort mit Bahnhof, braucht man 15 Minuten – mit dem Auto, denn ohne kommt man hier weder hin noch weg. Eine Grundschule gibt es, eine Kirche und einen Lebensmittelladen. „‚Abgehängt‘ ist ein blödes Wort, aber es trifft genau zu“, sagt Bagusat-Sehrt. „Man ist Mensch zweiter Klasse, weil man im Osten wohnt.“

Die Stimme derer, die das so empfinden, das war lange die Linke, vor dem Zusammenschluss mit der WASG die PDS. Nach der Wende war die Partei Ansprechpartner und Anker für viele, die in der Flut der Veränderungen unterzugehen drohten. Mitglieder halfen beim Ausfüllen von Formularen und Anträgen, die Parteispitze kämpfte für bessere Renten im Osten und gegen Hartz IV.

Der Dank waren spektakuläre Erfolge. In Sachsen holte die Partei regelmäßig ein Viertel der Stimmen. In anderen Bundesländern im Osten schaffte die Partei es sogar in die Regierung, in Thüringen regiert derzeit mit Bodo Ramelow ein linker Ministerpräsident. Die Linken, einmal angetreten als größtmöglicher Schrecken der Regierenden, gehören längst selbst zum Establishment.

Die Linke hat den Ost-Faktor verloren

Bagusat-Sehrt sieht nicht aus wie „die da oben“, mit seinen Jeans, dem Kinnbart und dem Tattoo mit den Namen seiner Kinder und seiner Frau, das unter dem T-Shirt-Ärmel hervorlugt. Trotzdem, erzählt er, trifft diese Kategorie in den Augen mancher jetzt auch ihn. „Wir haben diesen Ost-Faktor verloren“, sagt der 44-Jährige, „und das viel zu spät bemerkt.“ Versuche, gegenzusteuern, wie die Forderung nach einem Untersuchungsausschuss zur Treuhand, kamen kurz vor der Wahl und verpufften fast wirkungslos. „Das ist hier überhaupt nicht angekommen.“

Was stattdessen ankam, war der Streit. Die langen und erbittert ausgetragenen Schlachten um die Frage, wie die Linke zu Migration und zu Flüchtlingen steht, waren auch Kämpfe darum, welche Partei man sein will, und für wen. Antworten stehen noch aus – der Konflikt fand ein vorläufiges Ende mit der Ankündigung von Noch-Fraktionschefin Sarah Wagenknecht, sich aus gesundheitlichen Gründen zurückzuziehen.

Nicht das Ende, das sich Bagusat-Sehrt gewünscht hätte. „Das Bedauern, dass Sarah nicht mehr da ist“, das sei im Wahlkampf immer wieder Thema gewesen. „Stellen wir uns doch mal auf den Marktplatz und fragen 100 Leute, kennen Sie Sarah Wagenknecht, die sagen alle Ja“, sagt er. „Kennen Sie Katja Kipping – wen?“

Und das, obwohl Kipping, anders als Wagenknecht, ihren Wahlkreis im Osten hat. Doch den Ost-Faktor, den versuchen längst andere für sich zu reklamieren, in erster Linie die AfD. „Vollende die Wende“ plakatierte die Partei im Wahlkampf, Parteichef Alexander Gauland, der einst nach Westdeutschland floh, weil er fürchtete, in seiner Heimat nicht studieren zu dürfen, pries das Bildungssystem der DDR.

Die Wähler der Linken sind nach rechts außen gewandert

„Die stellen sich jetzt hin – wir machen alles besser alles schöner, alles toller“, sagt Bagusat-Sehrt. „Das kenn ich von vor 20 Jahren, da waren wir die, die gesagt haben, wir machen alles besser.“ Und ähnlich wie damals bei der Linken verfängt die Botschaft jetzt bei der AfD. Schon bei Bundestags- und Europawahl verlor die Linke Wähler an ganz rechts außen. Zuletzt, bei der Landtagswahl, waren es 27.000 .

Verloren haben sie bei dieser Wahl aber auch Menschen wie Manuela Kurdyban. Man trifft Kurdyban an diesem Tag im „Ostelbischen Mehrgenerationenhaus in Arzberg“, kurz OMA. Eine Vorstellung von Aromaöl-Produkten ist eben zu Ende gegangen, die Düfte hängen schwer in der Luft. Sonst finden Kaffeerunden statt, Krabbelgruppen, es gibt einen Garten, eine Näh- und eine Backstube. Das Haus am Ortsausgang ist Treffpunkt für diejenigen, die „abgehängt“ nicht als finales Urteil gelten lassen wollen. So wie Kurdyban.

Die Frau mit den roten Haaren und dem entschiedenen Tonfall ist eine der Freiwilligen des Arzberger Bürgerbusses. Seit 2017 springen sie ein, wo der Staat eine Lücke hinterlassen hat, fahren Dorfbewohner, die kein Auto haben, zum Arzt, zum Einkaufen oder in andere Teile der Gemeinde.

Überrascht hat der Ausgang der Wahl Kurdyban nicht. „Ich habe nichts anderes erwartet“, sagt sie. „Die Leute denken nicht nach.“ Sie selbst hat immer die Linke gewählt, sagt sie. Doch dieses Mal hat sie die Zweitstimme der CDU gegeben, um die AfD zu verhindern. „So haben vielleicht viele gedacht“, sagt Kurdyban. Tatsächlich zeigen die Nachwahlanalysen, dass Kurdyban kein Einzelfall ist. 30.000 Wähler hat die Linke in diesem Jahr an die CDU verloren, mehr noch als an die AfD.

Ihre Erststimme hat sie trotzdem der Linken gegeben. Man erfährt das in einem kurzen Nebensatz in ihrer längeren, atemlos schnellen Wahlanalyse. Michael Bagusat-Sehrt hat es trotzdem gehört. Er sagt leise „Danke.“

Nach den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg am 1. September stehen eine dritte in einem weiteren Ostdeutschen Bundesland an: Thüringen wählt am 27. Oktober.