Interview

Warum „Now or Never“ für Tinka Fürst „wie ein Geschenk“ war

Szene aus „Now or Never“: Rebecca (Tinka Fürst) hat sich von Henry (Michael Pink) in die Berge bringen lassen, weil sie einen Wunderheiler aufsuchen will.

Szene aus „Now or Never“: Rebecca (Tinka Fürst) hat sich von Henry (Michael Pink) in die Berge bringen lassen, weil sie einen Wunderheiler aufsuchen will.

Foto: Un attimo Photographie / dpa

In „Now or Never“ verlangt eine junge Frau nach Sterbehilfe. Im Interview verrät Tinka Fürst, warum die Rolle eine sehr persönliche war.

Berlin. Egal, ob sie neben Moritz Bleibtreu in „Die Protokollantin“ oder neben Katja Riemann in „Forget about Nick“ im Bett liegt. Ob sie mit Bela B. und Corinna Harfouch in „So was von da“ Silvester feiert oder in „Ku’damm 63“ zu sehen ist – Tinka Fürst strahlt auf dem Bildschirm immer eine ordentliche Portion Lebensfreude aus.

Auch in ihrem neuen Film „Now or Never“ (Mittwoch, 24. Juni, 20.15 Uhr im Ersten) weiß sie das Leben zu genießen – und das, obwohl sie in ihrer Rolle als Rebecca stirbt.

Tinka Fürst in „Now or Never“: Darum geht es

Rebecca leidet an einem Gehirntumor. Deshalb reist sie in die Schweiz, um mittels Sterbehilfe aus dem Leben zu scheiden. Vorher will sie aber noch mal so richtig mit ihrem Sterbehelfer Henry (Michael Pink) feiern. Als Henry ihr am nächsten Tag das tödliche Medikament verabreichen will, ist sich Rebecca ihrer Sache plötzlich nicht mehr so sicher.

Im Gespräch mit der Redaktion der Goldenen Kamera verrät Tinka Fürst (32), was sie über den Tod denkt und warum sie sich schon vor den Dreharbeiten mit dem Thema Sterben auseinandersetzen musste.

Sie spielen in „Now or Never“ eine junge Frau, die aufgrund eines Gehirntumors beschließt, ihr Leben zu beenden. Wie setzt man sich mit einer solchen Rolle auseinander?

Tinka Fürst: Die Einladung zum Casting war für mich wie eine Fügung des Schicksals. Es fühlte sich absurd an, dass ich mich auch im Beruflichen mit diesem Thema beschäftigen sollte. Zwei Jahre zuvor war bei einer meiner engsten Freundinnen ein inoperabler Gehirntumor diagnostiziert worden. Ich war mir deshalb überhaupt nicht sicher, ob ich diese Rolle spielen kann und ob ich das überhaupt will.

War es für Sie überhaupt möglich, das Berufliche und Private zu trennen?

Fürst: Auch wenn es natürlich viele Parallelen gibt, hat es mir geholfen, zu denken: Dies ist Rebeccas Geschichte. Sie ist fiktional und nicht die Geschichte meiner Freundin.

Aber trotzdem gingen Ihnen die Dreharbeiten sicherlich nahe, oder?

Fürst: Ja, zum Beispiel der Moment, als Rebecca sagt: „Es ist okay, ich will jetzt sterben“, das ist mir sehr nahegegangen. Die Dreharbeiten haben viel mit mir gemacht. Trotzdem war die Rolle auch ein Geschenk für mich, denn dieses Thema hat mich ja eh sehr beschäftigt.

Inwiefern hat das Schicksal ihrer Freundin Ihnen geholfen, sich auf den Dreh vorzubereiten?

Fürst: Meine Erfahrungen haben mir schon geholfen. Leider kannte ich mich ja sehr gut mit dieser Thematik aus und musste weniger als sonst recherchieren. Den Prozess der Chemotherapie zum Beispiel hatte ich aus nächster Nähe mitbekommen.

Darf ich fragen, wie es Ihrer Freundin momentan geht?

Fürst: Zum Glück geht es ihr heute gut. Der Tumor ist inaktiv.

Was war für Sie als Schauspielerin die größte Herausforderung?

Fürst: Das war für mich die Sterbeszene, in der mich Michael Pink in einen eiskalten Bergsee trägt, in dem ich dann untergehe. Ich hatte sehr großen Respekt vor diesem Moment. Der Regisseur, der Tonmann und unser Maskenbildner sind mit uns in dieses sehr, sehr kalte Wasser gegangen. Michael sagte: „Ich gehe hier nicht ohne Dich wieder raus.“ Das Team hat mich in diesem Moment unterstützt.

Rebecca bringt eine Nonne dazu, sie zu schlagen, versenkt ein Polizeiauto im See und befreit einen Pinguin. Was davon hätten Sie am ehesten an ihrer Stelle in einer solchen Ausnahmesituation unternommen?

Fürst: Ich fand alle Aktionen lustig und schräg. Ich hätte wahrscheinlich auch ein Tier aus dem Zoo befreit.

Haben Sie im Leben auch schon solche verrückten Sachen gemacht?

Fürst: (lacht) Ja, viele, aber die kann ich nicht öffentlich sagen. Ich stürze mich gern ins Unbekannte. Zum Beispiel reise ich gerne. In Kalifornien habe ich mir mal für zwei Monate ein Auto geliehen und bin allein, völlig ohne Plan, losgefahren. Ich wusste noch nicht mal, wo ich schlafe.

Ist das auch der Grund, warum so viele Ihrer Filme vom Leben im Jetzt handeln?

Fürst: Es ist tatsächlich etwas, was mich auch persönlich sehr beschäftigt: Was zeichnet das Leben aus? Haben wir mehr als nur diesen Moment. Vielleicht werde ich deshalb so oft für diese Rollen angefragt. Durch die Diagnose meiner Freundin habe ich gelernt, wie wichtig es ist, im Moment zu leben.

Haben Sie denn Angst, etwas zu verpassen?

Fürst: Das nicht. Mein Leben ist voll und bunt. Bei Rebecca sehen wir diesen verzweifelten Versuch, noch mal alles leben zu wollen. Mich beschäftigt auch diese Getriebenheit, alles auf einmal zu wollen. Lebe ich auch die richtige Version meiner selbst?

Kennen Sie die Angst vorm Sterben?

Fürst: Ich kenne eher die Angst davor, einen geliebten Menschen zu verlieren. Zum Thema Tod habe ich komplexe und widersprüchliche Gefühle. Er gehört zum Leben dazu, was wir akzeptieren müssen. Deshalb finde ich es wichtig, darüber zu sprechen. Es bleibt die Frage, was nach dem Tod kommt. Ich weiß nicht, woran ich glauben soll. Es gibt kein gängiges Model für mich. Für mich geht es eher um die Suche nach einer Antwort.

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Was würden Sie tun, wenn Sie nur noch 24 Stunden zu leben hätten?

Fürst: Ich würde gern mit meinen Freunden und liebsten Menschen in Ruhe Zeit an einem schönen Ort verbringen.

Haben Sie gar keine Vorstellungen von Ihrer Zukunft, so etwas wie einen Fünf-Jahresplan?

Fürst: Ich formuliere zwar Wünsche, aber ich mache keine Langzeitpläne. Ich bin nicht so ein strategischer Mensch. Es kommt eh immer anders.

Von der Zukunft zur Vergangenheit – wie kamen Sie auf die Idee, Schauspielerin zu werden?

Fürst: Da hatte auch der Zufall seine Finger mit im Spiel. Ich habe als Jugendliche viel Ballett getanzt. Die damalige Freundin meines Vaters meinte, ich soll beim Friedrichstadtpalast vortanzen. Dort landete ich aus Versehen beim Casting für die Schauspielgruppe und wurde beim Kinder- und Jugendensemble aufgenommen. Später habe ich eine klassische Ausbildung am Max-Reinhart-Seminar in Wien absolviert und spielte viel Theater. Ich liebe die Bühne immer noch heiß und innig.

Stehen Sie denn lieber auf der Bühne oder vor der Kamera?

Fürst: Ich liebe beides. Es sind für mich zwei unterschiedliche Kunstformen.

Und wo werden wir Sie demnächst sehen?

Fürst: Ich habe mit Freunden während des Lockdowns unter Quarantäneauflagen gedreht – die Serie wird gerade bearbeitet. Bei Ku‘damm 63 spiele ich eine alte Bekannte der Rolle Freddy. Den Dreh mussten wir aufgrund von Corona unterbrechen. Aber das geht bald weiter.

• Dieses Interview erschien zuerst

  • „Now or Never“ läuft am Mittwoch, 24. Juni, um 20.15 Uhr im Ersten