Interview

Daniel Radcliffe: Warum er „Harry Potter“ loswerden will

"Guns Akimbo" (OV): Wahnwitziger Action-Trailer mit Daniel Radcliffe

Miles ist ein Nerd und steckt in der Sackgasse. Doch eines Tages wacht er mit implantierten Knarren an den Händen auf und ist Teil einer gladiatorenhaften Live-Streaming-Show.

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Daniel Radcliffe (31) über sein „Harry Potter“-Image, seinen neuen Film „Guns Akimbo“ und wie er seine Alkoholsucht überwand.

Berlin. 

  • „Guns Akimbo“ ist die neue Action-Komödie mit Daniel Radcliffe, die ab Ende Juni im Kino zu sehen sein wird
  • Wie steht Radcliffe zu „Harry Potter“? Welche Rolle spielt kommerzieller Erfolg für den 31-Jährigen? Und wo kann er ganz er selbst sein?
  • Ein Interview mit dem erfolgreichen Schauspieler und ehemaligen „Harry-Potter“-Star

Sitzt man dem 1,65 Meter großen Schauspieler mit den blauen Augen gegenüber, möchte man ihn fast ein bisschen beschützen. Vor einer Welt, die ihn für immer als Harry Potter in Erinnerung behalten will. Die nicht sehen will, was für fabelhafte Rollen Daniel Radcliffe mittlerweile gespielt hat. Zum Beispiel in Filmen wie „Die Frau in Schwarz“, „Kill Your Darlings – Junge Wilde“ oder „Der Kurier “.

In seinem neuen Film, der Action-Komödie „Guns Akimbo“ (ab 25. Juni im Kino), spielt der 31-Jährige einen Computer-Nerd namens Miles, der im Darknet zufällig auf einen Live-Stream stößt, in dem die Teilnehmer zu tödlichen Duellen antreten.

Mr. Radcliffe, Ihr „Harry Potter“-Exorzismus scheint Ihnen nach wie vor großen Spaß zu machen.

Daniel Radcliffe: (Lacht) Ja, davon können Sie ausgehen. Aber ich würde es nicht unbedingt „Exorzismus“ nennen. Ich spiele mittlerweile nur ganz andere Rollen als früher.

Zum Beispiel eine ständig flatulierende Leiche in dem Film „Swiss Army Man“, oder in „Guns Akimbo“ einen Nerd in Bademantel und Felltatzen-Hausschuhen mit angeschraubten Pistolen an beiden Händen.

Ist das nicht ein irres Bild? (Lacht) Zugegeben, das erinnert nicht unbedingt an Harry Potter, aber das soll es ja auch nicht. Allerdings habe ich auch schon zur Zeit der „Harry Potter“-Verfilmungen versucht, mich nicht auf diese eine Rolle festlegen zu lassen. In dem Theaterstück „Equus“ habe ich zum Beispiel einen psychisch gestörten Stalljungen gespielt…

… und nackt waren Sie in dieser Rolle auch zu sehen, was damals für großes Aufsehen sorgte.

Oh ja, aber das ist doch Schnee von gestern. Eigentlich habe ich mich schon sehr früh als Schauspieler begriffen – und nicht als Harry-Potter-Darsteller. Allerdings musste ich nach dem Ende des „Harry Potter“-Franchise noch einmal von ganz vorne anfangen. Es war alles andere als einfach, das „Potter“-Image loszuwerden…

Schnell war mir klar, dass ich diesen Neuanfang am besten mit Rollen bewerkstelligen konnte, die niemand von mir erwartete. Das zu wagen, dazu gehörte allerdings ein große Portion Mut. Aber Schüchternheit hat in der Filmbranche sowieso nichts zu suchen. Also bin ich einfach kopfüber ins kalte Wasser gesprungen. Und künstlerisch hat es mich schon damals viel mehr zu Arthouse-Movies hingezogen als zum Mainstream. Denn im Independent-Kino wird definitiv mehr riskiert. Und das kommt mir sehr entgegen. Das erklärt vielleicht auch meine eklektische Rollen-Wahl.

Mit den „Harry Potter“-Filmen haben Sie sicher obszön viel Geld verdient. Da waren Sie gerade mal Anfang 20.

Als die letzte Klappe zum letzten „Potter“-Film fiel, war das ein großer Befreiungsschlag. Plötzlich konnte ich mir die Projekte aussuchen, die ich wirklich machen wollte – ohne dabei aufs Geld zu schauen. Und Sie liegen nicht falsch: In diesem Leben muss ich mir tatsächlich keine finanziellen Sorgen mehr machen. Das macht mich in beruflichen Dingen völlig unabhängig. Und das empfinde ich als großes Privileg. Der Weg dorthin war aber alles andere als leicht.

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Sie mussten viele Federn lassen?

Das kann man so sagen. Ich war gerade mal elf Jahre, als ich zu Harry Potter wurde. Und der Druck, zehn Jahre lang einen Harry-Potter-Film nach dem anderen zu liefern, war wirklich immens hoch. Das hat mich letztlich zum Alkoholiker gemacht. Ich kann heute noch mit dem Finger auf Film-Szenen von damals zeigen, bei denen ich total weggeschossen war. Zwei tote Augen – nichts dahinter. Hinzu kam noch, dass ich so gut wie keinen Schritt in der Öffentlichkeit tun konnte, ohne von Paparazzi fotografiert oder von Fans belagert zu werden. Dieses Leben unter dem Vergrößerungsglas hat mich total verängstigt. Und da ich privat eher der schüchterne Typ bin, habe ich immer öfter ein paar Drinks gekippt, um meine Hemmungen loszuwerden. Das hat eine Zeit lang auch gut funktioniert – bis ich merkte, dass ich ohne Sprit im Blut keinen Spaß mehr am Leben hatte. Das war das Alarmsignal. Aber ich habe es schließlich geschafft vom Alkohol loszukommen. Ich bin schon seit Jahren trocken!

Ist es Ihnen eigentlich egal, ob Ihr Film Erfolg hat – oder floppt?

Egal ist mir das nicht. Natürlich wünsche ich mir, dass viele Zuschauer meine Filme sehen. Aber ich schiele schon lange nicht mehr nach kommerziellem Erfolg. Denn originelle und mutige Filme sind heutzutage ja meist keine großen Kassenerfolge mehr, was ich sehr schade finde. Aber an solchen Filmen hängt nun mal mein Herz.

Wo und wann können Sie dann ganz Sie selbst sein?

Bei mir Zuhause. Bei meiner Familie. Wenn ich Zeit mit meiner Freundin verbringe (seit 2013 ist er mit der amerikanischen Schauspielerin Erin Darke zusammen; Anm. d. Redaktion). Oder mit Freunden. Da bin ich dann Daniel pur.