Attentat

Christchurch: Auch das Netz wurde zur Waffe des Attentäters

Eine Moschee unter Polizeischutz in Christchurch in der Nacht.

Eine Moschee unter Polizeischutz in Christchurch in der Nacht.

Foto: Edgar Su / Reuters

Der Attentäter filmte sich minutenlang live, während er Menschen in einer Moschee erschoss. Im Netz wurde er von anderen angefeuert.

Berlin/Christchurch.  Der Attentäter von Christchurch feuerte minutenlang auf die Muslime in der Moschee. Der Rechtsterrorist hatte Gewehre in seinem Wagen, mehrere Magazine mit Munition und offenbar auch Kanister mit brennbaren Flüssigkeiten. Doch er nutzte auch eine andere Waffe für seine Tat: das Internet.

Kurze Zeit, bevor der Täter die Menschen erschoss, hatte er oder ein möglicher Komplize das Attentat unter einem anonymen Profil auf dem Online-Portal „8chan“ angekündigt. Und nicht nur das. Der Nutzer gab bekannt, den Massenmord live auf Facebook zu übertragen. Kurz darauf startete der Livestream. Mit einer Kamera, die am Kopf des Attentäters angebracht war, filmte er sein Kapitalverbrechen. Im Forum wurde er dabei von anderen Nutzern angefeuert.

Der Anschlag hat eine Strategie offenbart, die nicht neu ist im Terrorismus und doch in dieser Form bisher nicht vorkam: Das Internet wird für den Terroristen zur Plattform für Selbstinszenierung und Propaganda. Als Internetfirmen wie Youtube und Facebook mit Löschungen reagierten, hatte sich das Material längst tausendfach verbreitet.

Internet als Propagandakanal

Auf Twitter richteten der oder die mutmaßlichen Täter selbst ein Konto ein, offenbar unter dem richtigen Namen des Schützen. Mehr als 60 Einträge finden sich dort, die alle aus den Tagen vor dem Anschlag stammen. Es sind Links zu Videos, Bilder der Waffen, die der Angreifer sich beschafft hatte. Dazu verlinkte der Täter ein „Manifest“, Dutzende Seiten mit neonazistischen und rassistischen Positionen, zugleich aber auch „scheinbar unsinnige, krude und widersprüchliche Videos und Parolen“, wie der Terrorismus-Experte Peter Neumann unserer Redaktion sagte . Das Internet als persönlicher Propagandakanal des Attentäters.

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Die Macht der schnellen und anonymen Verbreitung nutzten auch andere Attentäter wie der Rechtsterrorist Anders Breivik und IS-Dschihadisten. 2016 soll ein Islamist im französischen Ort Magnanville den Mord an einem Polizisten und dessen Frau live auf Facebook übertragen haben. 2012 soll ein Islamist in Toulouse laut Peter Neumann versucht haben, seine Tat mit Kamera zu filmen – er scheiterte an der Technik.

Ermittler fordern dazu auf, das Video nicht zu verbreiten

Nach dem Attentat in Christchurch arbeitet die neuseeländische Polizei daran, die Verbreitung eines Videos vom mutmaßlichen Terror-Angriff in Christchurch zu verhindern. Ermittler forderten die Öffentlichkeit am Freitag auf, Links zu dem Video nicht im Internet zu teilen.

Facebook teilte mit, nach einem Hinweis der neuseeländischen Polizei das Profil des mutmaßlichen Attentäters sowohl auf Facebook als auch auf Insta­gram entfernt zu haben. Auch der Live­stream sei entfernt worden. Twitter hat das Profil des mutmaßlichen Attentäters inzwischen ebenfalls gelöscht.

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Facebook und Twitter reagieren, aber langsam

Doch wer gezielt nach dem 17 Minuten langen Video der Tat sucht, findet Kopien des Films oder Ausschnitte noch Stunden nach der Tat im Internet. Der neuseeländische Rechtsprofessor Alexander Gillespie von der Universität von Waikato warnte, die Verbreitung des Videos könne Nachahmungstäter anstiften.

Seit Jahren arbeiten Firmen und auch die EU daran, die Verbreitung von terroristischer Propaganda im Internet zu verhindern. Dagegen lasse sich „nur mit mehr Einsatz von Personal und Technik vorgehen, mit deren Hilfe diese brutalen Videos gelöscht werden“, sagt Terrorismus-Experte Neumann. Die Firmen müssten mehr beisteuern im Anti-Terror-Kampf. Doch Neumann sagt auch: „Kein Unternehmen wird eine solche Übertragung von Attentaten verhindern können.“