Gesundheit

Volkssport Praxisbesuch? Kassenärzte für Patienten-Strafen

Wann dürfen Patienten zum Arzt gehen? Ein Vorstoß entfacht eine Debatte

Wann dürfen Patienten zum Arzt gehen? Ein Vorstoß entfacht eine Debatte

Foto: Daniel Karmann / dpa

Ärzte sehen sich überlastet. Patienten würden „beliebig oft“ auch Fachleute aufsuchen. Sie wollen Einschränkungen, sagt ein Funktionär.

Berlin.  Es ist eine Meldung, die für Aufsehen sorgt: Kassenärzte wollen Arztbesuche einschränken. Der Verband bringt sogar Strafen für Patienten ins Spiel.

Von den rund 83 Millionen Menschen in Deutschland waren laut Verband der Ersatzkassen Ende 2018 mehr als 73 Millionen gesetzlich krankenversichert. Für Kassenärzte ist die Belastung durch Sprechstunden nach eigenen Angaben hoch.

„Es kann dauerhaft kaum jedem Patienten sanktionsfrei gestattet bleiben, jeden Arzt jeder Fachrichtung beliebig oft aufzusuchen, und oft noch zwei oder drei Ärzte derselben Fachrichtung“, sagte der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, der „Neuen Osnabrücker Zeitung“.

Starke Kritik an dem Vorstoß der Kassenärzte

Derzeit werde das nicht kontrolliert, so Gassen. Die Gesundheitskarte funktioniere „wie eine Flatrate, und es gibt Patienten, die das gnadenlos ausnutzen“.

Es zeigt sich auch, dass viele Patienten gleich ins Krankenhaus gehen – ohne vorher ihren Hausarzt aufzusuchen. Auch das belastet das Gesundheitssystem und stellt die Politik vor Herausforderungen.

Die Kritik an dem Vorstoß der KBV ist groß. „Wie im Tollhaus geht es bei den hauptamtlichen Ärztefunktionären zu“, sagte Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. „Jetzt soll das Recht eingeschränkt werden, seinen Arzt frei zu wählen.“

„Wahltarife“ für Patienten

Kassenarzt-Vertreter Gassen schlug zudem „Wahltarife“ für alle Kassenpatienten vor, um eine Steuerung zu erreichen. „Wer sich verpflichtet, sich auf einen koordinierenden Arzt zu beschränken, sollte von einem günstigeren Kassentarif profitieren“, sagte er. „Wer jederzeit zu jedem Arzt gehen möchte, müsste mehr bezahlen.“ Dafür sei es höchste Zeit, und er sei sicher, es würde sehr gut angenommen.

Schon im vergangenen Jahr hatten Kassenärzte den Plänen von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) widersprochen, die Sprechzeiten für gesetzlich Versicherte auszuweiten. Damit greife die Politik viel zu stark in die Abläufe der einzelnen Praxis ein, hieß es.

Patienten-Vertreter Brysch entgegnete, es sei an der Zeit, dass sich die Verwaltung der Kassenärzten Vereinigungen auf ihren gesetzlichen Auftrag konzentrierten, nämlich die medizinische Versorgung der Patienten vor Ort. „Es ist hoch lukrativ, Arzt zu sein.“

Neues Gesetz soll Versorgung verbessern

Bereits die Praxisgebühr habe nicht dauerhaft für weniger Arztbesuche gesorgt, deshalb sei sie 2013 wieder abgeschafft worden, sagte Brysch. Wenn die Patienten tatsächlich nach Prioritäten gesteuert werden sollten, könne dies ohnehin nicht in die Hände der Ärzte gelegt werden, dies würde politische Entscheidungen erfordern.

Erst im März hatte der Bundesrat ein neues Gesetz beschlossen, mit dem Patienten schneller Termine bekommen sollen. Ärzte erhalten zudem mehr Geld. Ein zentrales Problem will die Politik mit den Neuerungen zudem lösen: Menschen auf dem Land sollen besser mit Praxen versorgt werden. (dpa/FMG)