Pflegereport

Studie warnt vor „Pflegeburnout“ bei pflegenden Angehörigen

Vor allem Frauen pflegen ihre Angehörigen.

Vor allem Frauen pflegen ihre Angehörigen.

Foto: imago stock / imago/Westend61

2,5 Millionen Menschen betreuen laut Pflegereport ihre Angehörigen zu Hause. Sie erkranken dabei häufig selbst – an „Pflegeburnout“.

Berlin.  Der Pflegenotstand wird sich in Deutschland verschärfen – das prognostiziert Deutschlands größte Krankenkasse Barmer, die in Zusammenarbeit mit der Universität Bremen am Donnerstag ihren Pflegereport 2018 in Berlin vorgestellt hat.

Die repräsentative Befragung hat vor allem pflegende Angehörige untersucht. Kernergebnisse: Die Pflege belastet die körperliche und psychische Gesundheit der pflegenden Angehörigen und wirkt sich negativ auf deren Arbeits- und Sozialleben aus. Gegängelt fühlen sich die Pflegenden zudem vom bürokratischen Aufwand, der mit der Pflege einhergeht. Die Folge: ein „Pflegeburnout“. Das diagnostiziert Studienautor Professor Heinz Rothgang vom Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik.

Dabei ist Deutschland auf die pflegenden Angehörigen angewiesen: Über die Hälfte der Pflegebedürftigen wird laut des Reports ausschließlich von Angehörigen gepflegt. Somit pflegen rund 2,5 Millionen Menschen ihre Angehörigen zu Hause.

Pflegenden wird viel abverlangt

„Nicht zu Unrecht werden pflegende Angehörige oftmals als ‚größter Pflegedienst der Nation‘ bezeichnet“, meint Rothgang. Die Angehörigen unterstützten dabei die Pflegebedürftigen vor allem im Haushalt und bei der Organisation des Alltags. Zudem würden sie emotionalen, psychischen und sozialen Beistand leisten.

Das verlangt den Pflegenden aber viel ab: Über die Hälfte der Pflegenden klagt laut der Studie über Rückenschmerzen, ein Viertel gibt an, unter Schlafmangel zu leiden. Fast die Hälfte der Pflegenden würde psychische Störungen entwickeln, vor allem Depressionen entstünden häufig. Pflegende Angehörige erkranken demnach zu 6,2 Prozent häufiger an psychischen Störungen als nicht Pflegende. Auch entwickeln sie 70 Prozent häufiger Belastungsstörungen.

Daraus scheint sich ein Teufelskreis zu ergeben: Jeder vierte Pflegende reduziert seine Arbeit oder gibt sie ganz auf. Bei einem Fünftel der Befragten entstünden Zukunfts- und Existenzängste. Letztlich leidet auch das soziale Umfeld: Freundschaften würden abgebrochen, gesellschaftliche Teilhabe gestalte sich als schwierig.

Immer mehr Pflegende sehen daher anscheinend ihre persönliche Grenze erreicht. 185.000 Pflegende in Deutschland gaben in der Befragung an, kurz vor einer Aufgabe der Pflege zu stehen, wenn sie keine Unterstützung erhalten sollten.

Pflichtgefühl treibt Befragten an

Pflege wird meistens als Pflicht verstanden. Mehr als die Hälfte aller Befragten gab an, dass sie sich zur Pflege verpflichtet fühlen würden, da sie ihre Angehörigen nicht in ein Heim schicken möchten. Der Anteil derjenigen, die ihre Angehörigen aus einer emotionalen Bindung heraus pflegen, liegt dagegen nur bei 6,4 Prozent.

Das Pflichtgefühl und die Angst vor schlechterer Qualität der Pflege in Heimen und beim Pflegepersonal treibt die Angehörigen an. Daher greifen sie laut der Studie nicht auf die unterstützenden Angebote des Staates zurück.

Gerade stark belastete Angehörige seien gut über die Angebote informiert. In Anspruch würden sie aber dennoch nicht genommen. Auf die Kurzzeitpflege beispielsweise verzichten viele Angehörige, weil sie sie als organisatorisch aufwendig, zu teuer und qualitativ zu gering einschätzen.

Hinzu kommt: Um Unterstützung bei der Pflege zu bekommen, müssen Anträge gestellt werden. 85 Prozent der Angehörigen kümmern sich laut der Studie täglich um die Pflegebedürftigen, über die Hälfte von ihnen widmet mehr als zwölf Stunden am Tag der Pflege. Die Pflege nimmt also auch ohne Bürokratie schon sehr viel Zeit in Anspruch. Im Antragsgeflecht fühlen sich viele Pflegende aber offenbar verloren. 60 Prozent der Befragten gaben an, dass sie sich weniger Bürokratie wünschen.

Über die Hälfte der pflegenden Männer ist über 70 Jahre alt. Zum Großteil wird Pflege aber von Frauen geleistet, verstärkt ab dem 50. Lebensjahr. Rothgang begründet dies damit, dass Männer sich eher auf die Pflege der Partnerin oder des Partners beschränken würden.

Frauen würden darüber hinaus noch verstärkt die Eltern pflegen. Männer pflegen nicht nur weniger als Frauen, sie werden auch weniger gepflegt. Das scheint allerdings pragmatische Gründe zu haben: Fast die Hälfte aller zu pflegenden Frauen ist über 80 Jahre alt. Laut Angaben des Statistischen Bundesamtes haben Männer aber nur eine Lebenserwartung von 78 Jahren.

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