Konflikt

Kämpfe erschüttern Libyen – Italien fürchtet mehr Migranten

In Tripolis ist es zu heftigen Auseinandersetzungen gekommen.

Foto: STRINGER / REUTERS

In Tripolis ist es zu heftigen Auseinandersetzungen gekommen.

Die Regierung in Libyen ruft den Ausnahmezustand aus. Italien befürchtet, dass nun noch mehr Menschen über das Mittelmeer fliehen.

Tunis/Rom.  Libyen versinkt erneut im Chaos. Die Hauptstadt Tripolis, der Sitz der international anerkannten Regierung der Nationalen Einheit (GNA), wird von Gewehrfeuer und Raketensalven erschüttert. In den Straßen liefern sich rivalisierende Milizen erbitterte Gefechte. Die Regierung ruft den Ausnahmezustand aus.

Es sind die schwersten Kämpfe seit Jahren. Durch das Chaos ist rund 400 Häftlingen in Tripolis die Flucht aus einem Gefängnis gelungen. Unter den Insassen sei eine Meuterei ausgebrochen, teilte die libysche Polizei am Montagmorgen mit. Um das eigene Leben nicht zu gefährden, habe das Wachpersonal sie ziehen lassen müssen. Das Gesundheitsministerium berichtete, 49 Menschen seien ums Leben gekommen und 129 verletzt worden.

Rom dementiert Berichte

Die italienische Regierung evakuierte einen Großteil des eigenen Botschaftspersonals aus Tripolis, auch der Energiekonzern Eni flog Mitarbeiter aus. Rom dementierte allerdings Berichte, wonach geplant sei, Spezialeinheiten und Flugzeuge der Luftwaffe in Tripolis einzusetzen. Seit dem Sturz des Diktators Muammar al-Gaddafi im Jahr 2011 befindet sich das Land im Bürgerkrieg. In den vergangenen Monaten hatte sich die Lage jedoch etwas beruhigt.

Ausgebrochen waren die Gefechte vor einer Woche in verschiedenen Vororten von Tripolis, wo mächtige Milizenverbände um die Vorherrschaft in der Hauptstadt und um die Kontrolle der lukrativen Schattenwirtschaft kämpfen. Auf der einen Seite steht die sogenannte Siebte Brigade aus Tarhouna, einer Stadt 65 Kilometer südlich von Tripolis. Zu deren Gegnern gehört die „Revolutionäre Brigade von Tripolis“ (TRB), die ihr Hauptquartier im Süden der Hauptstadt hat. Mit ihr verbündet ist unter anderen die mächtige Nawasi-Brigade.

Wachsende Instabilität

Eigentlich unterstehen alle verfeindeten Kontrahenten der Einheitsregierung GNA. Doch die Milizenverbände außerhalb von Tripolis, wie die „Siebte Brigade“, verfolgen mit wachsendem Zorn, wie sich die mächtigen Clanchefs in der Hauptstadt immer ungehemmter an den staatlichen Gütern bereichern.

„Die Profite aus dieser Kaperung des Staates gehen an weniger bewaffnete Gruppen als bisher“, urteilt Wolfram Lacher, Libyen-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Dadurch sei eine sehr gefährliche Situation entstanden, „weil dies mächtige bewaffnete Kräfte vom Zugang zu Staat und Verwaltung ausschließt“. Diese Verlierer würden nun Allianzen bilden gegen das Kartell der „großen Milizen“ von Tripolis.

Angesichts der wachsenden Instabilität befürchtet Italien einen erneut anwachsenden Flüchtlingsansturm . Für Bootsflüchtlinge, die über das Mittelmeer nach Europa kommen wollen, wird die Überfahrt allerdings immer gefährlicher: Auf der zentralen Mittelmeerroute von Libyen nach Italien ist in diesem Jahr im Schnitt einer von 18 Flüchtlingen ums Leben gekommen oder wird vermisst – im Vorjahreszeitraum starb oder verschwand einer von 42 Menschen.

1600 tote oder vermisste Flüchtlinge dieses Jahr

Das berichtet das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR in einem am Montag in Brüssel vorgestellten Bericht für die Monate Januar bis Juli. Insgesamt wurden in diesem Jahr schon 1600 tote oder vermisste Flüchtlinge auf dem Mittelmeer gezählt, davon knapp 1100 auf der Route von Libyen nach Italien. Als Grund für das stark gestiegene Risiko nennt das UNHCR die Einschränkungen für Rettungsboote von privaten Hilfsorganisationen vor der libyschen Küste.

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