Antisemitismus

80 Jahre Novemberprogrome: Das sind die wichtigsten Fakten

Novemberprogrome am 9. November 1938 vor 80 Jahren.

Novemberprogrome am 9. November 1938 vor 80 Jahren.

Foto: Sebastian Willnow / dpa

Novemberprogrome vor 80 Jahren: Am 9. November 1938 wurden in der Reichspogromnacht Juden misshandelt, verhaftet oder getötet.

Berlin.  Die Novemberprogrome am 9. November jähren sich zum 80. Mal. Der Tag ging auch als Reichspogromnacht in die Geschichte ein. In ganz Deutschland wurden jüdische Häuser und Synagogen niedergebrannt. Das sind die wichtigsten Fakten.

Novemberprogrome – Was ist am 9. November 1938 passiert?

Vor 80 Jahren, vom 9. auf den 10. November 1938, wurden in Baden, in Württemberg, in Hohenzollern und im gesamten Deutschen Reich, in Österreich und in der Tschechoslowakei die Synagogen in Brand gesetzt. Tausende Juden wurden misshandelt, verhaftet oder getötet. Warum der 9. November der „Schicksalstag der Deutschen“ ist.

Pogrom – was ist das?

Unter einem Pogrom versteht man eine Ausschreitungen gegen nationale, religiöse oder ethnische Minderheiten.

Reichskristallnacht und Reichsprogromnacht – Was ist in dieser Nacht passiert?

Reichskristallnacht ist eine weitere Bezeichnung für den Pogrom gegen die Juden im Deutschen Reich, der am 9. auf den 10. November 1938 stattfand. Das Wort „Kristallnacht“ bezieht sich auf die verstreuten Glasscherben vor den zerstörten Wohnungen, Läden und Büros, Synagogen und öffentlichen jüdischen Einrichtungen.

Der Begriff Reichspogromnacht (oder auch Pogromnacht bzw. Novemberpogrom) hat sich in den vergangenen Jahren durchgesetzt: Das Wort „Reichskristallnacht“ sollte ersetzt werden, weil es oft als verharmlosend angesehen wird.

Reichspogromnacht – was war der Anlass?

Am 7. November 1938 verübte der siebzehnjährigen polnischen Jude Herschel Grynszpan ein Attentat auf den Legationsrat der deutschen Botschaft in Paris, Ernst vom Rath. Das Attentat wurde zum Anlass für einen gegen die Juden gerichteten und angeordneten Pogrom genommen.

Wie hoch war die Zahl der Opfer der Novemberprogrome?

Mitglieder von SA (Sturmabteilung der Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei NSDAP) und NSDAP setzten während der Novemberprogrome Synagogen in Brand, zerstörten etwa 7000 Geschäfte jüdischer Einzelhändler und verwüsteten zahlreiche Wohnungen der Juden.

Nach offiziellen Angaben wurden insgesamt 91 Personen getötet. An den Aktionen beteiligten sich auch Angehörige der Hitlerjugend und weiterer NS-Organisationen. Der Mob nutzte die Chance zu Plünderungen.

Pogromnacht – Was waren die Folgen?

Etwa 26.000 jüdische Männer und Jugendliche wurden in die Konzentrationslager Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen verschleppt. Viele von ihnen starben. Andere wurden gezwungen, auf ihr Eigentum zu verzichten.

Der Großteil der Inhaftierten kam erst nach einer Auswanderungserklärung frei. Im Anschluss an die Pogromnacht wurden fast alle jüdischen Organisationen aufgelöst und die jüdische Presse verboten. Juden durften keinen Handel, kein Handwerk und kein Gewerbe mehr betreiben.

Wer plante die Novemberprogrome?

Für die Geschichtswissenschaftler steht fest, dass die Aktionen der Novemberprogrome von oben zentral angeordnet wurden. Sie waren nicht längerfristig geplant, sondern nach dem Bekanntwerden des Attentats von Paris gestartet worden.

Teilgenommen hatten an der Novemberprogrome vor allem Parteistellen der NSDAP und Einheiten der SA sowie Behörden insbesondere der Polizei und Feuerwehr.

Nach Start der Aktionen nahmen auch nicht organisierte Menschen in fast allen Städten an den Ausschreitungen teil.

Novemberprogrome – So erinnern Politiker an die Opfer

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat die Erinnerung an die Novemberpogrome vor 80 Jahren als beständige Aufgabe bezeichnet. Die richtigen Schlüsse aus der Ausgrenzung von Menschen, aus Rassismus und Antisemitismus zu ziehen, sei nicht nur Aufgabe an einem solchen Gedenktag wie dem 9. November. „Wir sollten jeden Tag darüber nachdenken“, sagte die Bundeskanzlerin am Freitag in einer zentralen Gedenkveranstaltung an die jüdischen Opfer des 9. November 1938 in der Berliner Synagoge Rykestraße.

Mit einer Gedenkstunde im Abgeordnetenhaus und einem Gedenkweg der Kirchen wurde am Donnerstag in Berlin an die Opfer der Novemberprogrome vor 80 Jahren erinnert.

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD), der evangelische Bischof Markus Dröge, der katholische Erzbischof Heiner Koch und weitere Vertreter aus Politik, Religion und Gesellschaft riefen dazu auf, Antisemitismus und Intoleranz zu bekämpfen.

Am Mahnmal für die ermordeten Juden Europas wurden aus dem Gedenkbuch des Landes Berlin die Namen der fast 56.000 von den Nazis ermordeten Berliner Juden vorgelesen.

Der Jahrestag der Pogrome war auch Thema in anderen Medien und im Fernsehen. Dunja Hayali widmet sich anlässlich der Reichspogromnacht am 9. November dem Antisemitismus.

80 Jahre Reichspogromnacht: Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden

Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Abraham Lehrer ist besorgt. Er fühle sich heute an „Zeiten wie am Ende der Weimarer Republik“ erinnert. 80 Jahre nach der Reichspogromnacht seien die Juden in Sorge über den sich ausbreitenden Antisemitismus, sagte der Kölner Synagogen-Vorstand.

Er wünsche sich mehr Unterstützung in der Bevölkerung und ein entschiedeneres Eingreifen der Behörden. Dass der Antisemitismus wachsen und offen auftreten könne, liege auch an der AfD.

Der 9. November ist so etwas wie der Schicksalstag der Deutschen. Neben den Novemberprogromen kam es an diesem Datum auch zum Mauerfall und zur Novemberrevolution. (epd/msb)

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