Menschenhandel

Voodoo und Prostitution: BKA warnt vor Nigerias Mafia

Grenzkontrolle in Kufstein_Kiefersfelde: 3.053 illegale nigerianische Einwanderer wurden hier 2017 festgenommen.

Grenzkontrolle in Kufstein_Kiefersfelde: 3.053 illegale nigerianische Einwanderer wurden hier 2017 festgenommen.

Foto: Bildagentur Muehlanger / imago/Roland Mühlanger

Ihr Spezialgebiet ist Menschenhandel: Die nigerianische Mafia ist in Deutschland auf dem Vormarsch. So funktioniert das üble Geschäft.

Berlin.  Vor dem Abflug nach Europa müssen die Frauen zum Priester. Zum „Juju“-Schwur. Ein Vertrag wird besiegelt. Nicht beim Notar. In Westafrika ist das gelegentlich Hexenwerk. Der Voodoo-Mann belegt die Frauen mit einem Zauber, er macht ihnen Angst, droht ihnen, dass sie den Verstand verlieren werden, hext ihnen alle Krankheiten der Welt an den Hals, falls sie ihre Schulden nicht vertragsgemäß zurückzahlen, 50.000 Euro, manchmal auch viel mehr.

So lässt sich eine Schleppergeschichte an, die im nigerianischen Lagos oder Abuja ihren Anfang nimmt und in einem Duisburger Bordell endet. Im Januar fällte das Duisburger Landgericht mehrere Urteile wegen Menschenhandel und Zwangsprostitution. Eine Täterin wurde zu fünf Jahren Haftstrafe verurteilt.

Einwanderung: Immer mehr Nigerianer bitten um Asyl

Die Duisburger Fälle sind für das Bundeskriminalamt (BKA) ein Beispiel „für das Agieren nigerianischer Tätergruppierungen.“ Polizei und Geheimdienste befürchten, dass mit dem Zustrom von Migranten aus Nigeria auch die organisierte Kriminalität auf dem Vormarsch sein wird, nicht nur in Nordrhein-Westfalen, sondern bundesweit.

Der Anteil der Nigeriane r an den Asylbewerbern wächst.

• 2016 belegte der westafrikanische Staat auf der Top-Ten-Liste der Herkunftsländer Platz neun

• 2017 Platz sieben mit 8.261 Anträgen

• 2018 Platz fünf mit mehr als 11.073 Erstanträgen

Im Dezember des vergangenen Jahres kamen 554 Nigerianer. Dann, zum Jahreswechsel, verstärkte sich der Trend, die Zahlen stiegen sprunghaft an.

Mehr Aufgriffe an den Grenzen – nur aus Syrien kommen mehr Antragsteller

Im Januar stellten 1248 Nigerianer Antrag auf Asyl, im Februar 1.388, im März noch einmal 1.287. Zum zweiten Monat in Folge belegte das afrikanische Land damit den zweiten Platz, gleich nach Syrien, noch vor „Hotspots“ wie Irak, Irak oder Afghanistan.

Auch die Zahl der Aufgriffe an der Grenze ist nach Angaben der Bundespolizei mit 3218 im Jahr 2017 und 3053 im Folgejahr anhaltend hoch. Die illegalen Migranten aus dem westafrikanischen Land wurden überwiegend an der Grenze nach Österreich abgefangen, 2018 verstärkt auch entlang der Grenze zur Schweiz.

Menschenhandel fest in nigerianischer Hand

Die Eidgenossen bringen abgelehnten Asylbewerber seit März teils direkt an der Grenze unter, in Kreuzlingen, nahe bei Konstanz. Der CDU-Innenpolitiker Armin Schuster ist denn auch dafür, „dass die Bundespolizei an allen Grenzen die Schlagzahl flexibler, lageangepasster Kontrollen weiter erhöht.“

Hintergrund:

Die deutschen Ermittler wissen, dass der Menschenhandel – insbesondere mit Frauen – fest in der Hand der Organisierten Kriminalität (OK) aus Nigeria ist, die sich in Europa ausbreitet, nach Italien mehr und mehr auch feste Strukturen in Deutschland bildet.

BKA hat vor allem drei Gruppen im Visier

2017 ermittelte das BKA nach eigenen Angaben gegen 16 nigerianisch dominierte OK-Gruppen, schon damals mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr. Wie die Wiesbadener Behörde unserer Redaktion mitteilte, sind insbesondere drei Gruppen in Deutschland seien: die „Black-Axe“ (schwarze Axt) und zwei Bruderschaften, die „Supreme Eiye Confraternity“ sowie „Selected Brothers Of Germany“.

Auch der Auslandsgeheimdienst BND warnte nach einem „Spiegel“-Bericht vor einem Aufwuchs der „äußerst brutal agierenden nigerianischen Strukturen der organisierten Kriminalität“. CDU-Mann Armin Schuster nimmt die Entwicklung sehr ernst. Er sagte unserer Redaktion, „die Sekundärmigration innerhalb Europas ist weiterhin ein Kernproblem. Wir wissen, dass viele Nigerianer aus Italien illegal nach Deutschland kommen. Damit einher geht auch der Import krimineller mafiöser Strukturen, die sich dort gebildet haben.“

Terrorgruppe Boko Haram involviert?

Hinzu käme käme, dass „fast alle nigerianischen Asylbewerber keine Papiere vorlegten, was bei negativem Bescheid „ihre Abschiebung erheblich erschwert“. Fakt ist, dass schon 2017 die Zahl der nigerianischen Opfer von Menschenhandel von 25 auf 39 stieg, die der Tatverdächtigen von elf auf 29. In vier Verfahren wegen sexueller Ausbeutung ging das BKA 2017 gegen nigerianische OK-Gruppen vor. Nur gegen Gruppen aus Bulgarien wurde noch häufiger ermittelt.

Die Hintergründe der Netzwerke bleiben oft im Dunkeln. Seit Jahren steht die Terrorgruppe Gruppe Boko Haram, die für die Errichtung eines islamistischen Gottesstaates im mehrheitlich muslimischen Nordosten des Landes kämpft, auch unter Verdacht, in Menschenhandel und Sexsklaverei involviert zu sein.

So funktioniert der Menschenhandel

In Italien sind schätzungsweise 100.000 Flüchtlinge aus Nigeria registriert. Prompt hat die nigerianische Mafia ein engmaschiges Netz ausgebreitet. Quasi nebenbei hat das BKA schon 2017 aufgedeckt, wie nigerianische Kriminelle in 4888 Fällen mit gestohlenen Kreditkaten-Daten Online-Tickets der Bahn kauften – Schaden: 934.000 Euro. Mit den Tickets reisten die Nigerianer dann von Italien weiter nach Deutschland.

Die Frauen werden mit falschen Versprechen angeworben und nach den Erkenntnissen der nordrhein-westfälischen Ermittler entweder auf dem Landweg via Niger und Libyen und per Boot weiter nach Italien oder direkt mit dem Flugzeug über die Türkei in die Europäische Union nach Deutschland gebracht. Oft nutzen sie Papiere von Landsleuten, die sich bereits in Europa aufhalten.

Frauen werden per Hand durch Europa gelotst

Anhand der Zeugenaussagen haben die Duisburger Richter den Weg der Frauen und das Geschäftsmodell der Schleuser dokumentiert. Die Opfer beantragen zunächst mit falschen Daten einen Pass und ein Visum bei einer europäischen Botschaft in der nigerianischen Hauptstadt Abuja. Das dauert im Schnitt drei Monate. Für ein griechisches Visum gehen 75 Euro über den Botschaftstisch.

Die Schleuser buchen die Flüge, zumeist nach Istanbul und weiter nach Athen, und bezahlen die Hotelzimmer im Voraus. Die Frauen erhalten außerdem 1000 Euro und eine Prepaid-SIM-Karte. Per Handy werden sie dann durch Europa gelotst. In einem Fall wurde eine Frau in Paris am Flughafen abgeholt und mit dem Auto nach Duisburg gebracht.

Kuriere überbringen das Kapital

Spätestens mit der Ankunft ist der Zeitpunkt gekommen, die bittere Wahrheit zu erfahren: Wie sie ihr Geld beschaffen und ihre Schulden zurückzahlen sollen. Sie erfahren es oft von den „Mesdames“, den örtlichen Statthalterinnen der Menschenhändler. Die UN-Organisation für Migration (IOM) schätzt, dass 80 Prozent der jungen Frauen aus Nigeria, die ihr Glück in Europa suchen, „potenzielle Opfer von sexueller Ausbeutung“ sind.

Die Einnahmen aus Prostitution werden per „Hawala-Banking“ nach Nigeria geschickt, wie es im Lagebericht des nordrhein-westfälischen Kriminalamts heißt. „Hawala“ ist der wohl geheimste Geldtransfer der Welt. Er beruht darauf, dass Kuriere das Kapital überbringen. Ohne Belege und Quittungen, ohne Konto und damit mit möglichst wenig Spuren.

Dass die Duisburger Richter so viele Informationen zusammentragen konnten, ist erstaunlich. Wenn der „Juju“-Zauber eine Macht entfacht, ist es die Macht, jemanden zum Schweigen zu bringen. Bei ihrer Vernehmung, berichteten die Ermittler vor Gericht, hätten die Frauen wie gelähmt gewirkt „Bei solchem Verhalten“, so ein Beamter, „wusste ich immer: Jetzt wirkt ‚Juju‘“.

(Miguel Sanches)