Bundesärztekammer

Ärztepräsident: „Nicht jeder Besuch beim Arzt ist notwendig“

Dr. Klaus Reinhardt, der neue Präsident der Bundesärztekammer.

Dr. Klaus Reinhardt, der neue Präsident der Bundesärztekammer.

Foto: Reto Klar / Reto Klar / Funke Foto Services

Ärztepräsident Klaus Reinhardt ermahnt Patienten, nicht zu oft zum Arzt zu gehen. Er meint: Finanzielle Anreize könnten dabei helfen.

Berlin. Der Präsident kommt mit dem Fahrrad. Das sei das beste Verkehrsmittel, um in Berlin voranzukommen, findet Klaus Reinhardt. Der 59-Jährige ist trotz der sommerlichen Hitze quer durch den Tiergarten vom Hotel zur Bundesärztekammer geradelt. Dort gibt er das erste große Interview, nachdem er im Mai auf dem Ärztetag in Münster zum Nachfolger von Frank Ulrich Montgomery gewählt worden war.

In dem Gespräch wird schnell klar, dass Reinhardt in sein neues Amt vor allem seine Erfahrungen aus der eigenen Hausarztpraxis in Bielefeld einbringen will: Er möchte eine politische Diskussion darüber anstoßen, wann und wie oft Patienten wirklich zum Arzt gehen müssen. Um den Kontakt zu den Patienten nicht zu verlieren, will Reinhardt nach wie vor an einem Tag in der Woche im Behandlungszimmer sitzen.

Herr Reinhardt, Sie sind mit drei Stimmen Vorsprung Ärztepräsident geworden. Hätten Sie verloren, würde jetzt erstmals eine Frau an der Spitze der Standesorganisation stehen. Warum war die Zeit noch nicht reif für eine Präsidentin?

Klaus Reinhardt: Die Zeit der ersten Präsidentin der Bundesärztekammer wird kommen. Wichtig ist, dass jemand an der Spitze steht, der noch ärztlich tätig ist und das Gesundheitswesen aus der eigenen Praxis kennt.

Haben es Frauen schwerer als Männer, im Arztberuf Karriere zu machen?

Reinhardt: Ja. Zwar übernehmen heute viel mehr Männer familiäre Aufgaben. Aber es ist immer noch so: In der Zeit, in der Frauen Kinder bekommen und die Kinder noch klein sind, können sie den Beruf nur schwer voll ausüben. Ärztinnen und Ärzte haben es häufig mit Notfällen und mit nicht vorhersehbaren Situationen zu tun. Das lässt sich nicht leicht mit Familie vereinbaren. Wir müssen den Arztberuf familienfreundlicher machen.

Wie könnte das aussehen?

Reinhardt: Ein Beispiel: In einer Klinik teilen sich zwei Frauen eine Oberarztstelle. Die organisieren sich völlig selbstständig. Ob sie wochenweise wechseln oder die eine vormittags und die andere nachmittags arbeitet, ist völlig egal. Entscheidend ist, dass die Abteilung funktioniert. Es muss mehr Flexibilität und mehr Vertrauen geben.

Die meisten Medizinstudierenden sind weiblich – trotzdem werden Spitzenpositionen an Krankenhäusern, Universitätsinstituten oder großen Praxen meistens von Männern besetzt. Warum?

Reinhardt: Das ist kein Problem, das auf die Medizin beschränkt ist. Ich bin Mitglied des Vereins ProQuote und diskutiere gern, was man tun kann, damit mehr Frauen in Führungspositionen kommen. Das ist aber vor allem ein Thema für die Politik und für die Arbeitgeber.

Braucht es eine Frauenquote beispielsweise für Chefarztstellen im Krankenhaus?

Reinhardt: Über eine Frauenquote für Führungsposten in der Medizin kann man reden. Ich bin dafür. In zehn Jahren wird das aber kein Thema mehr sein. Auch Frauen sagen ja: Ich will den Posten, weil ich qualifiziert bin, und nicht, weil ich eine Frau bin.

Ist der Arztberuf eigentlich finanziell attraktiv? Oder wird er zu schlecht bezahlt?

Reinhardt: Der Arztberuf ist definitiv nicht zu schlecht bezahlt. Es ist unverändert wirtschaftlich attraktiv. Das, was Ärzte verdienen, ist kein leicht verdientes Geld. Es ist angemessen.

Seit Jahren steigt die Zahl der Medizinstudenten. Trotzdem warnen Sie vor einem Mangel an Ärzten. Was läuft da falsch?

Reinhardt: Wir brauchen mehr Studienplätze. Die Zahl der Absolventen ist zu niedrig. Hinzu kommt, dass jeder Arzt wegen der gesetzlichen Grenzen heute weniger arbeitet als früher – glücklicherweise, muss man sagen. Ich möchte niemandem die Stundenzahl zumuten, die ich noch in meiner Zeit in der Klinik hatte. Das ist aber ein wichtiger Grund, weshalb es vor allem in Krankenhäusern zu wenig ärztliches – und auch zu wenig pflegerisches – Personal gibt.

Gehen die Deutschen zu oft zum Arzt?

Reinhardt: Nicht jeder Besuch beim Arzt ist notwendig und sinnvoll. Die Menschen in Deutschland haben ein hohes Sicherheitsbedürfnis und viele wollen, dass sich sofort ein Arzt kümmert. Das ist legitim. Aber ist es nötig? Wir brauchen mehr eigene Gesundheitskompetenz. Dann wüssten die Leute, dass sie bei einem Brechdurchfall ein paar Tage mit einer einfachen Diät auch selbst zurechtkommen. Sie müssen nicht sofort in die Notaufnahme. Und natürlich kann man sich in Zweifelsfällen eine zweite Meinung einholen. Es gibt aber Menschen, die haben nicht einen Hausarzt, sondern zwei oder drei Hausärzte und holen regelmäßig eine zweite oder dritte Meinung ein. Das geht nicht.

Wie ließe sich dieses Verhalten denn verändern?

Reinhardt: Das ist eine Frage von Solidarität. Wenn die Zahl der Ärzte begrenzt ist, muss man fragen, ob diejenigen, die unnötig im Wartezimmer sitzen, sich solidarisch verhalten. Die Politik scheut die Diskussion darüber, denn das würde bedeuten, dass man diesen Menschen und diesem Verhalten Grenzen setzen müsste. Wir sind aber weit davon entfernt. Da passiert nichts.

Welche Grenzen würden Sie setzen?

Reinhardt: Heute wird längst erfasst, welcher Patient wann bei welchem Arzt war. Man kann feststellen, ob ein Patient mit derselben Erkrankung bei zwei, drei, vier Ärzten war oder nach einem Arztbesuch wegen der gleichen Sache ins Krankenhaus gefahren ist. Deshalb: Wir müssen gemeinsam mit Politik und Krankenkassen nach Lösungen suchen und die Patienten auch mal nach dem Grund fragen, warum sie wegen derselben Erkrankung bei sehr vielen Ärzten waren. Es mag diesen Grund ja geben. Aber heute wird das völlig unkommentiert hingenommen. Das ist mir zu wenig. Die Patienten müssen lernen, verantwortungsvoll mit der Ressource Arzt umzugehen. Wer das nicht tut, verbaut den Menschen, die ernsthaft erkrankt sind, den Weg zu ärztlicher Hilfe.

Denken Sie dabei an finanzielle Anreize wie die Praxisgebühr?

Reinhardt: Die Praxisgebühr war falsch organisiert. Das kann man intelligenter machen. Aber: Die Praxisgebühr hat grundsätzlich funktioniert. Hausärzte wie ich haben festgestellt: Als die Praxisgebühr wegfiel, nahm die Zahl der Patienten und die Zahl der Arztbesuche spürbar zu. Der Erstzugang zum Arzt sollte immer frei sein. Aber man muss genauer hinsehen, wer wann und weshalb zum Arzt geht.

Wie könnte das konkret funktionieren?

Reinhardt: Die Rolle der Krankenkassen habe ich erwähnt. Man kann auch über eine wirtschaftliche Beteiligung des Patienten nachdenken. Die muss sozialverträglich sein. Mit kleinen Geldbeträgen würde sich das Verhalten schon verändern. Das entspricht meiner Beobachtung und den Erfahrungen aus anderen Ländern, in denen es eine Selbstbeteiligung gibt. Mit dem Thema müssen wir uns befassen, auch wenn das in der Ärzteschaft nicht unumstritten ist.

Was meinen Sie mit einer „verträglichen Form der Selbstbeteiligung“?

Reinhardt: Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Ein Patient kommt zur Blutabnahme in meine Praxis und spricht mich auf sein schmerzendes und geschwollenes Knie an. Er sagt, er habe drei Tage später einen Termin beim Orthopäden. Ich schaue mir das Knie an und halte das für vertretbar. Trotzdem setzt sich der Patient ins Auto und fährt sofort in die Klinik. Um hier ganz klar zu sein: Jeder soll zu jedem Arzt gehen können. Jeder sollte ohne Zugangsbarrieren die Meinung eines zweiten Arztes einholen können. Aber das muss in einem vernünftigen und vertretbaren Rahmen bleiben. Bei mehrfachen und völlig unnötigen Arztbesuchen kann eine moderate wirtschaftliche Beteiligung zu einem verantwortungsvolleren Umgang mit unseren knappen Ressourcen im Gesundheitswesen beitragen. Es geht um eine bessere Steuerung von Patienten. Davon profitieren am Ende alle. Andere Hausärzte oder Kollegen in Notfall­ambulanzen der Krankenhäuser wären dankbar, wenn wir dieses Thema endlich diskutieren würden.