ARD-Krimi

Kölner „Tatort“: Trauma bei Polizisten – wo gibt es Hilfe?

Das sind die beliebtesten Tatort-Kommissare

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Kommissar Ballauf ist stark traumatisiert, nachdem er eine Kollegin erschossen hat. Wie unterstützt die Polizei in der Realität ihre Kollegen?

Berlin. Max Ballauf (Klaus J.Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) ermitteln im Kölner „Tatort“ „Gefangen“ in einer Psychiatrie. Dabei ist es vor allem Kommissar Ballauf, der Hilfe braucht. Auch er ist „gefangen“ – und zwar in seinen Erinnerungen. In der Folge „Kaputt“ hatte Ballauf in Notwehr die tatverdächtige Polizistin Melanie Sommer erschossen. Vor seinem geistigen Auge taucht diese nun immer wieder auf und spricht mit ihm. Ihn plagen Albträume und Schuldgefühle.

Sprechen kann er über das Trauma nicht mal mit seinem Kollegen Schenk. Auf dem Schießstand eskaliert die Situation, als Ballauf die Kontrolle verliert und wie wild losschießt.

Dass sich Polizisten und Kommissare nach belastenden Erlebnissen nicht sofort wieder erholen, kommt nicht nur in „Tatort“-Episoden, sondern auch in der realen Polizeiarbeit immer wieder vor. Dass Ballauf in seinem Umgang mit dem Trauma kein Vorbild ist, dürfte schnell einleuchten. Wie aber sollten sich Polizisten nach solchen Erfahrungen am besten verhalten? Wo bekommen sie Hilfe? Und welche Erlebnisse können ein solches Trauma, wie Ballauf es durchmacht, auslösen? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Was ist ein Trauma?

Ein Trauma bezeichnet eine seelische Verletzung. Ausgelöst wird dieses von einem belastenden Ereignis oder einer Situation, die von der Person nicht bewältigt - beziehungsweise kognitiv verarbeitet - werden kann. Das Ereignis überfordert die eigenen Bewältigungsmechanismen, weil es sich hierbei eben nicht um etwas handelt, was man schon unzählige Male erlebt oder erfahren hat. Das kann zu hohem seelischen Stress führen.

Kommissar Ballauf reagiert auf den Tod seiner Kollegin mit Schuldgefühlen und Alpträumen. Innere Unruhe, Schreckhaftigkeit oder Niedergeschlagenheit können ebenso Reaktionen auf ein Trauma sein. Lesen Sie hier die Kritik: Kölner „Tatort: Gefangen“ – Ballauf und die Gespenster

Was kann bei Polizisten ein Trauma auslösen?

Laut Thomas Kubera, Leitender Polizeidirektor und unter anderem mitverantwortlich für das Gesundheitsmanagement der Polizei in Nordrhein-Westfalen, gibt es in der Polizeiarbeit „mannigfaltige Auslöser“ für Traumata. Dazu gehören neben der Schussabgabe in Notwehr (wie im aktuellen „Tatort“) Verkehrsunfälle, Suizide, Brände und viele andere Situationen. „Wenn Personen im Auto eingeklemmt sind und sie sich nicht befreien lassen oder sie vor lauter Angst aus einem brennenden Haus springen, dann kann das auch einen Polizisten sehr stark beschäftigen“, sagt Kubera.

Auch wenn dafür keine flächendeckenden Studien vorlägen, ist sich Kubera sicher: Polizisten oder auch Feuerwehrmänner haben ein deutlich höheres Risiko eine Störung zu erleiden als andere Berufsgruppen in Deutschland. Dabei müsse es sich nicht immer um eine posttraumatische Belastungsstörung handeln. Auch Angstzustände oder Depressionen seien denkbar. Nicht immer würden die seelischen Folgen unmittelbar nach dem Ereignis auftreten, manchmal auch erst nach Wochen oder Monaten.

Wie unterstützt die Polizei ihre Mitarbeiter nach traumatischen Erlebnissen?

Damit die Polizisten Erfahrungen mit Tod oder Gewalt besser verarbeiten können, leistet die Polizei in Nordrhein-Westfalen Präventionsarbeit – sowohl während der Ausbildung als auch später im Beruf. Dabei werden verschiedenen Szenarien durchgespielt: Was könnte mich bei diesem oder jenem Einsatz erwarten?

Die Polizei in NRW hat außerdem ein sogenanntes PSU-Team aufgebaut (psychosoziale Unterstützung), bestehend aus Polizeibeamten, Medizinern und Seelsorgern. Gibt es einen Einsatz, der für das Team oder einen Einzelnen belastend gewesen sein könnte, so wird dieses PSU-Team tätig und führt eine Sofortintervention durch.

„Hier besprechen wir mit allen Beteiligten: Was ist vorgefallen? Gibt es einen Betreuungsbedarf? Was könnte es für Folgen haben? Das findet ganz ohne Druck statt“, erklärt Christoph Pahlke, Leitender Regierungsmedizinaldirektor und Mitglied des PSU-Teams. Je nachdem wie groß der Bedarf sei, könnten die Einzelnen dann einmal oder mehrmals diesen Dienst in Anspruch nehmen. 120 „Einsatzanlässe“ habe das Team laut Pahlke pro Jahr.

In einem weiteren Schritt ist es aber auch möglich, Hilfe durch Psychologen des Sozialwissenschaftlichen Dienstes der Polizei zu bekommen oder auch eine Therapie zu beginnen. Die Polizei NRW nutzt dafür auch externe Psychologen. Laut Pahlke kämen zwei Drittel der Betroffen mit den Erlebnissen allein zurecht, ein Drittel bräuchte psychologische Unterstützung.

Im Tatort „Gefangen“ hat Kommissar Max Ballauf Probleme, Hilfe anzunehmen. „Vor etwa 25 Jahren war es noch so, dass Polizisten dachten: Sowas brauchen wir nicht. Das hat sich zum Glück geändert“, betont Pahlke. Hier habe in den vergangenen Jahren ein Kulturwandel stattgefunden. Früher habe man sich eher spöttisch über Menschen mit seelischen Erkrankungen geäußert und diese als „Weich-Keks“ bezeichnet. Psychische Erkrankungen würden inzwischen weniger stark stigmatisiert und tabuisiert. „Es handelt sich zwar um Menschen in Uniform, aber auch die haben Gefühle.“

Wie hätte sich Ballauf nach dem tödlichen Erlebnis am besten verhalten?

Der Experte empfiehlt: Reden statt ignorieren. „Und das am besten mit geeigneten Gesprächspartnern. Es muss nicht immer die eigene Frau sein. Wichtig ist, dass derjenige, die Situation und den Polizeibetrieb kennt und dass er Empathie zeigt“, sagt Kubera. Empfehlenswert sei es auch, zu entschleunigen, Pause zu machen. Einfach mal abzuschalten und sich nicht in den nächsten Fall zu stürzen.

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