Brexit

Warum sich die Parlamentarier in London immer anbrüllen

Aufstehen, setzen, schimpfen, murmeln und laut brüllen: Wir erklären die schrägen Bräuche im House of Commons, dem britischen Unterhaus.

London.  Wer in diesen Tagen die Nachrichten zum Brexit schaut, kommt gar nicht drum herum festzustellen: Im britischen Parlament herrschen sonderbare Gepflogenheiten. Im House of Commons, dem Unterhaus, wird gebrüllt, Männer tragen goldene Stäbe durch die Gegend, Politiker stehen auf und setzen sich, stehen auf und setzen sich.

Wer nur die gelegentliche Keiferei im Bundestag gewöhnt ist – und die Briten, jenseits von Fußballspielen und alkoholschwangeren Urlaubstagen, für ein eher zurückhaltendes Volk von großer Höflichkeit hält – fragt sich unweigerlich: Was ist da los? Wir klären Fragen wie diese.

Warum brüllen die so im britischen Unterhaus?

Das hat, und darin sind die Briten ja auch gut, Tradition. Der Debatten-Stil im Unterhaus sei „traditionell der des Widerstreits“, heißt es in einer Erklärung auf der Website des Parlamentes, man höre anderen Parlamentariern zu und falle ihnen ins Wort, wenn man auf deren Ansichten reagieren wolle.

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Dieser Stil mache das Parlament zu einem „einigermaßen lauten Ort“, heißt es mit einem Understatement, das den Politikern zumindest bei Debatten abzugehen scheint; Meinungen würden auf „robuste“ Weise vorgetragen, es gebe viele Zwischenrufe und Äußerungen von Zustimmung oder Ablehnung: Da schallen Buh-Rufe und Yeah-Jubel, es gibt genervtes Aufstöhnen und unterstützendes Gemurmel.

Zum Beispiel hier, als Jeremy Corbyn, Chef der Labour-Partei, für eine geschützte Debatten-Kultur plädiert (ab Minute 4,33):

Befragung von Premierministerin May im britischen Unterhaus

Wann müssen die Parlamentarier leise sein?

Parlamentarier, die das Rederecht haben, haben auch das Recht, gehört zu werden – und zwar ohne unerträglichen Krach im Hintergrund. Wenn es zu laut wird – oder zu unflätig – ruft der „Speaker“, der Vorsitzende des House of Commons, die Politiker zur Ordnung: Seit einigen Jahren ist das John Bercow, und er muss oft und laut „Order, Order!“ brüllen. Manchmal weist er die Politiker wegen ihres Verhaltens zurecht und sorgt für den (einigermaßen) geregelten Ablauf der Debatten. Seine Position ist in etwa mit der des Bundestagspräsidenten zu vergleichen.

Das ist sicher anstrengend, aber immerhin nicht mehr lebensgefährlich. In der jahrhundertealten Geschichte des Parlamentes haben einige Speaker den Unwillen ihres Königs nicht überlebt. Dieser Tatsache gedenken die Abgeordneten mit dem Brauch, den sich spielerisch sträubenden Speaker nach seiner Wahl zu zweit zu seinem Platz zu schleifen.

Bleibt es bei Wortgefechten?

Damit sich Streithähne im House of Commons keinen Kopf kürzer machen, verlaufen vor den Bänken der gegnerischen Parteien breite, rote Linien. Der Abstand dazwischen ist angeblich etwas breiter als zwei Schwertlängen – damit die Auseinandersetzungen nicht blutig enden. Denn vor Hunderten von Jahren durften die Parlamentarier mit Schwertern zu den Sitzungen erscheinen. Wer zwischen diesen beiden Linien steht, darf übrigens nicht das Wort ergreifen.

Warum stehen Parlamentarier während Debatten auf, manchmal auch nur halb?

Es sieht ein bisschen aus wie ein Singspiel: Parlamentarier im „House of Commons“ stehen von den grün bezogenen Bänken auf – und setzen sich gleich wieder hin. Der Grund dafür: Wer etwas sagen möchte im Unterhaus, muss vom Speaker das Rederecht erteilt bekommen.

Damit der weiß, dass jemand etwas sagen möchte, stehen die Parlamentarier auf, erheben sich manchmal auch nur halb von der Bank: Das nennt sich „Catching the Speaker’s eye“, es geht also darum, dem Speaker ins Auge zu fallen.

Warum braucht das Unterhaus einen goldenen Stab für seine Sitzungen?

Auch wenn das Unterhaus ein demokratisch gewähltes Parlament ist – es tagt im Vereinigten Königreich: Jeder Sitzungstag wird durch eine feierliche Prozession eröffnet, bei der ein königlicher Zeremonienstab (The Mace) an seinen Platz in der Mitte der Kammer getragen wird.

Ist der Stab nicht an seinem Platz, kann nicht getagt werden. Es gilt als außergewöhnliche Form des Protests, wenn Abgeordnete sich den Stab schnappen und damit die Sitzung unterbrechen.

So geschehen erst kürzlich im Dezember 2018, als der Labour-Abgeordnete Lloyd Russell-Moyle seinen Unmut über die Verschiebung der Abstimmung zum Brexit-Deal ohne vorherige Befragung des Parlaments zum Ausdruck bringen wollte. (mit dpa)